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.NET: Gefahr oder Chance für den Mac

16.04.2002 | 13:15 Uhr |

Kommende Versionen von Office v. X sollen auch mit den Services von Microsofts .NET-Diensten zusammenarbeiten. Was bringt's?

München/Macwelt - Microsofts großes strategisches Ziel nennt sich .NET, die übergreifende Plattform für XML-Webdienste, die Informationen, Geräte und Anwender in einer einheitlichen und personalisierten Weise miteinander verbinden soll. Dank .NET soll ein Anwender etwa ohne Anmeldung im Internet Waren bestellen (Passport) oder zusammen mit einer weltweit verstreuten Arbeitsgruppe Daten abgleichen können. Auch die Mac-Plattform soll ein Teil dieser neuen Microsoft-Welt werden. Macs sollen aber nicht als Server oder Entwicklungsplattform für .NET-Anwendungen dienen, sondern als Client die Services nutzen können. Laut Kevin Browne, Chef der Microsoft'schen Macintosh Business Unit (Mac BU), ist noch nicht völlig klar, wieviele der Dienste für den Mac zur Verfügung stehen werden, zumindest der Zugriff auf die neuen .NET My Services soll möglich sein.
Die .NET My Services sind ein Paket mit fünfzehn Diensten, die einem Nutzer per Internet oder Intranet zur Verfügung stehen. So erhält ein Anwender auf einem Server von Microsoft Dokumentenordner, Kalender, Favoriten, Ein- und Ausgang-Ordner.

Die praktische Umsetzung des Konzepts hat zwischenzeitlich einen herben Rückschlag erlitten. Bisher konnte Microsoft für seinen Internetdienste keinen Partner finden. Die meisten Banken und Kreditfirmen schreckten davor zurück, ihre Kundendaten auf Servern aufzubewahren, die Microsoft gehören. Auch das Interesse der Kunden an den neuen Technologien erweist sich als geringer als erwartet. Bis die von vielen Kritikern gefürchtete Herrschaft von Microsoft über das Internet anbricht, wird wohl noch einiges an Zeit verstreichen, falls das Netz je zum Microsoft-Monnopol wird. Eine Alternative bietet schließlich auch Sun, das mit seinem System für Internetdienste J2EE eine mit .NET konkurrierende Lösung bieten will, die auf der verbreiteten Programmiersprache Java basiert.

Technischer Hintergrund des Datenautauschs sind Webservices, die auf dem Format XML, der Sprache SOAP und dem Verzeichnisdienst UDDI basieren. Dem Datentransfer dient das Protokoll HTTP. Diese plattformunabhängig zur Verfügung stehenden offenen Standards selbst stehen auch ohne Microsoft bereits unter Mac-OS X zur Verfügung. So können über spezielle Apple Scripts von Apple Mac-OS X-Nutzer schon jetzt den Kurs von Aktien abrufen, Wetterauskünfte einholen oder Texte übersetzen. Die ersten Reaktionen der privaten Mac-User auf diese neuen Dienste waren jedoch eher amüsiert als interessiert. Ihr praktischer Nutzwert ist momentan noch recht bescheiden.

Der Erfolg von .NET und J2EE ist noch nicht so groß, wie Sun und Microsoft es sich wünschen. Dass sich die zugrundelegenden Webservices durchsetzen werden, scheint aber sicher zu sein. So hat jetzt auch Google Programmierschnittstellen bereitgestellt, mit denen man die Funktionen der beliebten Suchmaschine als Webservice in eigene Programme oder Lösungen einbauen kann.
Die bisher angebotenen Dienste sind für den Einzelanwender gegenwärtig noch besser über einen traditionellen Internetbrowser zu bedienen. Statt per Apple-Script mit steriler Oberfläche einen Aktienkurs abzurufen kann man genausogut die Internetseite eines Börsendienstes aufrufen.

Die neuen Webservieces bergen ein Potential, das vor allem für Unternehmen interessant ist. Viele Firmen haben bereits begonnen, ihre Geschäftprozesse über das Internet zu vernetzen und sind auf standardisierte Technologien angewiesen. In Zukunft werden wohl viele Firmen für ihre Intranets auf Lösungen setzen, die auf .NET oder J2EE basieren. Für Apple ergeben sich nun durch die .NET-Strategie neue Abhängigkeiten im Firmenbereich. Bisher beschränkten sich die Probleme beim Datenaustausch. Bei steigender Verbreitung von .NET-Lösungen wird aber die Abhängigkeit von Lösungen von Microsoft steigen. Statt per Claris E-Mailer seine Firmenmails abzuholen, ist der Firmenangestellte dann verpflichtet Microsofts Entourage zu benutzen.

Stephan Wiesend

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