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Mit NFC bargeldlos bezahlen und Geräte steuern

08.08.2012 | 09:57 Uhr |

Was plant Apple mit dem neuen Nahfeldfunk und was kann man damit heute schon machen? Wir zeigen den Stand der Technik.

Stellen Sie sich vor, Sie müssten in Zukunft an der Tankstelle nicht mehr mit Bargeld oder der EC-Karte hantieren, sondern könnten schlicht und einfach Ihr iPhone auf die Theke legen, und schon sind Benzin und Schokoriegel von Ihrem Konto abgebucht. Die "Bonuspunkte" Ihrer Kundenkarte wurden Ihnen auch gleichzeitig gutgeschrieben. Komfortabel? Oder eher ein Albtraum? Das ist Ihre Entscheidung, technisch ist dieses Szenario jedoch bald möglich.

Apple bereitet diese und andere Funktionen bereits vor. Die neue App "Passbook", die Bestandteil von iOS 6 wird, geht genau in diese Richtung. Damit können Sie Ihre Kunden- oder Rabattkarten verwalten. Derzeit noch vor allem in Form von Strichcodes und fast nur in den USA, die Branche der Kreditkartenfirmen und Mobilfunkanbieter arbeitet aber schon daran, diese Dienste auf Basis von Funkchips umzusetzen. Seit Jahren gibt es immer und immer wieder Prognosen und Ankündigungen, dass wir bald im Vorbeigehen futuristische Dinge mit unseren Handys erledigen können: Weitere Informationen bei einem Werbeplakat abrufen, automatisch das Licht einschalten, wenn wir heimkommen – oder an der Supermarktkasse bezahlen.

Was lange Jahre nur Wunschdenken war, wird langsam Wirklichkeit. Mittelfristig sollen auch nach Vorstellung von Telekom, Vodafone und Telefonica Kunden- und Rabattkarten den digitalen Weg ins Handy finden. Erstmals arbeiten Netzbetreiber, Handyhersteller und technische Dienstleister gleichzeitig an der Lösung der Frage, wie das Handy zur virtuellen Geldbörse wird. Funkkassen: gibt es schon. NFC-Handys: werden immer mehr. Sim-Karten mit sicherer NFC-Integration für Endkunden: kommen bald.

Alle Karten im iPhone

Kreditkarte, Kundenkarte und Gutscheine können bald allesamt im Handy gespeichert sein. In der Branche nennt man dieses Bündel aus Funktionen "Wallet", also Portemonnaie. Der Knackpunkt bei diesen Anwendungen ist die Sicherheit. Aus diesem Grunde sind die Daten nicht etwa in einer App des Smartphones gespeichert. "Alles wird auf der Sim-Karte abgelegt", erklärt Stefan Waldenmaier vom Dienstleister Giesecke & Devrient, wo man die neuen Systeme umsetzt. Moderne, NFC-fähige Sim-Karten haben einen eigenen, verschlüsselten Speicherbereich für die Daten und kommunizieren direkt mit dem NFC-Controller des Handys.

In Australien können Kunden der Kaching-Bank schon per iPhone bezahlen. Dazu benötigen sie derzeit jedoch noch eine NFC-taugliche Hülle um das iPhone.
Vergrößern In Australien können Kunden der Kaching-Bank schon per iPhone bezahlen. Dazu benötigen sie derzeit jedoch noch eine NFC-taugliche Hülle um das iPhone.
© Kaching

Bezahlen ohne Bargeld und ohne Karte ist längst keine Science-Fiction mehr. Die Technik heißt "Visa Pay Wave" oder "Mastercard Pay Pass" und bezeichnet Kassensysteme, die an die bekannten Kreditkartenunternehmen angeschlossen sind und das Bezahlen mit drahtloser Technik erlauben. Inzwischen gibt es weltweit bereits Hunderttausende von Zahlungsstellen, an denen man bereits per Funkaufkleber bezahlen kann. Aufkleber? Genau, bislang gibt es das System in Deutschland nur in Form von passiv funkenden Chips, die Ihre Kreditkartendaten enthalten und die man beispielsweise auf das Handy klebt. Doch dies bleibt nicht so. In Kürze gibt es in Deutschland die ersten Systeme, die von Vodafone und der Telekom ausgegeben werden. Diese sichern die Daten direkt auf der Sim-Karte und nutzen den NFC-Funkchip des Smartphones.

Auf diesem Wege könnte auch Apple das iPhone zur digitalen Kreditkarte machen. Dabei gibt es jedoch noch Stolpersteine: Aktuell sind die Systeme nicht direkt kompatibel zueinander. Visa kooperiert bei der Handykreditkarte mit Vodafone, Mastercard mit der Telekom. Zudem ist die Zahl der deutschen Geschäfte mit diesem System noch relativ übersichtlich. So bietet beispielsweise eine große Parfümkette Mastercards Pay Pass in Deutschland an, dazu gibt es bereits erste Supermärkte mit der neuen Technik.

Die Daten im Handy sind im Prinzip eine eigene Kreditkarte, die auf ein echtes Konto zugreift, so wie bei der Kreditkarte von Ihrer Hausbank. Wenn Sie das Handy auf das Lesegerät legen, liest die Kasse Ihre Kreditkartennummer, und das System prüft die Sicherheitsfunktionen Ihrer Karte. Damit wird der Betrag von Ihrem Konto abgebucht. Bei kleineren Beträgen bis etwa 25 Euro soll dafür keine Unterschrift und keine Pin-Nummer nötig sein.

Künftig könnte es auch möglich sein, dass Sie beispielsweise die Kundenkarte Ihres Cafés direkt im Handy haben. Derzeit ist die Umsetzung der Technik aber noch nicht so weit, dass Anbieter Ihnen ihre eigenen Kartenfunktionen auf das Smartphone senden können. Wegen der hohen Sicherheitshürden werden die ersten Sim-Karten mit Kreditkarten-Funktion derzeit noch direkt beim Hersteller der Karten eingerichtet. In näherer Zukunft soll es jedoch möglich sein, über eine sichere Server-Infrastruktur über das Web neue Datensätze auf der Sim-Karte anzulegen.

Apples Passbook

Die neue Anwendung Passbook ist als Teil von iOS 6 weit mehr als nur ein Dienstprogramm. Apple bietet eine Infrastruktur, mit der Unternehmen ihre Kunden mit Gutscheinen versorgen, Rabatte anbieten oder gar Funktionen wie den Flughafen-Check-in damit organisieren können

Dieser Beispielgutschein zeigt, wie virtuelles Guthaben in Passbook aussehen wird.
Vergrößern Dieser Beispielgutschein zeigt, wie virtuelles Guthaben in Passbook aussehen wird.
© Apprupt

"Mobile Couponing" lautet der Fachausdruck dafür. Da Passbook dank iOS 6 bald auf fast jedem iPhone vorinstalliert ist, entsteht so auf einen Schlag eine gigantische Zahl potenzieller Nutzer. In der Branche der mobilen Vermarktung erhofft man sich deshalb sehr viel davon. Passbook basiert auf Karten, die einen Strichcode enthalten und so mitsamt iPhone über einen Scanner im Geschäft gezogen werden. Viele Daten werden dabei nicht übertragen, beispielsweise nur eine Kundennummer oder ein Gutscheincode. Die Intelligenz muss im System des Anbieters stecken. Für Firmen ist Passbook eine interessante Möglichkeit zur Kundenbindung. Das Hamburger Unternehmen App­rupt wird zum Start des Dienstes Passbook-Lösungen für Firmen anbieten. Das Interesse potenzieller Werbekunden sei aktuell "sehr sehr groß", sagt uns das Unternehmen.

Laut Apprupt-Sprecher Marcus Hamacher sollen die Gutscheine beispielsweise als Werbebanner auf Webseiten unter die Kunden gebracht werden. Klickt der Nutzer auf eine solche Werbung, kann er die Passbook-Karte nach einer Rückfrage speichern. Passbook-Karten können die Nutzer auf sich aufmerksam machen. Sie können zeitgesteuert erinnern oder auch auf Geo-Ortung reagieren. Anbieter können zum Passbook-Start zehn Orte definieren, an denen eine Karte aus Passbook eine Erinnerung auslöst. So sollen die Kunden in die Geschäfte der Anbieter geschickt werden. Derzeit eigne sich Passbook vor allen für Geschäfte, die bereits Systeme zur Kundenbindung einsetzen, erklärt Marcus Hamacher. Passbook ist jedoch aktuell weder eine Handy-Kreditkarte, noch unterstützt es in der aktuellen Form NFC.

Geräte per NFC steuern

Inzwischen gibt es tatsächlich erste praxistaugliche Projekte, die Ideen rund um NFC in die Praxis umsetzen. Sony nutzt bei einigen seiner Smartphones sogenannte "Smart Tags". Dies sind Tags, ähnlich Schlüsselanhängern, die das Handy steuern. Kurz das Xperia-Handy daran gehalten, und schon schaltet sich das Smartphone beispielsweise auf lautlos oder schaltet den Wi-Fi-Hotspot an. Der Nutzer kann dabei selbst definieren, welche Aktionen mit den jeweiligen Tags ausgelöst werden. Dies funktioniert, weil die Sony-Tags RFID-tauglich sind und das Handy so erkennen kann, mit welchem Tag es in Kontakt steht.

Die Smart-Tags können vordefinierte Aktionen bei Sony-Smartphones auslösen.
Vergrößern Die Smart-Tags können vordefinierte Aktionen bei Sony-Smartphones auslösen.
© Sony

Vielleicht haben Sie schon eine Kantinenkarte oder einen Bibliotheksausweis, die ganz ähnlich funktionieren. NFC ähnelt stark den bereits bekannten "RFID"-Anwendungen, mit denen sich die Tür zum Büro aufschließen lässt. Sie ermöglichen es modernen Autos, auf das Zündschloss zu verzichten.

So könnte sich das iPhone in Zukunft automatisch per Airplay mit Ihrer Stereoanlage verbinden, wenn Sie es darauf legen. Oder zwei iPhones tauschen Dateien, sobald sie sich einander nähern. Auch in Geschäften könnte man beispielsweise Produkte "scannen" , die einen Funkchip in der Verpackung enthalten und so Informationen abrufen. Die Möglichkeiten wären hier vielfältig. Dennoch ist es wahrscheinlich, dass Apple sich zunächst darauf konzentrieren wird, die Funktionen der Passbook-App auszubauen, denn für NFC-Funktionen zwischen verschiedenen Apple-Geräten fehlt es derzeit noch an passenden Hardware-Gegenstücken, sprich: kompatiblen Apple-Geräten.

ABC: NFC und RFID

Die Grenzen der Technik und Fazit

NFC bietet viele Möglichkeiten, hat jedoch auch Grenzen. So ist die Reichweite des Funks auf einige Zentimeter beschränkt. Das hat allerdings Vorteile bei der Sicherheit, dem zweiten wichtigen Problem. Lange galten vor allem passive Chips, wie sie bei den Funkaufklebern genutzt werden, als nicht besonders sicher. Zwar gibt es hier auch Modelle, die als sicher gelten, doch der große Durchbruch wird der Technik erst gelingen, wenn das Smartphone als sichere und komfortable Gegenstelle verbreitet ist. Denn wenn beide Seiten (beispielsweise Kasse und Handy) eine aktive Funkverbindung miteinander eingehen, gibt es sehr viel mehr mögliche Sicherheitsmaßnahmen als bei einem passiven Funkchip, der immer nur seine gespeicherten Daten meldet, wenn er angefunkt wird.

Ein weiterer Haken wird die Skepsis der Nutzer sein. Denn wenn die Kreditkarte auf dem Smartphone gespeichert werden soll, wird dies vielen Nutzern zu heikel sein, zumal Kleinbeträge ohne Pin-Nummer abgebucht werden können. Außerdem fehlt es derzeit in Deutschland noch an Geschäften, die das Bezahlen per NFC unterstützen. Bis es möglich und umgesetzt ist, dass auch Sandwich-Läden und Friseure ihre Bonuskarten digital auf den Sim-Karten ihrer Kunden verteilen, werden wohl noch Jahre vergehen.

Doch 2012 beginnen die Zukunftsvisionen des mobilen Bezahlens, Wirklichkeit zu werden, und Apple ist mit Passbook und vielleicht auch mit dem nächsten iPhone vorne mit dabei. Derzeit scheint Apple aber noch andere Funktionen als das Bezahlen im Sinn zu haben und will Gerüchten zufolge das Einkaufen per NFC erleichtern .

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