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Offene Schnittstellen: Microsoft kündigt Strategiewechsel an

22.02.2008 | 09:12 Uhr |

Microsoft will sich mit einem umfassenden Strategiewechsel für Partner und Wettbewerber öffnen und viele bislang als Betriebsgeheimnisse gehütete Informationen offenlegen. Das kündigte der Chef des weltgrößten Softwarekonzerns, Steve Ballmer, am Donnerstag in Redmond (US-Bundesstaat Washington) an.

Microsoft käme damit einer zentralen Forderung der EU-Kommission nach, die in der Vergangenheit vergeblich eine entsprechende Öffnung verlangt und hohe Bußgelder gegen das US-Unternehmen verhängt hatte. Die Kommission will die Microsoft-Pläne prüfen und erinnerte daran, dass es bereits mehrere Ankündigungen gegeben habe. Wettbewerber des Windows-Riesen äußerten sich zurückhaltend.

Ballmer sagte, die Initiative umfasse vier Bereiche: Microsoft werde künftig offene Verbindungen gewährleisten, die Übertragbarkeit von Daten vorantreiben, Industrie-Standards umfassend unterstützen sowie sich offener mit den Anforderungen der Kunden und der gesamten Branche auseinandersetzen. Dies schließe auch die Open-Source- Gemeinschaft mit ein, die Microsoft bislang als Wettbewerber bekämpft hatte.

Microsoft war in den vergangenen Jahren von Konkurrenten aber auch verschiedenen Kartellbehörden vorgeworfen worden, Wettbewerber durch geschlossene Dateiformate und eine abwehrende Technologie-Politik behindert zu haben. Zuletzt hatte Microsoft jedoch bereits Vereinbarungen mit Firmen wie Novell und Turbolinux getroffen, die eine Nutzung von Microsoft-Technologien ermöglichen.

"Diese Bewegungen sehen wir als wichtigen Schritt an. Sie zeigen einen signifikanten Wechsel, wie wir Informationen über unsere Produkte und Technologien mit anderen teilen", sagte Ballmer. Microsoft gehe diesen Weg aus eigenen Stücken. Zwar habe sein Unternehmen auch in den vergangenen 33 Jahren mit Kunden und Partnern Informationen ausgetauscht und dabei eine ganze Industrie aufgebaut. "Die heutige Ankündigung steht aber für eine signifikante Erweiterung unserer Transparenz." Microsoft werde für diese Informationen keine Lizenzgebühren verlangen. Microsoft-Justiziar Brad Smith machte in einer Telefonkonferenz klar, dass sein Unternehmen mit dem angekündigten Strategiewechsel auch einen Schlussstrich unter die Wettbewerbsverfahren in der EU ziehen möchte. "Wir sind jetzt auf die Antwort aus Brüssel sehr gespannt", sagte Smith.

Die Kommission will die Microsoft-Ankündigungen in einem laufenden Missbrauchsverfahren gegen den Softwaregiganten prüfen. Es habe in der Vergangenheit bereits mindestens vier Ankündigungen des Konzerns zur Offenlegung von Schnittstelleninformationen gegeben, betonte die EU-Behörde. In einem seit Januar laufenden Verfahren untersucht die Kommission eine angebliche Verweigerung von Schnittstelleninformationen seitens Microsoft. Das EU-Gericht hatte im vergangenen Jahr frühere EU- Sanktionen gegen Microsoft und ein Bußgeld von fast 500 Millionen Euro voll bestätigt. Dem Branchenverband ECIS zufolge, dem Wettbewerber wie Opera, RealNetworks oder Sun Microsystems angehören, ist es zu früh zu sagen, ob die angekündigten Maßnahmen tatsächlich einen Strategiewechsel von Microsoft bedeuten. Es sei auch nicht abzusehen, ob der Vorstoß den Konzern dazu führe, dass die EU-Wettbewerbsregeln künftig eingehalten würden, hieß es.

Microsoft-Jurist Smith betonte, die angekündigte Öffnung bedeute nicht, dass Microsoft seine grundsätzliche Position zum Urheberrecht oder dem Schutz geistigen Eigentums durch Patente aufgeben werde. Ballmer sagte, Microsoft werde auch in Zukunft bestimmte Betriebsgeheimnisse schützen und vermarkten. Ray Ozzie, der Chef-Softwarearchitekt von Microsoft, meinte, in den großen Unternehmen seien heterogene Systeme inzwischen die Norm. "Daher ist Interoperabilität zwischen Anwendungen und Diensten inzwischen eine Schlüssel-Anforderung." Der Geschäftsführer von Microsoft Deutschland, Achim Berg, sagte, die Ankündigung stehe für einen "signifikanten Ausbau" der bereits unternommenen Anstrengungen zur Öffnung der Microsoft-Produkte und -Technologien. "Das ist die richtige Sache für unsere Kunden und für die Software-Industrie." (dpa)

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