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Neues aus dem iTunes Store: Gwen Stefani - The Sweet Escape, Donald Fagen - Morph The Cat

21.09.2007 | 11:36 Uhr |

Nicht wirklich neu, aber neu entdeckt: Eine CD der No-Doubt-Sängerin und ein Soloalbum einer Steely-Dan-Hälfte in einer weiteren Folge unserer höchst subjektiven Musikkritik.

The sweet escape
Vergrößern The sweet escape

„Magst du die Stefani?“, fragte der Kollege von der Hardware. „Nun ja, was bleibt mir übrig, ich bin mit der Stephanie verheiratet“, meinte ich. „Nein, ich mein‘ die Gwen Stefani, nicht die Müller Stephanie. Ich hab‘ da eine CD geschenkt bekommen und die gefällt mir nicht“, klärte mich der Kollege darüber auf, dass ich nicht kurz davor war, mich in einer Fangfrage zu verheddern. „Eine CD? Echt? Was ist denn das? Gib‘ mal her - ich seh‘ mal, was ich damit anfangen kann.“

Wann hatte ich mir meine letzte CD gekauft? Das war vor gut zwei Jahren, als sich der iTunes Store hartnäckig weigerte, das Doppelalbum „ Aerial “ von Kate Bush anzubieten. Musicload hatte es vorrätig, aber halt im WMA-Format, also bestellte ich die Silberscheibe in der umweltfreundlichen Papphülle bei Amazon. Jetzt ist also mal wieder eine CD in meinen Besitz geraten, obwohl die Songs von Gwen Stefanis „ The Sweet Escape “ auch zum Download bereit stehen.

Schon nach dem ersten Hören konstatiere ich, das Prinzip iTunes Store hat seinen Charme. Ich kaufe zwar auch online nach wie vor Alben, da mich das Gesamtwerk in der Regel mehr interessiert als einzelne Songs. Wenn man aber nicht e auf die Produzentenkünste der Neptunes steht, die für weltweit gefühlte 80 Prozent der Charthits den Sound kreierten und für fünf der zwölf Songs von Gwen Stefanis zweitem Solo-Album verantwortlich zeichnen, bliebt das Ohr allenfalls an den aus dem Radio bekannten Singles hängen. Durchaus erträglich sind „ The Sweet Escape “ und „ 4 In the Morning “,den Kauf des gesamten Albums würde man aber bereuen. Der Opener „ Wind It Up “ mit seinem gewagten Experiment „Alpenland meets Hip-Hop“ kann ja noch als witzig gelten, was Frau Stefani aber sonst dem Hörer auftischt, der sich mit gewisser Wehmut an ihre Zeit bei „ No Doubt “ erinnert, kann man getrost vergessen. Auch beim dritten und vierten Hören finde ich keinen weiteren Song, der im inneren Ohr haften bleibt. Schade, gerade erst lief im Radio wieder das Talk-Talk-Cover „ It‘s my Life “ von No Doubt, zu dem Gwen Stefanis Stimme so gut passt wie zu den fröhlichen Ska-Punk-Rock-Anfängen der kalifornischen Formation. „ Just A Girl “ lief 1998 rauf und runter, sogar Apple hat ständig auf der Cebit an seinem Stand Ausschnitte aus dem Video präsentiert, um die Vorzüge der damals neuen Quicktime-Fassung zu demonstrieren. Don‘t Speak “, die schmerzensreiche, autobiographische Ballade tut auch heute noch so bitter-süß weh, dass man Heulen möchte. „Don‘t speak“ möchte man aber heute Frau Stefani zurufen, wenn einem die Wortkaskaden ihres Albums „ The Sweet Escape “ in den Ohren dröhnen. Das liegt keineswegs an den Inhalten der Texte, die im verschämten iTunes-Store als „Explicit“ gekennzeichnet sind, auch auf der CD-Hülle prangt ein Aufkleber, der vor den Texten warnt. Übertrieben: Die Anspielungen sexueller Natur zwar sind nicht immer dezent, aber keineswegs gewagt. Es ist die schiere Textmenge, die mich nervt. Wir wollen jetzt aber nicht das Klischee bemühen, dass Frauen zu viel reden und Männer zu wenig zuhören würden, nein, zuletzt hat mir Hip-Hop gefallen, als Run DMC zusammen mit Aerosmith „Walk This Way“ neu auflegten. Das Geplapper der Rapper gefällt mir einfach nicht, Punkt. Kein Zweifel: Damals mit „No Doubt“ fand ich Gwen Stefani angenehmer zu hören als heute im Hip-Hop-Umfeld. Vielleicht werde ich ja alt, aber dann warne ich eben andere alte Herrschaften aus den 60er- und 70er-Geburtsjahrgängen vor dem dem Album sei gewarnt, allenfalls die Singles kann man sich gönnen.

Gut, dass mir kein Gwen-Stefani-Download mein Empfehlungssystem „Speziell für Sie“ des iTunes Stores zerstört hat. Es lohnt sich, immer wieder mal in den Angeboten zu blättern, die der iTunes Store seinen Kunden aufgrund ihrer bisherigen Käufe präsentiert. Das ist im Internet nicht neu, Amazon macht das schon seit langem und misst Beziehungen zwischen den Käufen anonymisierter Kunden. Wer dieses Album gekauft, der mag vielleicht auch jenes Buch. Das große Internetkaufhaus hat mir auch schon manche Kuriosität ausgegraben, meist blieben die Empfehlungen nah am Werk, das man gerade in den Einkaufskorb gelegt hat. Apple geht im iTunes Store ein wenig weiter und späht nicht nur in das Konto des angemeldeten Kunden und zieht daraus seine Schlüsse auf dessen Geschmack, sondern späht auch auf die Festplatte und sieht nach, was sich sonst noch in der iTunes-Bibliothek tummelt. Wer das nicht will, kann die Funktion abschalten, aber warum? iTunes ist keine Bundestrojaner: Spannend, was der Downloadservice so alles in seiner Bibliothek findet. So wusste ich gar nicht, dass Steely Dan nicht nur im Doppelpack Musik veröffentlicht, sondern Donald Fagen vor einem Jahr ohne Walter Becker „ Morph The Cat “ herausgebracht hat. Es handelt sich hierbei sogar schon um sei drittes Soloalbum, obwohl die beiden Vorgänger aus den Jahren 1982 und 1993 an sich verjährt sind. Die neun Titel von „Morph The Cat“ landeten sofort auf der Festplatte, kein einziger davon ist zuviel, so wie es sich für ein ordentliches Album gehört. Kein Bonustrack, keine getürkte Live-Aufnahme, einfach eine runde Sache, die mit der Reprise des Titelsongs endet. Im Sound ist der Unterschied zu Steely Dan nicht besonders groß, Donald Fagen groovt auch ohne seinen kongenialen Partner ohne Ende, klingt dabei vielleicht ein wenig jazziger. Insbesondere Track fünf „ The Great Pagoda of Funn “ scheint schier nicht enden zu wollen, gedämpfte Trompete und Gitarre tanzen bei ihren Soli über einem zarten Gespinst aus Jazz-Grooves minutenlang von der einen filigranen Figur in die nächste, dazu kaum ein Wort. Welch Entspannung nach dem Gejodel und Geplappere von vorhin! „Neu“ ist Fagens Album eben so wenig wie die CD als Medium der Musik, anders als die Silberscheibe und das, was Frau Stefani darauf pressen ließ, aber vollkommen zeitlos. Schön, dass der Musikfreund in dem mannigfaltigen Angebot des iTuens Store immer etwas entdeckt, was er noch nicht kannte. CDs kommen mir nur noch in Ausnahmefällen ins Haus!

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