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Musikindustrie will gemeinsam gegen Piraten ankämpfen

20.01.2003 | 11:53 Uhr |

Vertreter der Musikindustrie sehen die Existenz ihrer Branche bedroht, sofern man sich gegen Online-Piraterie nicht wehrt.

Die Musikindustrie kann nach Ansicht des US- Branchenverbandes RIAA nur durch gemeinsame legale Musikangebote im Internet den Kampf gegen Online-Piraten bestehen. Songs und Alben müssten schnellstens für den kommerziellen Vertrieb im Internet lizenziert, also freigegeben werden, sagte Hilary Rosen, Geschäftsführerin der Recording Industry Association of America (RIAA) am Samstag auf dem Fachkongress Midemnet in Cannes.

Michel Lambot, Vorstand der französischen Vereinigung von Independent Labels (IMPALA), wurde noch deutlicher. Wenn die Piraterie weiterhin eine so starke Rolle spiele, "dann gibt es in fünf Jahren kein Musikgeschäft mehr", sagte er am Tag vor der Eröffnung der internationalen Musikmesse Midem.

Superstar Robbie Williams hat hingegen nichts gegen das illegale Herunterladen von Musik aus dem Web. "Das ist eine großartige Sache, ehrlich. Es gibt nichts, was irgendjemand dagegen tun könnte", sagte er vor Journalisten. Auch die Plattenbosse hätten dagegen kein Rezept. Einbrüche beim Verkauf seiner Platten fürchtet er durch illegale Downloads nicht. "Mein Album "Escapology" hat sich bisher fünf Millionen Mal verkauft, jetzt könnt Ihr es Euch gern umsonst holen." Er steht damit in krassem Gegensatz zu Kollegen wie Metallica oder auch dem deutschen HipHopper Smudo, die sich wiederholt an Kampagnen gegen Online-Piraterie beteiligt haben.

Aufsehen erregte auch Williams' Auftritt am Samstagabend bei der ansonsten Höhepunkt armen Verleihung der NRJ Music Awards, die zum vierten Mal den Show-Auftakt der Midem bildete. Unbeeindruckt von einem fälschlich ausgelösten Sicherheitsalarm schlenderte er singend durchs Publikum und herzte seine Fans. Einen Preis bekam er indes nicht - bester Sänger wurde der 20-jährige Jungstar Billy Crawford.

Die große Gewinnerin des Abends war die Kolumbianerin Shakira, die drei der sieben internationalen Preise (beste Sängerin, Album und Song) des europäischen Radionetzwerkes NRJ erhielt, der Show aber fern blieb. Beste Newcomer wurde das spanische Mädchentrio Las Ketchup, beste Band das US-Duo The Calling. Zur Top-Website wählten die NRJ-Hörer in neun Ländern die Seite www.jenniferlopez.com. Besonders gefeiert wurden die Altmeister Phil Collins und Johnny Hallyday, die jeweils einen Sonderpreis bekamen. Collins' Dankesrede in perfektem Französisch brachte ihm Extra-Applaus der 2200 Fans im Palais des Festivals ein.

Am Sonntagmorgen stand wieder Business im Vordergrund. Zum Midem- Auftakt bekräftigte Messe-Chef Paul Zilk die Forderung nach einer ermäßigten Mehrwertsteuer für CDs. "Je niedriger die Mehrwertsteuer ist, desto mehr hilft es der gebeutelten Musikindustrie", sagte er angesichts eines weltweiten Umsatzeinbruchs von rund zehn Prozent im vergangenen Jahr. Die Branche setzt sich seit geraumer Zeit für eine Senkung der Mehrwertsteuer für Musikprodukte in Europa ein - analog der für andere Kulturgüter wie Bücher und Zeitschriften.

Doch auch dies reicht vermutlich nicht aus, um der europäischen Musikbranche aus der Krise zu helfen. Europa hinke bei der Lizenzierung von Musik für das Internet sowie dem Urheberschutz von digitaler Musik hinter den USA hinterher, sagte der Chef des Weltverbandes der Plattenindustrie (IFPI), Jay Berman. Erst zwei Länder hätten das von der EU beschlossene neue Gesetz zum Copyrightschutz in nationales Recht umgesetzt - "das muss schneller gehen", forderte er. Die Urheberrechtsnovelle, die in Deutschland noch im Bundestag beraten wird, stärkt die Rechteinhaber von Musik, wenn diese digital vervielfältigt wird.

Musicnet und Pressplay, die Musik-Abo-Dienste der fünf großen Plattenfirmen, konnten im vergangenen Jahr nur deshalb in den USA starten, weil dort beide Bedingungen erfüllt sind, die Plattenfirmen und Verleger hätten sich über die Lizenzgebühren für die Songs geeinigt. "Das hat den Durchbruch gebracht", sagte Rosen. Außerdem gibt es dort laut Berman bereits ein entsprechend modernes Urheberrecht. Internetnutzern in Europa sind diese Dienste noch verschlossen, weil ein Lizenzierung von Musik für das Internet sowie ein Urheberschutz für digitale Musik noch fehlten. dpa

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