2052232

Nützliche Spione am Handgelenk

18.02.2015 | 16:21 Uhr |

Bonner sind Bewegungsmuffel und Frauen schlafen länger als Männer. Woher wir das wissen? Die Daten von Wearables machen uns durchsichtig.

Wearables sind "clevere" Geräte, die man am Körper trägt. Die Schrittzähler von Fitbit sind hier ebenso prominente Beispiele wie auch die Apple Watch. Die Kategorie der Wearables geht zunehmend einher mit anderen Schlagworten der IT-Szene: beispielsweise "Big Data". Dank Bluetooth und dem – ebenfalls schon lange gehypten – "Internet der Dinge" sollen uns solche Alltagshelfer in Zukunft sportlich vermessen, im Notfall retten oder medizinisch beobachten. Diese Zukunftsvision wirft nicht nur technische Fragen nach Akkulaufzeiten oder Funkreichweite auf, sondern vor allem Fragen nach Datenschutz und Datensicherheit.

"14 der 18 Fußball-Bundesligavereine trainieren aktuell bereits mit unseren Produkten", sagt der Produktmanager von Polar, Marco Suvilaakso auf der Branchenkonferenz "Wearable Technologies" in München Anfang Februar. Hier treffen sich zwei Tage lange alle Interessierten, von Herstellern von Sensoren bis hin zu Startups und Forschern von Hochschulen.

Neben den Vorträgen von Unternehmensvertretern gibt es am Rande eine Mini-Messe mit neuen und bekannten tragbaren Produkten. Darunter mehrere Messgeräte, die im Ohr Herzfrequenz oder Körpertemperatur messen, oder einen Sensor, der am Fahrrad- oder Skihelm befestigt Stürze erkennt und automatisch per iPhone Alarm auslöst, wenn man selbst nicht mehr in der Lage ist, diesen Alarm abzubrechen.

Auch das sind Wearables: ein Heimtraineranbieter zeigt auf der ISPO, wie wir per Datenbrille und Trainingsgerät durch eine Computerspiel–Landschaft fahren können.
Vergrößern Auch das sind Wearables: ein Heimtraineranbieter zeigt auf der ISPO, wie wir per Datenbrille und Trainingsgerät durch eine Computerspiel–Landschaft fahren können.

Ich weiß, wie Du letzte Nacht geschlafen hast

Besonders der Vortrag des Jawbone-Managers Bandar Antabi zeigt die Ambivalenz der heutigen technischen Möglichkeiten: faszinierend und zugleich ein wenig gespenstisch. Antabi zeichnet die Vision eines Zwiebelmodells, in dem tragbare Geräte am Körper – wie Fitnesstracker – die erste, innerste Schicht bilden und weiter außen Geräte wie das Smartphone oder intelligente Heizungssteuerung folgen. "The Internet of you" heißt dies im Vortrag. Alles könnte miteinander vernetzt sein und gemeinsam unser Verhalten analysieren und lernen, entsprechend zu handeln.

Jawbone-Manager Bandar Antabi zeichnet auf der WT-Konferenz die komplett vernetzte Zukunftsvision rund um Wearables und dem Internet der Dinge.
Vergrößern Jawbone-Manager Bandar Antabi zeichnet auf der WT-Konferenz die komplett vernetzte Zukunftsvision rund um Wearables und dem Internet der Dinge.

Ein Beispiel: Durch die Schlafmessung des Fitnessarmbandes kann die Heizung lernen, wann wir im Schnitt ins Bett gehen und entsprechend automatisch den Nachtmodus aktivieren. Mit dem Thermostathersteller Nest hat Jawbone schon heute eine Kooperation. Antabi zeigt sogar die Möglichkeit auf, dass Informationen aus TV-Streamingdiensten mit Schlafanalyse gekoppelt werden kann: "Du hast gestern Abend eine Folge einer Zombieserie gesehen und dann 30 Minuten länger zum Einschlafen benötigt als sonst."

Technisch ist das faszinierend, letztlich aber auch ein Stück weit gruselig, auch ohne ganz ohne Zombies. Die Technik wird zum Lebensberater für Erwachsene. Ein weiteres Beispiel aus dem Labor von Jawbone: Bei einem Erdbeben in South Napa , Kalifornien zeigte die Analyse von Jawbone, dass im Umkreis von 25 Kilometern um das Epizentrum 90 Prozent der Jawbone-Träger von den Schockwellen aufgewacht sind. Auch zu Deutschland gibt es Einblicke: die aktivste Stadt sei Hamburg, Bonn dagegen eine der am wenigsten aktiven Städte. Der Durchschnittsdeutsche schlafe 7 Stunden pro Nacht, Frauen dabei im Mittel 20 Minuten länger als Männer. Alles Informationen, die sich aus den Daten der Träger der Fitnessarmbänder herauslesen lassen.

Unternehmen wie das Münchener Startup Cosinuss wollen Vitalwerte dank neuer Sensoren im Ohr messen.
Vergrößern Unternehmen wie das Münchener Startup Cosinuss wollen Vitalwerte dank neuer Sensoren im Ohr messen.

Daten sind Vertrauenssache

Das Unternehmen beteuert, dass alle Nutzerdaten nur anonymisiert und geclustert, also in Gruppen ausgewertet würden. Dazu würde man keine Daten verkaufen, jedoch würden anonymisierte Daten an Kooperationspartner wie Nest weiter gegeben. Wenn der Nutzer sein Profil löscht, würden alle Daten ebenfalls getilgt, auch die bei Kooperationspartnern. Veröffentlichung von Daten gebe es nur gelegentlich beispielhaft auf dem eigenen Blog oder zusammen mit ausgewählten Medienpartnern.

Die Schlussfolgerungen über die Bevölkerung, die man potenziell durch Daten tragbarer Geräte ziehen kann, sind enorm interessant und viele der möglichen Anwendungen können auch dem Träger selbst das Leben erleichtern und helfen, das eigene Verhalten zu quantifizieren und reflektieren. Und dennoch hat die freiwillige Vermessung des Alltags auch mögliche Schattenseiten. Denn die Daten, die dabei anfallen, sind höchst attraktiv und begehrt.

Jawbone will nicht nur Fitness- sondern "Lifestyle-Tracker" sein und unser Verhalten verstehen lernen.
Vergrößern Jawbone will nicht nur Fitness- sondern "Lifestyle-Tracker" sein und unser Verhalten verstehen lernen.

Nikolaj Hviid, der mit seinem multifunktionalen Ohr-Wearable "The Dash" 2014 viel Aufmerksamkeit erhalten hat, warnt in seinem Vortrag vor "corporate peepers" (zuschauenden Konzernen). Wer Daten sammle, wolle auch etwas verkaufen. Er spricht sich dafür aus, gemessene Daten nur lokal beim Nutzer auszuwerten und nicht in die Cloud von Unternehmen hochzuladen. Für mehr Sicherheit und mehr Datenschutz.

0 Kommentare zu diesem Artikel
2052232