877548

Musikbranche rüstet sich für Geschäftswandel

24.04.2001 | 00:00 Uhr |

Die Internetnutzer haben der Musikindustrie Beine
gemacht. Kostenlose Musiktauschbörsen wie Napster und Gnutella
zeigten den Großen der Branche, dass das Internet weit mehr ist als
ein reines Marketinginstrument.

«Napster hat inzwischen 70 Millionen Nutzer. Das können nicht
alles Kriminelle sein», sagte Andreas Schmidt, Chef der Bertelsmann
E-Commerce Group (BeCG). Jetzt müsse die Industrie die Verantwortung
übernehmen, den Kunden Musik übers Internet zur Verfügung zu stellen
und gleichzeitig Urheberrechte zu schützen.

Tim Renner, Präsident von Universal Music Deutschland, stimmte
seinem Konkurrenten am Montag auf dem Medienkongress «hamburger
dialog» zu: «Wir werden einen drastischen Wandel erleben.» Erfreulich
sei, dass Bertelsmann Napster auf einen legalen Weg bringen wolle.
Die Musikindustrie hatte gegen die kostenlose Musiktauschbörse wegen
Urheberrechtsverletzungen erfolgreich geklagt. Nach Renners Meinung
müsste die Branche jetzt konkrete Angebote an den Konsumenten machen.
«Alles, was nicht kundenorientiert ist, ist dem Untergang geweiht»,
sagte der Universal-Chef.

So viel Einigkeit wie zwischen den Podiumsteilnehmern Renner und
Schmidt demonstriert scheint in der Branche jedoch nicht zu
herrschen. Fachleute gehen von einer heftigen Marketingschlacht aus.
Die beiden weltgrößten Musikfirmen Universal Music Group und Sony
Music Entertainment planen mit dem Gemeinschaftsprojekt «Duet» für
den Sommer einen gebührenpflichtigen Online-Musikservice. Warner
Music, Bertelsmann Music Group (BMG) und EMI starteten eine
Gegenoffensive mit der Online-Plattform «MusicNet». Durch die Allianz
kann Bertelsmann nun auch Lizenzen für die Musiktitel aller drei
Plattenfirmen an den Partner Napster übertragen.

Egal welcher Online-Plattform sich der Musikliebhaber zuwendet, um
das Bezahlen kommt er bei den Angeboten der Plattenmultis nicht
herum. Mit einem kostenpflichtigen Vertriebsmodell der Partner
Bertelsmann und Napster sollen Nutzer der bisher kostenlosen
Musiktauschbörse ab 1. Juli keine Stücke mehr im MP3-Format auf CD
brennen können. Für eine monatliche Mitgliedsgebühr zwischen sechs
und 21 Mark können Nutzer die Musik lediglich zum Hören auf den PC
laden. Kosten fallen auch bei der Konkurrenz Duet an, die Musik von
Sony, Universal und anderer Firmen anbieten will. Universal-Chef
Renner geht davon aus, dass Musik auch für eine zeitlich begrenzte
Zeit zu erwerben ist.

BeCG-Präsident Schmidt will sich nicht allein auf den Computer
beschränken. «Ich bin der Überzeugung, dass das Handy der Walkman der
Zukunft wird», sagte Schmidt. Der Kunde werde sich zum Beispiel bei
Napster ein eigenes Musikarchiv anlegen und die Lieder dann über
verschiedene Geräte abrufen können.

Bislang hat das Internet den Ertrag der Musikindustrie nur gering
geschmälert. Im vergangenen Jahr verkaufte sie 3,8 Prozent weniger
Tonträger als im Jahr zuvor. Der Umsatz der deutschen Plattenfirmen
ging um 2,2 Prozent auf 4,78 Milliarden Mark zurück.
dpa

0 Kommentare zu diesem Artikel
877548