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Musik kaufen oder mieten?

01.06.2004 | 17:08 Uhr |

Microsofts neueste DRM-Technologie "Janus" soll digitalen Mediendateien das Verfallsdatum beibringen. Hat ein solches Modell Zukunft?

Zeitlich begrenzt nutzbare Inhalt sind ein lang gehegter Wunsch der Musik- und Filmindustrie, die vor dem Erfolg des iTunes Music Stores schon mit diversen weit gehend gescheiterten Projekten versuchte, dieses Vertriebsmodell als legale Online-Alternative zu CDs zu etablierten. Microsoft will nun zukünftig mit dem in Windows Media integrierten "Janus" der Industrie das Gewünschte liefern. Im gleichen Atemzug soll bis Jahresende ein Musicplayer kommen, der angeblich 80 Prozent billiger sein soll als der iPod, mit "MSN Music" baut Redmond das Pendant zum iTunes Music Store. Janus, der zweiköpfige Gott der römischen Mythologie und Namensgeber des Monats Januar, steht sinnbildlich für den Anfang und das Ende. Die Insignien des Gottes sind Schlüssel und Pförtnerstab. Er war bevorzugt als Torhüter über Bogengängen zu finden, wo er mit seinen zwei Gesichtern die Kommenden und die Gehenden im Auge behielt. Da er laut Mythos auch die Menschen im Gebrauch von Geld unterwies ist die Namenswahl Microsofts wohl sehr treffend. Das Musik-Geschäftsmodell hinter Janus scheint auf den ersten Blick attraktiv zu sein: So viele Songs herunterladen wie man will, gegen eine monatliche Gebühr - die Songs haben jedoch ein Verfallsdatum und beim Brennen auf CD ist noch einmal eine Gebühr fällig.

Allgemein herrscht die Übereinstimmung, dass der Erfolg des iTunes Music Stores hauptsächlich in dessen problemloser Handhabung und in den sehr einfachen DRM-Einschränkungen zu begründen ist. Steve Jobs hat oft betont, dass das erklärte Ziel war, den Kunden das Gefühl zu geben, dass sie die Songs nach dem Einkauf wirklich besitzen. Ausserdem wolle man den Kunden nicht durch zuviel DRM das Gefühl geben, ein potenzieller Verbrecher zu sein. Laut Jobs - und vielen anderen - ist das Mietmodell deswegen gescheitert, weil der Kunde sich nicht mit dem Mieten von Musik anfreunden konnte. Maureen Ryan vom Chicago Tribune bricht nun eine Lanze für die mietbare Musik und gibt zu bedenken, dass wir schon lange eine Vielzahl von Dingen mieten, ohne dass uns das seltsam vorkommt - etwa Autos, Wohnungen oder Videos. Da viele CDs im Regal verstauben ohne dass wir diese jemals wieder hervorkramen wäre also das Mieten von Musik oberflächlich betrachtet eine sinnvolle Idee. Man könnte so viele der neuesten Hits hören wie man wollte, eben gegen eine monatliche Gebühr. Und da nichts uninteressanter ist als der Sommerhit vom vergangenen Jahr, würde dieses Modell der modernen Konsumgesellschaft eigentlich eher entgegenkommen.

Kommentar

"Besitzen" gibt den Menschen immer ein besseres Gefühl als "mieten". Mietwohnungen sind für die meisten Leute nur eine Übergangslösung auf dem längerfristigen Weg zum Eigenheim. Die Zahl der Mietautos ist verschwindend gering im Vergleich zu gekauften Autos. Auch das Mieten von Videos hat eher damit zu tun, dass das Ausleihen und einmalige Konsumieren eines Films Kino-ähnlichen Charakter hat als damit, dass der Durschnittskonsument das Ausleihen dem Besitz vorzieht. Auch anzumerken ist in dem Zusammenhang, dass die Filmindustrie gerade seit der DVD einen immer größeren Teil des Umsatzes mit Kaufvideos macht. Außerdem würde die Musikindustrie wohl kaum ganz klar das Mietmodell favorisieren, wenn es unter dem Strich für sie nicht profitabler und damit in Konsequenz für den Endverbraucher teurer wäre.
Und letztlich wäre zu bedenken, dass die meistverkauften CDs ohnehin den ganzen Tag im Radio und bei MTV und Co in Rotation laufen. Der Besitz eigentlich omnipräsenter Musik ist trotzdem so attraktiv, dass sehr viele Menschen dafür Geld ausgeben. Die Vermietung und restriktives DRM favorisierenden Dienste der Musikindustrie wie Musicnet, Pressplay und Rhapsody sind in Relation zum mietfreien iTunes Music wohl auch nicht ohne Grund erfolglos geblieben. Kein Konsument will, dass der MP3-Player am Strand, fernab jeglichen Internets, sich plötzlich weigert, die Songs abzuspielen weil das Zertifikat abgelaufen ist.

Info: Baltimore Sun

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