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Musikindustrie teilt "Internet-Kuchen" auf

22.05.2001 | 00:00 Uhr |

Kleine Startups und Privatleute haben für
den Musikvertrieb im Internet den Grundstein gelegt und die nötige
Technik entwickelt. Mit kostenlosen Musiktauschbörsen wie Napster,
MP3.com oder Gnutella haben sie im Internet eine ganz neue Fankultur
geschaffen und bewiesen, dass das weltweite Datennetz auch für die
Musikbranche mehr ist als ein reines Marketinginstrument.

Nach langem Zögern und zahlreichen Prozessen wegen
Urheberrechtsverletzungen gegen die Internet-Firmen setzen nun alle
Großen der Branche auf die neuen digitalen Vertriebswege. Mit der
Übernahme der Internet- Musikplattform MP3.com durch den französisch-
kanadischen Mischkonzern Vivendi Universal gehört die vorerst letzte
Auseinandersetzung vor Gericht mit einer der großen Tauschbörsen der
Vergangenheit an.

Der Konzern erhofft sich von dem Erwerb für 372 Millionen Dollar
vor allem Unterstützung für seine eigene Großhandels-Musikplattform
Duet, die Vivendi im Sommer im Internet starten will. Das
börsennotierte Unternehmen eröffnet sich mit diesem Schritt aber auch
erstmals direkten Zugang zu Endkunden. «Wir werden bei MP3.com
sicherlich bald 40 Millionen Abonnenten und noch 2001 ein
finanzielles Gleichgewicht erreichen», sagte Vivendi Universal-Chef
Jean-Marie Messier der französischen Tageszeitung «Le Figaro»
(Montagausgabe).

Der Kauf der Online-Musikplattform soll auch die digitale Zukunft
des Unternehmens sichern. Die Technologie sei geeignet, künftig auch
ganze Filme darüber zu vertreiben, hieß es. Aus den ehemaligen
Feinden vor Gericht werden zur Entwicklung der technologischen Basis
jetzt Geschäftspartner: MP3.com-Chef Michael Robertson soll künftig
Vivendi-Chef Jean-Marie Messier in Sachen digitaler Distribution
beraten.

Die Konkurrenz reagierte auf die Ankündigung gelassen. Branchen-
Experten gehen davon aus, dass der Kaufpreis in Höhe von 372
Millionen Dollar völlig überhöht und für andere Konzerne ohnehin
nicht attraktiv gewesen sei. «Das lässt uns relativ kalt»,
kommentierte Frank Sarfeld von der Bertelsmann E-Commerce Group die
Übernahme. «Im Gegensatz zu den registrierten Usern der Wettbewerber
verfügt Bertelsmann über 55 Millionen direkte Kundenbeziehungen
weltweit - Kunden, die regelmäßig bei uns einkaufen.»

Mit den Kauf reagierte Vivendi vor allem auf die jüngsten
Allianzen, die die großen Unternehmen der Branche für den Musik-
Vertrieb über das Internet geschlossen haben. Bertelsmann war das
erste Medienunternehmen, das in den als illegal verfolgten
Tauschbörsen auch ein immenses Vertriebspotenzial für die Branche
erkannte. Mit Napster hatte sich der Konzern aus Gütersloh frühzeitig
einen vormaligen Feind zum Geschäftsfreund gemacht. Bereits seit
einiger Zeit plant das Unternehmen gemeinsam mit AOL Time Warner,
RealNetworks und der EMI Group unter dem Namen «MusikNet» den Start
einer Internet-Großhandelsplattform für den Online-Vertrieb von
Musikstücken, die ähnlich wie Vivendis «Duet» im Sommer verfügbar
sein soll.

MP3.com zählte einst zu den ersten Internet-Lieblingen an der
Wall Street. Im Juli 1999 verbuchte die Aktie noch einen Höchstkurs
von 63,61 Dollar. Zahlreiche Rechtsstreitigkeiten mit führenden
Plattenfirmen und hohe Vergleichszahlungen zwangen das Papier jedoch
in die Knie. Am Montag legte der Kurs nach Bekanntgabe der Übernahme
um mehr als 60 Prozent auf 4,88 Dollar zu.
dpa

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