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Musikbranche sucht weiter Wege aus Krise

19.08.2002 | 11:49 Uhr |

Popkomm 2002: Das waren bis zum Sonntag drei Tage laute Musik, drei Tage Partys, drei Tage Vorträge und Diskussionen über die Zukunft einer kränkelnden Branche. An den Problemen hat sich seit dem vergangenen Jahr wenig geändert. Auf der weltgrößten Messe der Musikbranche wurden erneut zehnprozentige Umsatzeinbrüche gemeldet, wurden Internet-Downloads und die CD-Brennerei als Untergang der Popmusikbranche gegeißelt. Nach wie vor geht es um fehlende legale Internet-Musikangebote und neue, möglicherweise zukunftsweisende Geschäftsmodelle.

Die von den fünf großen Plattenfirmen Universal, Sony, Warner, EMI (jetzt Capitol) und BMG entwickelten Internetmusikplattformen "Pressplay" und "Musicnet" können bis heute nur US-Websurfer nutzen, eine Wende brachten sie aber auch dort nicht. Zu groß sind die Verlockungen der Tauschbörsen ö la Napster. Immerhin gab Universal wenige Tage vor der Popkomm den Startschuss für das deutsche Internetportal "popfile.de". Zunächst stehen dort 5000 Songs zum Herunterladen zur Verfügung, für 99 Cent pro Musikstück.

"Der Run auf popfile hat in den ersten Tagen den Server abstürzen lassen", berichtete Universal-Deutschland-Chef Tim Renner. Ein erster Schritt wenigstens, heißt es aus der Branche, doch: "Nur ein plurales, Label übergreifendes Angebot im Netz ist letztendlich attraktiv für den Konsumenten", brachte es Warner-Music-Chef Bernd Dopp auf den Punkt.

Doch auch die Plattenbosse räumen ein, dass das Problem nicht nur auf die digitale Verfügbarkeit und das einfache Kopieren der Daten zurückzuführen ist. Man habe auch das Künstlerrepertoire vernachlässigt. In den Boom-Jahren der 90er sei zu sehr auf schnelle Hits hin gearbeitet worden, darüber habe man vergessen, langfristige Acts aufzubauen, die Fans und somit Käufer binden, gestand nicht nur Renner ein. Das so genannte A&R-Geschäft (Artist & Repertoire) - also der Aufbau, die Betreuung und Entwicklung von Künstlern - müsse wieder stärker in den Vordergrund rücken.

Ganz besondere Probleme plagen zudem deutsche Künstler, die auf Deutsch singen, unterstrichen Plattenbosse, Künstler und Politiker in Köln. "Wir brauchen eine Radioquote für deutsche Songs", forderte Gerd Gebhardt, Vorsitzender der deutschen Phonoverbände und bekam Unterstützung von der Bundesregierung in Person des Kulturstaatsministers Julian Nida-Rümelin.

In den Mainstream-Radios der öffentlich-rechtlichen wie der privaten Sender "ist der Anteil sowohl der deutschen als auch der deutschsprachigen Produktionen geradezu dramatisch gering", sagte Nida-Rümelin unter Berufung auf eine Studie der Media Control. Demnach spielen die 30 größten Radiosender im Pop-Mainstream-Bereich pro Tag ganze 3 deutsche Titel.

Die deutsche Musikindustrie will, dass die Radiosender verpflichtet werden, 50 Prozent ihres Programms mit Newcomern zu bestreiten. Die Hälfte davon wiederum sollen deutschsprachige Titel sein. Ein ähnliches Modell wird seit Jahren in Frankreich mit Erfolg praktiziert. So weit will Nida-Rümelin aber nicht gehen. Er fordert vielmehr eine "freiwillige Selbstverpflichtung" der Radiosender.

Doch die Popkomm bewies auch, dass nicht die Musik selbst in der Krise ist, sondern das Geschäft mit ihr. "Nie wurde so viel Musik gehört (wie heute), nur bezahlt wird dafür immer weniger", meinte Gebhardt. Die Popkomm-Gala und die Verleihung des Viva-Medienpreises Comet begeisterten unterdessen die Fans mit Stars wie Ronan Keating, Die Toten Hosen und Ashanti. Und auch das traditionelle Ringfest lockte am Wochenende wieder knapp zwei Millionen Menschen in die Kölner Innenstadt - zum "größten Musikfest der Welt", wie es die Veranstalter nennen.

Die Messe selbst musste einen Ausstellerrückgang von rund 5 Prozent auf 797 hinnehmen. Mit 14 553 Fachbesuchern kamen sogar 14 Prozent weniger Menschen in die Messehallen als 2001. dpa

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