Von Redaktion Macwelt - 26.12.2012, 05:59

Jahresrückblick

New York Times wirft Apple Mitschuld an Ausbeutung vor

New York Times wirft Apple Mitschuld an Ausbeutung vor

Wie fair ist Apple zu den Arbeitern seiner Zulieferer? Diese Frage versucht Apple zuletzt in seinem sechsten Responsibility Report zu beantworten und verweist dabei auf zunehmende Kontrollen und Konsequenzen für die Vertragspartner, wenn diese Umwelt- und Sozialstandards nicht einhalten
Dass Apple das Schicksal der unter harten Bedingungen am Fließband in China iPhones, iPads und Macs zusammenbauende Arbeiter aber egal ist, wirft die New York Times dem Mac-Hersteller vor. Dabei hatte die Zeitung Aussagen ehemaliger Mitarbeiter Apples und dessen chinesischer Partner zu Protokoll genommen. "Apple hat sich nie für etwas anderes als die Qualitätssteigerung und die Kostensenkung interessiert," klagt etwa der ehemalige Foxconn-Angestellte Li Mingqi, "Das Wohl der Arbeiter hat mit Apples Interessen nichts zu tun." Li war Manager in der Fabrik in Chengdu, in der im Mai 2011 bei einer Explosion drei Arbeiter ums Leben kamen und 61 verletzt wurden. Ein ehemaliger Apple-Manager, wandte sich anonym an das Blatt: "Wir haben seit vier Jahren von der Ausbeutung der Arbeiter in einigen Fabriken gewusst, und diese halten noch an. Warum? Weil das System für uns arbeitet. Die Zulieferer würden von heute auf morgen alles ändern, wenn Apple ihnen sagen würde, dass sie keine andere Wahl hätten."
Der Artikel dreht sich vorwiegend um die Sicherheitsbedingungen in den von Apple beauftragten Fabriken, beleuchtet aber auch die Zustände bei denen für Dell, HP, IBM, Lenovo, Motorola und Nokia tätigen Manufakturen. Im Fokus stehen aber auch die allgemeinen Arbeitsbedingungen: "Die Arbeiter sammeln exzessiv Überstunden an, arbeiten in manchen Fällen sieben Tage die Woche und leben in überfüllten Wohnheimen. Einige berichten davon, dass sie so lange stehen müssen, dass ihre Beine anschwellen und sie kaum noch laufen können. Minderjährige Arbeiter haben bei der Produktion von Apples Produkten geholfen, die Zulieferer haben Giftabfälle unzureichend entsorgt und Unternehmensberichte gefälscht," schreibt die New York Times unter Berufung auf glaubwürdige Menschenrechtsorganisationen in China.
Ein anderer anonymer Apple-Manager erklärt dem Blatt die Zustände mit Apples Innovationsdruck und reicht die Verantwortung dafür gleichsam an den Kunden weiter: "Man kann entweder in komfortablen und Arbeitnehmer-freundlichen Fabriken produzieren oder das Produkt jedes Jahr neu erfinden und es dabei besser und billiger machen. Das erfordert nach amerikanischen Standards derart harsche Fabriken. Die Käufer interessieren sich heutzutage auch mehr für ein neues iPhone als für die Arbeitsbedingungen in China."
Mitte Februar gibt Apple bekannt, die Arbeitsbedingungen in den Zuliefererfabriken von Foxconn, Pegatron und Quanta von der unabhängigen Fair Labor Association (FLA) untersuchen zu lassen.
"Niemand in unserer Industrie unternimmt mehr zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen als Apple," erklärt Apple-CEO Tim Cook. "Wir untersuchen permanent die Fabriken und gehen dabei tief in die Zuliefererkette rein, suchen Probleme, finden Probleme und lösen Probleme. Und wir legen alle Ergebnisse offen, da wir glauben, dass Transparenz in diesem Bereich sehr wichtig ist." Die Teams, die sich um die Überprüfung der Zulieferer kümmerten, würden sich auf die schwierigsten Probleme konzentrieren und so lange vor Ort bleiben, bis sie gelöst seien. Apple könnte der Industrie damit ein Vorbild geben, meint Cook, der seine eigene Erfahrung in einer Papierfabrik in Alabama und einem Aluminium verarbeitenden Betrieb in Virginia herausstellt. "Apple nimmt Arbeitsbedingungen sehr Ernst und das schon über einen langen Zeitraum," fasst Cook zusammen. Jeder Arbeiter in der Zuliefererkette soll laut Apple das Recht auf einen fairen und sicheren Arbeitsplatz haben, anständige Löhne für seine Arbeit beziehen und frei seine Meinung äußern. Zulieferer müssten diesen Bedingungen zustimmen, bevor sie für Apple tätig werden. Diese Standards über die gesamte Lieferkette aufrecht zu erhalten und zu überprüfen sei aber eine komplexe Angelegenheit, räumt Cook ein.
Wie Apple in seinem Supplier Responsibility Report im Januar beschreibt, ist besonders die Beschäftigung Minderjähriger ein Dorn im Auge des Konzerns. Heuere ein Zulieferer absichtlich Jugendliche und Kinder an, sei das ein Kündigungsgrund. Auch in Sachen Arbeitssicherheit will Apple keine Kompromisse machen. Fehle ein Feuerlöscher in der Kantine, werde die Fabrik Apples Prüfung so lange nicht bestehen, bis er ersetzt sei. Bei den Arbeitszeiten habe Apple Fortschritte gemacht, bei 60 Wochenstunden müsse Schluss sein. 84 Prozent der bisher überprüften Betriebe haben diese Schranke auch beachtet, "Signifikant mehr als in der Vergangenheit, aber da müssen wir besser werden." Fortbildung sei ebenso ein Thema, 60.000 Arbeiter hätten bereits Englisch- und Betriebswirtschaftskurse belegt. Über Fortschritte will Apple monatlich auf seiner Website berichten.
Die bei der FLA in Auftrag gegebene Überprüfung der Fabriken in China ist laut Cook "die wahrscheinlich gründlichste in der Geschichte der Massenfertigung", auf die Ergebnisse sei man gespannt.
"Wir wissen, dass die Leute an Apple einen hohen Anspruch stellen. Wir haben sogar eine noch höhere Erwartung an uns selbst. Unsere Kunden erwarten, dass wir anführen und das werden wir auch weiter tun." Apple sei mit den talentiertesten Mitarbeitern "gesegnet", für die Zuliefererkette wolle man die gleiche Verantwortung wie bei der Produktentwicklung walten lassen.
Die Inspektion des Fertigungsbetriebes von Foxconn durch die Fair Labor Association lässt Apple im Februar von einem Kamerateam des Senders ABC begleiten. Die Filmcrew darf dabei nicht nur die Arbeiter beim Zusammenbau von iPhone, iPad und Macbook filmen, sondern bekam auch einen Blick in die Unterkünfte und die Lebensumstände der Arbeiter gewährt. Die Bilder sind zwiespältig: Der Zusammenbau von iPhone und iPad ist viel Handarbeit, die von meist sehr jungen Leuten (aber keinen Minderjährigen) verrichtet wird, die auf Stühlen zusammengekauert an langen Fließbändern sitzen. Der Zwölfstundenarbeitstag werde durch eine zweistündige Mittagspause in der Großkantine unterbrochen, wer sein Mahl schneller zu sich nehme, habe mehr Ruhepausen, im Sitzen schlafend. Die Unterkünfte belegen meist acht Menschen pro Zimmer.
Die Nachfrage nach Jobs bei Foxconn ist aber insbesondere bei der Fertigung von Apple-Produkten groß, Foxconn stellt Arbeiter in Massen ein. Die Löhne habe Foxconn seit der Selbstmordserie der vergangenen Jahre etwa verdoppelt, das von den jungen Leuten erwirtschaftete Geld helfe deren Familien in armseligen ländlichen Gegenden, wie das Kamerateam recherchierte. Einige Arbeiter gaben vor der Kamera Auskunft über ihre Wünsche nach höheren Löhnen, mehr Platz in den Unterkünften und niedrigeren Preisen in der Kantine, doch vermittelt der Beitrag nicht, dass die Foxconn-Arbeiter mehrheitlich unzufrieden wären. Apple bemüht sich um Weiterbildung seiner Arbeiter, etwa mit Englischkursen, auch einen Sportplatz stellt Foxconn für die Freizeit bereit.
Dass Apple auf die Bezahlung der Arbeiter offenbar Einfluss hat - und den wohl auch ausgeübt hat - bestätigte indirekt ein Foxconn-Sprecher dem Fersnehteam. Wenn Apple eine Lohnverdoppelung für seine fleißigen Helfer haben wollte, würde das Foxconn begrüßen, die Manufaktur würde dadurch noch attraktiver für Arbeiter.
Apple als starke Marke müsse bei der Verbesserung der Arbeitsbedingungen voran gehen, meinen auch die von ABC befragten Inspektoren der FLA. Neidisch auf die für Apple fertigenden Kollegen schauen andere Arbeiter, die jüngst ihrer Forderung nach höheren Löhnen und besseren Bedingungen mit einer kollektiven Selbstmorddrohung Nachdruck verliehen hätten.
Dass die den Inspektoren gezeigten Szenarien aber nicht der vollen Wahrheit entsprächen, ist der FLA bewusst, natürlich zeige Foxconn auch eine "Show". Dennoch werde der für März angepeilte Bericht objektiv sein, jedwedes "whitewashing" würde man ihm sofort ansehen, versichert der FLA-Inspektor.
Die FLA schreibt in ihrem Abschlussbericht im März, ernste Probleme bei Foxconn gefunden zu haben. Der Fertiger von iPhone, iPad und Macbook sei zu Verbesserungen bei Überstunden, Bezahlung, Unterbringung und Arbeitssicherheit verpflichtet. In ihrem Bericht, der unter anderem auf Befragungen von 35.000 zufällig ausgewählten Arbeitern der Fabriken in Guanlan, Longhua (Shenzen) und Chengdu basiert, nennt die Organisation Probleme und deren Ursachen sowie Maßnahmen zu deren Behebung.
Häufig hätten die Arbeitszeiten die gesetzlich vorgeschriebenen 40 Stunden pro Woche und die erlaubten 36 Überstunden pro Monat überstiegen, selbst die Verpflichtung Foxconns, nicht länger als 60 Stunden pro Woche arbeiten zu lassen, sei oft nicht eingehalten worden. In einigen Fällen hätten Arbeiter sieben Tage die Woche gearbeitet ohne mindestens einmal 24 Stunden auszusetzen. Apple hat in seinem jüngsten Supplier Responsibility Report geschrieben, die höchste Priorität wäre die Reduzierung der Arbeitszeiten bei seinen Zulieferern. Die FLA hat nun mit Foxconn vereinbart, die Arbeitszeitgesetze bis zum 1. Juli 2013 einzuhalten, dazu werde die Firma "zehntausende" neue Arbeiter einstellen, um die anfallenden Lasten besser zu verteilen. Dazu werde Foxconn auch neue Unterkünfte und Kantinen bauen.
Bei der Arbeitssicherheit sollen nun auch neue Standards gelten, jeder Unfall werde nun meldepflichtig und nicht wie bisher nur diejenigen, die zur Unterbrechung der Produktion führen. Sicherheitsbeauftragte soll nun nicht mehr der Arbeitgeber bestimmen, sondern sie sollen aus der Mitte der Arbeiterschaft kommen und für Einhaltung der Arbeitsschutzbestimmungen sorgen. Sofortmaßnahmen der FLA drehten sich um blockierte Notausgänge, fehlende Schutzkleidung oder Zulassungen für gefährliche Arbeiten.
Die Löhne bei Foxconn seien zwar höher als im chinesischen Durchschnitt, doch berichtet die FLA, dass 14 Prozent der Arbeiter nicht ausreichend bezahlt würden insbesondere für ihre Überstunden. Die Lebenshaltungskosten seien zudem so hoch, dass die Löhne dafür zu niedrig seien. Arbeitslosen- und Krankenversicherungen seien ein weiteres Problem, da sie oft nur regional zu erhalten sind. Für die Arbeiter aus entfernten Provinzen seien so nur schlecht Versicherungen abzuschließen. Die FLA will Foxconn zu besserer Bezahlung der Überstunden drängen und Modelle für Versicherungen entwickeln, die sich die Arbeiter aus entfernten Provinzen jenseits der staatlichen leisten könnten.
Die Arbeiter sollen auch besser über die Möglichkeiten der Gewerkschaften und der Tarifverhandlungen unterrichtet werden, allgemein soll Foxconn die betriebliche Mitbestimmung verbessern.
Die FLA will die Umsetzung der Maßnahmen durch Apple und Foxconn regelmäßig überprüfen.
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