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Neues in Mac-OS X

15.02.2000 | 00:00 Uhr |

Auf der Macworld Expo fiel der Startschuss. Steve Jobs präsentierte keine Powerbooks oder schnellere G4-Macs, sondern stellte Mac-OS X und seine neue Benutzeroberfläche Aqua vor. Nach der Präsentation sind jedoch mehr Fragen offen als beantwortet. Was wird etwa aus dem Schreibtisch oder dem Apfel-Menü? Wird das neue System ebenso einfach zu bedienen zu sein wie Mac-OS 9? Wir haben deshalb in den USA Ken Bereskin, Apples weltweiten Direktor für das Mac-OS-X-Marketing, nach den aktuellem Stand befragt.

Macwelt: Apples Mac-OS-X-Entwicklerteam hat 18 Monate an der neuen Benutzeroberfläche Aqua gearbeitet. Wie schwer war es, diese Entwicklungen geheim zu halten?

Ken Bereskin: Wir wollten zunächst natürlich sicherstellen, dass wir bei der offiziellen Vorstellung von Mac-OS X noch Überraschung bieten konnten. Wir haben einiges unternommen, um das Projekt geheim zu halten, wie wir das übrigens auch bei anderen Produkten bisher getan haben. Es ist für uns sehr wichtig, dass neue Produkte bis zur Ankündigung noch geheim sind. Unsere Ingenieure und unsere Produktteams sind in diesem Bereich mittlerweile sehr gut geworden.

Macwelt: Wieviele unterschiedliche Varianten hat das Entwicklerteam insgesamt hervorgebracht, und wer traf die finale Entscheidung für Aqua?

Ken Bereskin: Das Aqua-Interface war rund 18 Monate in der Entwicklung und hat sich in dieser Zeit konstant verbessert. Wir hatten keine mehrfachen Kandidaten, unter denen wir eine finale Entscheidung treffen mussten. Es war sozusagen ein evolutionärer Prozess, der vor allem auf internem Feedback beruhte. Auch jetzt bekommen wir von unseren Kunden ein sehr gutes Feedback.

Macwelt: Stichwort Feedback. Reagiert Apple auch auf die negativen Kritiken seiner Kunden? So müssen Entwickler etwa Dialogfenster in bestehenden Applikationen ändern, damit sie die größeren Aqua-Elemente aufnehmen können. Einige Anwender wollen lieber auf die neuen Animationen verzichten.

Ken Bereskin: Es gibt eine große Anzahl wirklich guter Kritiken, die wir bisher bekommen haben. Wir sind bei einigen Fragen jedoch noch immer im Entscheidungsprozess und müssen festlegen, wieviel Anpassungen nötig sind, um auf einzelne Anregungen eingehen zu können.

Macwelt: Das Apfel-Menü war immer ein zentraler Anlaufpunkt im Mac-OS. In der Demo von Steve Jobs war davon nichts mehr zu sehen. Hat Apple das Apfel-Menü aufgegeben?

Ken Bereskin: Eine der wichtigsten Elemente der Aqua-Oberfläche ist das Dock. Das Dock soll ein Problem lösen, das wir bisher mit dem Apfel-Menü hatten. Bisher waren häufig benutzte Systembefehle und -informationen im Apfel-Menü oder in anderen Menüs wie dem Programm-Menü zergliedert. Es gab einfach mehrere unterschiedliche Verfahren, um an diese Daten zu kommen, und dies stiftete bei vielen Anwendern Verwirrung. Wir glauben, dass das Dock der perfekte Platz für alle wichtigen Informationen ist. Anwender können damit auf ihre wichtigsten Programme zugreifen. Das Dock ersetzt nahezu alles, was wir aus dem Apfel-Menü kennen.

Macwelt: Was geschieht mit den Kontrollfeldern und Systemerweiterungen?

Ken Bereskin: Die Handhabung der Kontrollfelder und der Systemeinstellungen ist enorm wichtig. Es gibt sicherlich Wege, die bisherigen Kontrollfelder zu verbessern. Man muss sich aber noch etwas gedulden, bis wir die finale Beta herausgeben und man dann alle Details sehen kann.

Macwelt: Dann werden wir dies auch in der nächsten Entwicklerversion DR 3 noch nicht sehen?

Ken Bereskin: Man wird in der DR 3 etwas mehr sehen. Die dritte Entwicklerversion ist jedoch keine finale Beta oder gar eine finale Version des Aqua-Interfaces.

Macwelt: Das Ein-Fenster-Konzept (One-Window-View) ist gut zum Navigieren geeignet. Wie aber kopiert man Dateien in dieser Einstellung? Gibt es ein Kontext-Menü, oder muss man in eine andere Ansicht umschalten?

Ken Bereskin: Der Carbon-Finder ist sicherlich eines der wichtigsten Elemente des Aqua-Interface. Wir werden jedoch sicherstellen, dass alle wichtigen Funktionen des aktuellen Finders auch im Carbon-Finder von Mac-OS X sein werden. Gleichzeitig wollen wir den Browser-View für die Navigation und zum Kopieren verbessern.

Macwelt: Muss man dann Dateien via Kontext-Menü kopieren?

Ken Bereskin: Im Browser-View kann man tatsächlich zahlreiche Ordner sehen und es ist sehr einfach, eine Datei via Drag-and-drop zu verschieben.

Macwelt: Auch zwischen verschiedenen Festplatten?

Ken Bereskin: Wir werden das lösen. Es wird wirklich einfach sein, im Aqua-Finder zu navigieren und Dateien zu kopieren.

Macwelt: Steve Jobs meinte darüber hinaus in seiner Präsentation, dass es viele innovative Neuerungen in Aqua geben soll. Was hat der damit im Detail gemeint?

Ken Bereskin: Er meinte etwa die neuen Dialogfenster und Pagesheets in den Dialogfenstern. Man wird nicht mehr gezwungen, Dialoge zu beenden, bevor man die Anwendung wechselt. Nun kann man etwa im "Sichern"-Dialog zu einem anderen Programm springen.

Macwelt: Was wird man außerdem in der nächsten Entwicklerversion von Mac-OS X sehen. Wo liegen die Unterschiede zur finalen Beta, die im Frühjahr erhältlich sein soll.

Ken Bereskin: Die dritte Entwicklerversion soll ein Update unserer Carbon-, Cocoa- und Aqua-Technologien sein, so dass die Entwickler eine Möglichkeit haben, ihre Anwendungen auf das neue System anzupassen. Es ist keine öffentliche Beta und auch keine Testversion für die Presse. Dagegen wird die finale Beta, die Steve erwähnte, im Frühjahr erhältlich sein und die meisten unserer Technologien enthalten.

Macwelt: Wenn die finale Beta bereits im Frühjahr fertig sein soll, warum dauert es dann bis Januar 2001, bis alle Apple-Kunden das neue System bekommen sollen?

Ken Bereskin: Die Freigabe der Software innerhalb von 12 Monaten bezieht sich auf die Macworld Expo im Januar in San Francisco. Der nächste Meilenstein soll die finale Beta werden, die im Frühjahr erhältlich sein soll. Im Sommer kann man dann Mac-OS X als ein Software-Produkt kaufen. Und ab Januar 2001 werden wir Mac-OS X auf allen Rechnern vorinstallieren. Wir werden uns hier etwas mehr Zeit nehmen, um unseren Kunden die Möglichkeit zu geben, das System erst auszuprobieren, bevor sie es einsetzen. Wir wollen aber auch sicherstellen, dass unsere Entwickler genügend Zeit haben, ihre Produkte an Mac-OS X anzupassen.

Macwelt: Was wird aus Mac-OS 9\?

Ken Bereskin: Wir werden sicherstellen, dass Mac-OS 9 während des Wechsels auch auf neuen Rechnern funktionieren wird.

Macwelt: Was machen dann Besitzer eines Power Macs 8600 im Januar 2001?

Ken Bereskin: Mac-OS X funktioniert auf allen Rechnern, die mindestens einen G3-Prozessor haben. Das schließt den originalen 233-MHz-Rechner ebenso mit ein wie die iMacs und Powerbooks.

Macwelt: Mac-OS X umfasst in der derzeitigen Version rund 10000 Einzeldateien. Wie möchte Apple verhindern, dass ein Anwender eine Datei löscht und damit das gesamte System zum Abstürzen bringt?

Ken Bereskin: Mac-OS X bietet sehr viel mehr Sicherheit wenn es darum geht, derartige Probleme zu verhindern. Wenn man das System konfiguriert, lässt es sich so einrichten, dass Benutzer weitaus weniger Fehler machen als in anderen Systemen. Wir gestalten das Aqua-Interface so einfach, dass man die Systemkonfiguration verändern kann, ohne einzelne Dateien editieren zu müssen.

Macwelt: Das Prinzip das Schreibtisches ist im Mac-OS sehr eingängig gelöst. Wird es in Mac-OS X einen Schreibtisch geben, der Dateien enthalten kann? Oder haben wir den Rückschritt, dass wie in Windows nur Verweise dort untergebracht werden können?

Ken Bereskin: Alle Anwender, die wissen, wie man bisher mit dem Mac-OS umgeht, werden auch in Zukunft problemlos ihre Einstellungen vornehmen können. Zur gleichen Zeit gilt natürlich auch, das es im System Bereiche gibt, die man noch wesentlich verbessern kann. Beim Schreibtisch wollen wir sicherstellen, dass ihn Anwender wie bisher verwenden können. Der Schreibtisch hat dennoch einige Beschränkungen und wir glauben, dass das Dock die beste Lösung ist. Wir verstehen jedoch, dass Anwender den Schreibtisch benutzen und werden deshalb diese Funktion in das finale Produkt integrieren.

Macwelt: Werfen wir abschließend noch einen Blick auf die Konkurrenz. Ist Linux nicht eine ernsthafte Konkurrenz für Mac-OS X?

Ken Bereskin: Es ist wichtig für uns, auch auf andere Betriebssystem zu achten. Unser Ziel für Mac-OS X ist es jedoch, das bestmögliche Betriebssystem für unsere Kunden zu entwickeln. Das sind vor allem kreative Anwender, Computer-Einsteiger und unsere Kunden in den Bildungseinrichtungen. Wir wissen was man braucht, um für diese Zielgruppen ein absolut phantastisches Produkt zu entwicklen. Darüber hinaus bieten wir mit unserem Open-Source-Projekt Interessantes für Entwickler. Wir haben zahlreiche Technologien, die auch Linux verwendet. Das Feedback, das wir von unseren Entwicklern bekommen ist phantastisch. In vielerlei Sicht wird auch Mac-OS X von dem profitieren, was Linux half.

Martin Stein

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