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RFID - Fluch oder Segen?

09.03.2006 | 10:30 Uhr

Der Handelsriese Metro hat das Thema RFID erstmals auf die weltgrößte Computermesse CeBIT nach Hannover getragen.

Der Konzern stellt gemeinsam mit Partnern aus Handel und IT auf insgesamt 2800 Quadratmetern mögliche und aktuelle Einsatzgebiete der Funktechnik vor. Die Industrie hegt dabei große Träume: Künftig könnten die kleinen Funkchips in allen erdenklichen Bereichen Logistik und Warenströme revolutionieren. "Der Handel befindet sich derzeit im Umbruch", sagt Metro-Manager Gerd Wolfram. Doch Visionen wie der intelligente Joghurtbecher sind nach heutigem Stand der Technik noch Zukunftsmusik. "RFID wird nicht heute oder morgen, aber übermorgen den Barcode ablösen", sagt Wolfram.

Dabei ist mit der Radio Frequency Identification eine 40 Jahre alte Technik dabei, die High-Tech-Messe zu erobern. Die heute eingesetzten RFID-Systeme bestehen aus einem Etikett mit Transponder-Chip und einer Empfangseinheit. Die Datenübertragung erfolgt über elektromagnetische Wellen. Auf dem Chip können zum Beispiel Angaben zum Produkt gespeichert werden wie Hersteller, Preis, Liefer- und gegebenenfalls Verfallsdatum.

Eines der zu lösenden Probleme war lange Zeit, Trägermaterialien zu finden, die auf Verpackungen unterschiedlichster Art aufgebracht werden können. Inzwischen erprobe man allerdings schon erfolgreich die Produktion der Chips auf Polymer-Basis, sagt Metro-Sprecherin Petra Rob. Die Materialforschung spielt allerdings nicht nur für den praktischen Einsatz eine Rolle, sondern bestimmt auch den Preis der Etiketten. Zuletzt hatte ein Etikett noch bis zu 40 Cent gekostet - was dem Einsatz auf Waren aller Art eine natürliche Grenze setzt. Mit der neuen Chipgeneration EPC Gen2 (Electronic Product Code Generation 2) habe man die Kosten pro Stück inzwischen auf 14 Cent senken können, sagt Wolfram.

Daten vom RFID-Chip lassen sich berührungslos und ohne Sichtkontakt auslesen. Metro hat die Technologie bereits an bundesweit 22 Standorten in Wareneingangsprozessen im Einsatz. Wenn dort zum Beispiel eine mit einem RFID-Chip versehene Palette bei der Warenannahme geliefert wird, kann der Scanner die Waren automatisch erkennen und mit dem elektronischen Lieferschein abgleichen. Der Technologie-Partner IBM habe errechnet, dass auf diese Weise allein beim Wareneingang Einsparungen in Höhe von 8,5 Millionen Euro pro Jahr möglich sind, wenn alle Händler mit dieser Technik ausgestattet sind, sagt Wolfram. Möglich sei dies durch erhebliche Zeitersparnis.

Was in den Augen der Industrie eine hoffnungsvolle Zukunftsvision ist, hinterlässt bei vielen Datenschützern allerdings erhebliche Zweifel. Der unter Kritikern auch "Schnüffelchip" genannte RFID-Tag schaffe den gläsernen Kunden, befürchtet unter anderem der Datenschutz-Verein FoeBuD . Eine mit RFID markierte Ware könne zum Beispiel eindeutig einem bestimmten Kunden zugeordnet werden, sich möglicherweise sogar bis in dessen Heim nachverfolgen lassen und auch das Erstellen unerwünschter Kundenprofile ermöglichen.

Die Industrie zeigt sich auf der CeBIT insgesamt diskussionsfreudig und offen für Kritik. Zahlreichen Foren sollen Gelegenheit geben, sich über Vor- und Nachteile auszutauschen. Es sei sehr wichtig, sich intensiv mit möglichen Datenschutzbedenken zu beschäftigen, sagt Rob. "Vielfach werden jedoch auch Horrorszenarien diskutiert, die einfach realitätsfern sind."

Die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der Funktechnik sorgen allerdings immer wieder für neue Vorbehalte. So hatte es heftige Kritik in der Öffentlichkeit gehagelt, als die Tickets für die Fußball-Weltmeisterschaft mit RFID-Tags ausgestattet wurden und die Eintrittskarten persönliche Daten des Käufers enthalten sollten. Zu einem vieldiskutierten Thema hat es RFID auch wieder am vergangenen Dienstag gebracht: Die Besucher des Intel Developer Forums in San Francisco erhielten erstmals und ohne Begründung mit RFID ausgestattete Besucherausweise. Auf dem erstmals zeitgleich mit der CeBIT stattfindenden Fachkongress des Chipherstellers schossen prompt die Gerüchte ins Kraut. Möglicherweise wolle der Chipgigant nur sicherstellen, dass sich die Fachjournalisten nicht beim Konkurrenten AMD herumtreiben, unkte The Inquirer .

Spionagewerkzeug oder Segen: Diskussion über RFID

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