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"Pink Slip Parties" kommen nach Deutschland

18.04.2001 | 00:00 Uhr |

Entlassungspapiere sind in den USA rosa. Deshalb stürzen sich frisch gefeuerte dot.commer unter dem Motto "Pink Slip" ins Nachtleben, um einen neuen Job zu finden. Entlassungs- und Partywelle schwappen jetzt auch nach Deutschland über.

Die Party-Szene im Rhein-Main-Gebiet
ist demnächst um eine Farbe reicher. «Pink Slip Party» heißt ein
neues Ausgeh-Angebot, das am 17. Mai in Frankfurt Premiere haben
soll.

Um rosa Dessous geht es dabei jedoch nicht: «Pink Slip» heißen in
den USA die Kündigungsschreiben, die immer mehr Mitarbeitern von New
Economy-Unternehmen ins Haus flattern. Schnell gegründet, schnell
pleite - dieses Schicksal ist in der Startup-Szene inzwischen weit
verbreitet. In den USA locken «Pink Slip Parties» frisch Gefeuerte
und Arbeitgeber der dot.com-Branche gemeinsam ins pralle Nachtleben.
Diese Form der Job-Börse soll nun auch in Deutschland Fuß fassen.

Initiator Frank Lichtenberg, selbst Chef eines Startup-
Unternehmens und Leiter des Arbeitskreises «Start-Ups» im Verband der
deutschen Internetwirtschaft, rechnet für den 17. Mai mit etwa 800
Gästen aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet. Die erste Frankfurter
«Pink Slip Party» steigt im «Palast der Republik», einem 1100
Quadratmeter großen ehemaligen Fliesenlager im Frankfurter Ostend. Im
Ostend, mit seiner Hanauer Landstraße früher das Dorado der Startup-
Branche, stehen inzwischen auch schon einige Büroetagen leer.

«Wir haben jede bekannte Personalberatungsfirma und viele
renommierte Unternehmen eingeladen», sagt Lichtenberg. «Die Pink Slip
Parties sind eine gute Möglichkeit, sich in lockerer Atmosphäre
auszutauschen und neue Kontakte zu knüpfen.» Etwa 120 Partygänger
hätten sich schon angemeldet. Und Anmeldung mit Angaben zu Alter und
Beruf muss sein. Denn diese Angaben werden an potenzielle neue
Arbeitgeber weitergeleitet. Drei Viertel der Interessenten gaben an,
ihren Job bereits verloren zu haben. Die übrigen sind laut
Lichtenberg «besorgt» um ihren Arbeitsplatz oder einfach nur
neugierig.

Eintritt und im Rahmen des Möglichen auch Cocktails und
Kulinarisches sind für «Pink Slippers» kostenlos. Finanziert wird der
Abend von Sponsoren und zahlenden Gästen, die den Markt nach neuen
Mitarbeitern durchkämmen wollen. Mindestens ein rosa Detail muss
jeder Jobsucher an sich haben. Dezenz zeichnet diejenigen aus, die
einen Job zu vergeben haben: Bei ihnen genügt ein rosa Punkt am
Revers.

Frankfurt ist wie Hamburg, Berlin und München eines der Zentren
der deutschen Internetwirtschaft. Auch in diesen Städten bietet
Lichtenberg «Pink Slip Parties» an. Start ist am 30. April in den
Berliner Reinbeckhallen. Weiter geht es mit Frankfurt, dritte Station
ist am 31. Mai das Münchener Nachtwerk, und am 14. Juni trifft man
sich in Hamburg in den Sortierhallen eines ehemaligen Postamtes.
Danach wird die Party alle zwei Wochen wiederholt, so dass in jeder
der vier Städte alle zwei Monate getanzt und gekungelt werden kann.

Dieser verspielte Umgang mit dem verlorenen Posten passt zur
Mentalität einer Branche, die so rücksichtslos wie chamäleonhaft ist.
Selbst die Industrie- und Handelskammer hat keinen genauen Überblick
über Neugründungen und Pleiten. Da die Erfassungscodes für die
einzelnen Branchen bereits 1993 erstellt wurden, fallen viele seitdem
gegründete Start-Ups durch das Raster und werden den vorhandenen
Kategorien relativ willkürlich zugeordnet.

«Goldgräbermentalität» und «Glücksrittertum» herrsche bei den
jungen Einzelkämpfern der dot.com-Unternehmen, kritisiert Arno
Enzmann, Frankfurter Bezirkssekretär des Fachbereichs Medien in der
Dienstleistergewerkschaft ver.di. Die Fluktuation sei hoch, die
Unternehmen seien meist klein, die tägliche Arbeitsbelastung liege
mit bis zu 16 oder 17 Stunden am Tag oft weit jenseits der
Vorschriften.

Gewerkschaftliche Organisation ist nach Enzmanns Erfahrung
verpönt. «Wir kriegen erst Zulauf, wenn die Leute nicht mehr gefragt
sind.» Die Mitarbeiter verpulverten ihre Arbeitskraft, ohne an
soziale Absicherung zu denken, ließen sich von Illusionen locken,
fühlten sich als Miteigentümer. «Erst, wenn so ein Ding geschlossen
wird, merken sie, wer Unternehmer ist und wer nur Arbeitnehmer.» Auch
an den Arbeitsämtern läuft der Beschäftigungsmarkt der New Economy
oft vorbei. Offenbar gilt der Gang zur Behörde statt zur Börse in
dieser Branche als uncool.

Wenn Lichtenbergs Konzept aufgeht, wollen andere Frankfurter
Veranstalter möglicherweise nachziehen. «Wenn der Trend aus Amerika
kommt und gut läuft, könnten wir uns das hier auch vorstellen», meint
etwa Goran Petreski von der Frankfurter «Studio Bar». Dort hat man
bereits mit den inzwischen etablierten «After-Work-Parties» gute
Erfahrungen gemacht. dpa

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