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Scott Kelly kehrt größer aus dem All zurück

04.03.2016 | 12:41 Uhr |

Die ISS-Mission von Scott Kelly soll wissenschaftliche Erkenntnisse darüber bringen, wie sich ein langer Raumflug auswirkt.

Was macht ein Jahr im All aus dem Astronauten und vor allem, was macht der Astronaut in der Zeit im All? Manch einer mag versucht sein, Peter Handkes "Mein Jahr in der Niemandsbucht" zu lesen, doch ist das wissenschaftliche Programm meist so vollgestopft, dass man kaum zur Lektüre kommt. In der karg bemessenen Freizeit treibt der Raumfahrer besser viel Sport, um dem Abbau von Muskeln und Knochen entgegen zu wirken. Wobei: Das gehört eigentlich zum Pflichtprogramm. Also vielleicht doch mal zum Handke greifen, nach 54400 Erdumrundungen wird der Blick aus dem Fenster der ISS dann doch fad.

Die Mission des Astronauten Scott Kelly, die in dieser Woche mit der geplanten Landung in Kasachstan, die eher ein kaum gedämpfter Aufprall aus großer Höhe war, zu Ende ging, hatte aber keineswegs literarische Aufgaben. Kellys 340 Tage während der Flug hatte vor allem zum Ziel, mehr über die physiologischen Auswirkung langer Raumreisen zu erfahren. Denn sollte tatsächlich dereinst eine bemannte Mission in Richtung Mars starten, wären die Astronauten und Astronautinnen mehrere Jahre unterwegs, der annähernd völligen Schwerelosigkeit ihrer Raumkapsel auf Hin- und Rückreise und der reduzierten Schwerkraft der Marsoberfläche in den paar Wochen oder Monaten dazwischen ausgesetzt. Warum sich gerade Scott Kelly bestens als Forschungsobjekt eignet? Er hat einen eineiigen Zwillingsbruder, der auf der Erde geblieben ist und nun als Referenz herangezogen werden kann.

Eine erste Erkenntnis ergab sich bereits beim Wiedersehen: Scott Kelly überragt seinen Zwillingsbruder Mark nun um mehr als sieben Zentimeter. Der Effekt ist jedoch naheliegend und auch nur temporär: Die Schwerkraft staucht Scott wieder auf sein Normalmaß zusammen - vor allem die Bandscheiben bekommen wieder mehr zu tun und ziehen sich zusammen.

Weit spannender dürften aber die Ergebnisse weiterer Untersuchungen ausfallen: Wie viel Muskel- und Knochenmasse hat Scott Kelly nun wirklich verloren? Wie reagiert sein Immunsystem zurück auf Erden, nachdem es ein gutes Jahr auf der keimfreien ISS nichts zu tun bekam? Was macht sein Kreislauf, was die Psyche? Und vor allem: Wo ist das Gorillakostüm abgeblieben, in dem Kelly seinen Kollegen durch die Raumstation scheuchte?

Eine andere Veränderung wird man kaum messen, sondern nur in der Theorie errechnen können: Scott Kelly ist um etwa eine hundertstel Sekunde weniger gealtert als sein Zwillingsbruder.

Das Zwillingsparadoxon bleibt paradox

Da Scott Kelly einen eineiigen Zwillingsbruder hat, kommt nun ein schönes Gedankenexperiment von Einsteins spezieller Relativitätstheorie zum Tragen: Das Zwillingsparadoxon. Dieses geht in etwa so: Ein Zwilling, nennen wir ihn Scott, rast in seiner Rakete bei hoher Geschwindigkeit durch das Weltall, während der andere, nennen wir ihn Mark, zuhause auf der Erde bleibt. Scott ist aus seiner Sicht ein Jahr lang unterwegs und sieht dabei Welten, die noch nie ein Mensch betreten hat. Und abgesehen von ein bisschen Muskelschwund kommt er fast genau so jung und frisch wie beim Start wieder zurück. Indes sind für Mark auf der Erde aber 50 Jahre vergangen und der einst ebenso junge und frische Mann ein Greis.

Warum die echten Scott und Mark Kelly weiterhin sich gleichen wie ein Zwilling dem anderen, liegt an den im kosmischen Maßstab geringen Geschwindigkeiten, mit denen die ISS und die Zubringerrakete unterwegs waren. Um als junger Mann seinem ins Greisenalter vorgerückten Zwillingsbruder wieder zu begegnen, hätte Scott Kelly ein Jahr (nach seiner Uhr!) annähernd mit Lichtgeschwindigkeit fliegen müssen. Nun beträgt die rund 300.000 Kilometer pro Sekunde, würde das Raumschiff über das komplette erste Halbjahr darauf hinbeschleunigen und das zweite halbe Jahr wieder abbremsen, würde der Astronaut zunächst am hinteren respektive unteren Ende des Raumschiffs festgedrückt sein, um in der Mitte der Reise mit einem gewaltigen Rumms an die Vorder- oder Oberseite geschleudert zu werden und den Rest der Reise dort zu verbringen. Beziehungsweise das, was bei der irren Beschleunigung von ihm übrig geblieben wäre.

Aber nähmen wir einmal an, die Zwillinge wären aus einen Holz geschnitzt, das das aushält: Scott hätte in seinem Jahr in der Rakete womöglich "Mein Jahr in der Niemandsbucht" gelesen, Mark aber das Gesamtwerk von Handke. Dazu das von Walser, Grass, Lenz, Böll und von einigen Schriftstellern, die bei Scotts Start noch gar nicht geboren waren. Wer nun die bessere Zeit gehabt hätte, das können Sie selbst entscheiden.

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