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Facebook will Kommunikationszentrale im Netz werden - Kritik von Datenschützern

17.11.2010 | 07:23 Uhr |

Facebook will für seine 500 Millionen Nutzer noch unentbehrlicher werden: Die neue Kommunikationsplattform des Online-Netzwerks soll E- Mail, Chat und SMS zusammenführen. Das gilt als Kampfansage an Google - und ruft wieder einmal Datenschützer auf den Plan.

Elektronische Post, SMS, Chat: Facebook bündelt die Kommunikation seiner Nutzer künftig in einem Postfach und heizt so die Rivalität zu Google weiter an. Nutzer sollen mit ihren Kontakten wie auch Nicht-Mitgliedern über alle Kanäle und Geräte kommunizieren können. Bislang war der Austausch nur innerhalb des Netzwerks möglich. Die überarbeitete Version des Nachrichtensystems werde allen Nutzern schrittweise in den nächsten Monaten zur Verfügung gestellt, teilte das Unternehmen am Montag in San Francisco mit. Der für Facebook zuständige deutsche Datenschützer findet den Dienst unterdessen problematisch.

Jeder Nutzer erhält auf Wunsch eine E-Mail-Adresse mit der Endung @facebook.com. Dennoch wollte Facebook-Chef Mark Zuckerberg das neue System nicht als "E-Mail-Killer» bezeichnen. Das System verzichte beispielsweise auf typische Elemente wie Betreffzeilen, erklärte Chefentwickler Andrew Bosworth: "Wir haben es mehr wie einen Chat gestaltet." Ziel sei, dass der Nutzer nicht darüber nachdenken müsse, welche Technologie er benutze.

Mit dem neuen System verstärkt Facebook seine Bemühungen, sich als Zentrale im Internet zu etablieren - schon heute verbringen die Nutzer dort mehr Zeit als auf jeder anderen Website. Darunter leiden könnten E-Mail-Anbieter - unter anderem auch Google, dessen Dienst Googlemail vor allem in den USA sehr beliebt ist.

Das Netzwerk verspricht, dass die Daten aus dem Nachrichtensystem nicht mit Dritten geteilt werden. Für die gezielte Werbung, wie sie auf der Plattform üblich ist, werden die Nachrichten laut Facebook- Chef Zuckerberg nicht ausgewertet. Dennoch stieß die Ankündigung bei Datenschützern auf Skepsis.

"Ob es sinnvoll ist, soviele Informationen einem Anbieter in die Hand zu geben, ist fraglich", sagte der Hamburgische Datenschützer Johannes Caspar, dessen Behörde in Deutschland für Facebook zuständig ist. Durch diese Konzentration wachse die Gefahr, dass bei Verlust des Passworts umfangreiche Informationen in die falschen Hände gerieten. Auch unterliege das US-Unternehmen nicht dem hiesigen Datenschutzrecht: "Jeder muss wissen: Wenn die Daten außerhalb des Landes gespeichert werden, können die deutschen Datenschutzbehörden nicht kontrollieren, wie damit verfahren wird." Beim neuen Facebook-Feature werden alle Konversationen mit einer Person an einem Ort zusammengeführt und können dauerhaft archiviert werden. Als Beispiel nannte Bosworth die Nachrichten, die man mit seinem Partner austausche - vom ersten "Nice to meet you" (Schön Dich zu sehen) bis zur Frage, wer die Kinder vom Fußball-Training abhole. Zur Kapazität des Postfachs äußerte er sich jedoch nicht.

Facebook-Partner Microsoft wird das neue System um eine Online- Version seiner Bürosoftware erweitern, die "Office Web Apps". Nutzer können damit Dateien öffnen, die in den Programmen Word, Excel oder Powerpoint erstellt wurden. Der Windows-Hersteller hält eine kleine Beteiligung an dem Sozialen Netzwerk, zudem arbeiten die Unternehmen bei der Suche innerhalb der Plattform zusammen.

Mit der Integration verschiedener Kommunikationsformen hat das Soziale Netzwerk sogleich Erinnerungen an den Dienst Google Wave hervorgerufen. Damit wollte der Internet-Riese die digitale Kommunikation und Kooperation neu erfinden - jedoch ohne Erfolg: Google stellte das ehrgeizige Projekt im Sommer ein.

An dem System haben nach Unternehmensangaben 15 Programmierer rund ein Jahr gearbeitet. Die neue Funktion sei das bislang aufwendigste neue Feature, das Facebook je eingeführt habe.

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