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Newton Messagepad - 20 Jahre danach

28.08.2013 | 10:28 Uhr |

Wirtschaftlich ein Desaster, kostete es dem damaligen CEO John Sculley schlussendlich das Amt und wurde von Steve Jobs bald nach dessen Rückkehr zu Apple eingestellt: Das Newton Messagepad war seiner Zeit jedoch voraus und bereitete den Weg für iPhone und iPad - nicht zuletzt durch Apples Fehler.

Nicht erst im Januar 2010 zeigte Apple sein erstes berührungsempfindliches Tablet, sonder schon auf der Macworld Expo in Boston im August 1993: Das Newton Message Pad, meist schlicht nach seinem Betriebssystem "Newton" genannt. Der damalige CEO John Sculley sah in dem neuartigen Gerät einen neuen Umsatzbringer, der das allmählich ins Straucheln geratende Unternehmen wieder stabilisieren sollte - die Hoffnungen erfüllten sich nicht und Sculley musste seinen CEO-Posten für Michael Spindler räumen.

Wie mehr als 16 Jahre später mit dem iPad definierte Apple mit dem Newton eine neue Geräteklasse, die des Personal Digital Assistant (PDA) - jedoch mit wesentlichen Unterschieden. Dominiert Apple den selbst geschaffenen Tabletmarkt auch noch im vierten Jahr, war mit Unternehmen mit PDAs kein Glück beschieden - im Wesentlichen räumte Palm ab, das dann aber seinerseits krachend an Mediaplayer, Smartphone und Tablet scheiterte. Ein anderer Unterschied: Der PDA sollte den Desktoprechner niemals ersetzen, sondern allenfalls ergänzen, während das iPad sich anschickt, den klassischen PC zu verdrängen. Der Newton war als PDA dafür gedacht, Notizzettel, Adressbuch, Organizer und Kommunikationsgerät zu sein, mit anderen Geräten verband er sich vornehmlich über Infrarotschnittstellen.

Touch mit Stift, Handschriftenerkennung

Zum Verkaufsstart kostete der Newton stolze 700 US-Dollar (inflationsbereinigt 1.130 US-Dollar), bot aber seinerzeit fortschrittliche Technik auf. Der 32-Bit-Prozessor ARM 610 arbeitete mit einer Taktrate von 20 MHz mit 640 KB RAM, das schwarz-weiße-LC-Display zeigte 336 mal 240 Pixel. Anders als heute war damals die ARM-Architektur bei weitem nicht die effizienteste in Sachen Energiehunger und in mobilen Geräten daher kaum verbreitet - kurze Akku-Laufzeiten waren mit ein Grund des Misserfolgs. Ebenso aus heutiger Sicht undenkbar: Der Eingabestift (Stylus) für den berührungsempfindlichen Bildschirm wurde als Revolution betrachtet - Anfang 2007 meinte Steve Jobs bei der iPhone-Premiere nur noch: "Wer braucht einen Stylus? Wir haben selbst die zehn besten Eingabegeräte an uns - unsere Finger!" Die spektakulärste Innovation aber war die Handschriftenerkennung des Newton: Wem es sogar in der S-Bahn stehend gelang, mit einer Hand Zeichen auf den Schirm zu kratzen, die der Newton auch lesen konnte, war der Held und konnte sein MessagePad tatsächlich auch als elektronischen Notizblock einsetzen. Alle anderen erhielten Ergebnisse, die noch witziger waren als selbst die abstrusesten Vorschläge heutiger Rechtschreibkorrekturen - wir sagen nur Egg freckles . Man mag es kaum glauben, aber der Konkurrent Palm kam für seine PDAs mit einer besseren Lösung um die Ecke: Die Kurzschrift Graffiti musste man zwar erst erlernen, dann wandelte das Gerät die derart standardisierten Eingaben aber weit akkurater in Text um als das dem Newton je gelang. Und freihändige Kritzeleien speicherte der Palm Pilot einfach als Bild ab. In Mac-OS X 10.2 Jaguar integrierte Apple einen späten Nachfolger der Handschriftenerkennung, Inkwell dürfte aber kaum jemand nutzen. Auf iPad und iPhone ist eine solche Technik schließlich komplett verzichtbar.

Stattdessen kommen die iOS-Geräte mit einer virtuellen Tastatur und seit zwei Jahren mit der Spracherkennung Siri - die trotz aller Macken ihren Nutzer besser versteht als der Newton das Gekritzel seines Anwenders. Doch hat Siri in ihrer Fähigkeit, gesprochene Befehle auszuführen ein Vorbild aus alten Tagen, den Newton Assistant. Dieser setzte handschriftliche Anweisungen um und schickte etwa Dokumente zum Drucker und an das Fax oder plante Termine ein.

Einige Organizer-Programme waren in das ROM des Newton geschrieben, zusätzliche Software konnten die Anwender installieren, wenn sie ihren PDA mit dem Mac verbanden, dies Möglichkeit war zunächst jedoch nur eingeschränkt gegeben. Apple knauserte zudem mit dem Speicher, gerade einmal 140 KB blieben für die Dokumente der Benutzer frei. Anders als iPhone und iPad ließ sich der Speicher des Newton jedoch mit PCMCIA-Karten erweitern, die Apple in Kapazitäten von 1 MB, 2 MB und 4 MB anbot.

Durch Geschwätzigkeit zum Scheitern verurteilt

Wenn heute Apple auf Fragen zu kommenden Neuheiten wie mit einem Mantra "We don't talk about future products" antwortet, hat das seine Ursache nicht zuletzt im Newton. Denn schon ein Jahr vor dem Produktstart hatte CEO John Sculley ausführlich über die neue PDA-Technologie geredet , seinen Worten zufolge sei die Handschriftenerkennung nichts weniger als die "Zukunft des Computings". Diese sei fast fehlerfrei, schwadronierte Apples PR, was die Medien seinerzeit begeistert übernahmen. Verdammt hohe Fallhöhe. Nicht von ungefähr hat Apple Siri vor zwei Jahren in aller gebotener Demut als Beta-Software bezeichnet und bis heute nicht davon gesprochen, die Spracherkennung sei nun wirklich fertig entwickelt.

Sculleys Geschwätzigkeit hatte zudem zur Folge, dass die Konkurrenz ähnliche Produkte fast zeitgleich entwickelt hatte - mit dem iPad war Apple lange Zeit alleine auf dem Markt. Apple stand daher unter Druck, den Newton eher zu früh veröffentlichen zu müssen, ein kaum ausgereiftes Produkt war die Folge - dabei hatten die Ingenieure den Starttermin von April 1992 bereits verschoben. Die fehlerhaften Ergebnisse der Handschriftenerkennung führten zum weiter oben erwähnten Spott, die Marke Newton war bereits zum Start beschädigt. Anstatt nach Apple II und Macintosh der dritte Kassenschlager des Unternehmens zu werden, verkaufte sich das Messagepad nur schleppend, in den ersten Monaten waren es gerade einmal 50.000 Stück. Sculley widerspricht zwar der These vehement, doch dürfte das Scheitern des von ihm so sehr in den Himmel gelobten Produkts der Hauptgrund für sein Ende bei Apple sein, das Ende 1993 kam. MIchael Spindler und Gil Amelio übernahmen für zwei kurze Übergangsphasen, bis Steve Jobs Ende 1996 zurück zu Apple kam, im Sommer 1997 Gil Amelio aus dem Unternehmen drängte und im Februar 1998 die Produktion des Newton endgültig einstellte. Allen Hohn zum Trotz, verbesserte sich die Handschriftenerkennung des Newton in den viereinhalb Jahren seines Bestehens, das Gerät konnte aber weder in Unternehmen noch bei Privatanwendern punkten, zum Standard-PDA entwickelten sich die Produkte von Palm. Der Newton hatte aber unter Apple-Fans treue Anhänger, die noch 2001 im Vorfeld der iPod-Vorstellung von einer Neuauflage des Messagepad träumten. Diesen Träumern entgegnete Jobs harrsch, dass er bei Meetings immer weniger Menschen mit elektronischen Notizblöcken sehe, aber immer mehr mit limitierten MP3-Playern herumlaufen würden - Musik statt Meeting war das Motto.

Verbindung statt Solitär

Neben seiner mangelnden Reife war vor allem die fehlende Verbindung zur Außenwelt ein Misserfolgskriterium für den Newton, wie wir heute am iPad sehen. Bald eine Million Apps für jeden denkbaren Zweck bieten sich heute für iPhone und iPad an, für die Android-Konkurrenz sind es kaum weniger. In heute allgegenwärtige WLAN- und UMTS-Netze lassen sich iOS-Geräte nahtlos einbinden, für den Newton hatte es seinerzeit keine solche Infrastruktur gegeben - 1993 war schließlich der Begriff "Autotelefon" weit gebräuchlicher als "Mobiltelefon".  Apple-Ingenieuren waren die Beschränkungen der damaligen Technik bekannt - der Newton war seiner Zeit wohl einfach voraus. Dennoch zeigte schon der Flop von vor 20 Jahren, wohin die Reise des Computings gehen würde. Insofern hatte Sculley Recht behalten, wenngleich er sich in wesentlichen Details irrte.

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