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Nischenindustrie rund um gescheiterte Dot-Coms

19.03.2001 | 00:00 Uhr |

Ein Scherz wurde Wirklichkeit, und
die Betroffenen können gar nicht darüber lachen. Im populären
amerikanischen Zeitungs-Comic-Strip «Doonesbury» entsteht ein
Unternehmen, das unter dem Namen «myVulture.com» wie ein Geier über
dem Besitz gescheiterter Dot-Com-Firmen kreist. Die Überreste der
Geschäftsleichen werden billig eingekauft und dann Gewinn bringend
abgestoßen. Was Millionen amerikanischer Zeitungsleser amüsiert, ist
jetzt Realität: Der Geschäftszweck der echten Firma Overstock.com in
Salt Lake City (Utah) ist derselbe wie der des fiktiven Vorbilds.

«Wir erwarten in den nächsten sechs Monaten noch mehr
Firmendebakel», sagt Patrick Byrne. Der Chef von Overstock.com reibt
sich schon die Hände. Er kann es kaum erwarten, sein eigenes Lager
mit den Waren weiterer Pleiteunternehmen zu füllen. Byrne übernahm
bereits die Sortimente des Juweliers Miadora.com, des virtuellen
Hutgeschäfts eHats.com und des Babyartikel-Fachhändlers
Babystripes.com. Dort freuten sich die Konkursverwalter über die
Geldspritze Byrnes, mit der wenigstens einige der Schulden abbezahlt
werden konnten.

Bei Overstock.com gibt es auch die Waren des gescheiterten
Spielzeughändlers ToyTime.com. Kuschelbären, Plastikautos und
Tretroller im Wert von 12 Millionen Dollar übernahm der neue Besitzer
zum Preis von 3,7 Millionen Dollar. Das Spielzeug kann deshalb den
Einzelkunden zu Schleuderpreisen angeboten werden, die oft über 50
Prozent unter den normalen Ladenbeträgen liegen. «Man labt sich am
Dot-Com-Aas» - mit solch drastischen Worten beschrieb die
Tageszeitung «USA Today» unlängst den schwunghaften Handel mit den
Hinterlassenschaften der Gescheiterten.

Davon profitiert auch die Firma Bid4assets.com, deren Internet-
Name wörtlich das Geschäft beschreibt: Die Kunden sollen Gebote
einreichen. Dann können sie Teile aus der Konkursmasse von
gescheiterten Unternehmen ersteigern, ganz gleich ob es sich um deren
Warenlager oder Büroeinrichtungen handelt, von gebrauchten Computern
über Möbel bis zu Kopierern.

Nutznießer der Pleiten sind auch Immobilienmakler, die leer
stehende Büroräume der Pleitefirmen gegen hohe Provisionen
weitervermitteln, und Anwälte, die den Konkurs abwickeln. «Wir sind
sehr, sehr, sehr beschäftigt», sagt Steve O'Neill von der Kanzlei
Murray & Murray in Kaliforniens Silicon Valley. Auch professionelle
Arbeitsvermittler freuen sich über die Vielzahl der Pleiten. Sie
können sich aus der großen Masse von neuerdings arbeitslosen
Technologie-Experten die Topkandidaten herauspicken, berichtet Jim
Audel von der Vermittlungsfirma Russell Reynolds in San Francisco.
«Wir sehen immer mehr traditionelle Firmen, die im Internet-Handel
mitmischen wollen und nun sachkundige Manager suchen, die sich in der
E-Welt auskennen», freut sich Audel.
dpa

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