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Nazi-Raubkunst in kanadischen Museen?

20.02.2001 | 00:00 Uhr |

Seit über 50 Jahren bemühen sich Museen,
Privatbesitzer und ihre Nachkommen um eine Rückführung von Nazi-
Raubkunst. Das Internet spielt bei den Nachforschungen dabei eine
immer wichtigere Rolle. Derzeit baut die Bundesregierung unter der
Adresse www.LostArt.de ein Archiv von Kunstwerken auf, deren
rechtmäßige Eigentümer noch gesucht werden. Was geschah nach dem
Zweiten Weltkrieg mit den Kunstgütern, die aus europäischen
Sammlungen gestohlen wurden?

Geraubte Kunstwerke werden nicht nur in europäischen, sondern zum
Beispiel auch in nordamerikanischen Sammlungen vermutet. Zwei
kanadische Museen haben ihre Suche nach möglichen Raubgüter jetzt auf
das weltweite Datennetz ausgeweitet. Die Nationalgalerie Kanadas war
zuletzt Eigentümerin des «Porträts eines sitzenden Mannes» von Franz
Hals. Nun präsentiert sie das um 1645 entstandene Porträt mit
Dutzenden anderer Kunstwerke unter der Adresse
http://national.gallery.ca/provenance/frame_e.html .

Das «Porträt eines sitzenden Mannes» ist in den vergangenen
dreieinhalb Jahrhunderten von Stadt zu Stadt gereist, mindestens drei
Mal sogar über den Atlantik. Ein erster Verkauf in Amsterdam wird am
25. August 1773 festgehalten, zuletzt kam das Bild dann 1969 aus
London in die kanadische Hauptstadt Ottawa. Dort rätselt man nun über
eine Lücke in der Verkaufsgeschichte des Bilds: Was geschah mit ihm
nach dem 10. Mai 1928, als in Berlin der jüdische Kunstsammler Oskar
Huldschinsky das Hals-Gemälde erstand?

Im Besitz des Auktionshauses Sotheby's in London taucht das Bild
wieder auf, dort ersteigert es am 24. Juni 1959 der US-Sammler Gerlad
Oliven. Danach ist die Geschichte des Gemäldes wieder lückenlos
dokumentiert. Auf zwei weitere Privatbesitzer folgt schließlich die
Nationalgalerie Kanadas als Eigentümerin.

«Wir sind uns unserer ethischen Verpflichtung sehr bewusst und
nehmen diese sehr ernst», sagt Museumsdirektor Pierre Theberge. Die
Museen hatten schon vor Jahren die systematische Forschung nach Nazi-
Raubgut in den eigenen Beständen beschlossen. Eine groß angelegte
Präsentation im Internet, die bestohlenen Vorbesitzern die
Identifikation ihres Besitzes erleichtert, bieten aber bisher nur die
kanadische Nationalgalerie sowie die Art Gallery of Ontario in
Toronto (unter der Adresse
http://info.ago.net/collection/provenance/index.cfm ).

«Diese Kunstwerke haben von 1933 bis 1945 Lücken in ihrer
Verkaufsgeschichte», sagt Theberge. Solche Lücken seien aber noch
längst keine Beweise, sondern lediglich Hinweise darauf, dass es sich
möglicherweise um Raubgut handeln könnte. «Die Aufnahme eines Bildes
in die Liste zeigt, dass wir mehr Informationen benötigen, um unser
Wissen über die Besitzverhältnisse während der Nazizeit zu
vervollständigen.»

Doch weder die Nationalgalerie noch das Museum in Toronto haben
bislang über das Internet einen Vorbesitzer ausfindig machen können,
um eines der über 120 präsentierten Kunstwerke als gestohlen zu
melden. Dennoch verzeichnen die Websites seit ihrer Einrichtung im
Januar regen Besuch. «An einigen Tagen zählen wir bis zu 40 000
Menschen, die sich die Bilder ansehen», sagt Liana Radvak, eine
Sprecherin der Art Gallery of Ontario.
dpa

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