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RFID: Traum oder Alptraum

21.02.2005 | 11:39 Uhr |

Die Kasse, die die Waren schon im Einkaufswagen abrechnet, der Chip unter der Haut, der den Notarzt sofort über Blutgruppe und Allergien informiert, der Kühlschrank, der die Milch von alleine auf die Einkaufsliste setzt - die Technik, die das möglich macht, heißt RFID und zählt zu den großen Zukunftsvisionen.

Auf der CeBIT in Hannover (10. bis 16. März) werden die winzigen Funkchips mit ihren breiten Anwendungsmöglichkeiten zu den zentralen Themen zählen. Doch während sich die Industrie von den Funketiketten Milliarden-Einsparungen und ein großes Geschäft erhofft, verurteilen Verbraucher- und Datenschützer sie als «Schnüffel-Chips».

RFID (Radio Frequency Identification) ermöglicht auf kurzer Entfernung die automatische Erkennung einzelner Objekte per Funk. Derzeit treiben vor allem große Handelskonzerne wie Wal-Mart oder METRO die Technologie voran. Ihre Lieferanten sollen heute schon von Strichcodes zu den Radio-Etiketten übergehen. Das bringt enorme Einsparungen in der Logistik. Das Geschäft mit den RFID-Chips wurde im vergangenen Jahr auf 300 Millionen Dollar geschätzt. Bis 2009 rechnet das US-Marktforschungsunternehmen In-Stat mit einem Anstieg auf 2,8 Milliarden Dollar, der Großteil davon im Handel. Das größte Hindernis war bisher der Preis der Chips, der inzwischen von mehr als 50 auf 15 US-Cent fiel. Ab 5 Cent werde es richtig interessant, heißt es von Analysten.

Von etlichen Anwendungsfeldern ist die Rede. Ein Kasino in Las Vegas will mit RFID für fälschungssichere Spielchips sorgen. Bibliotheken könnten so ihre Bücher markieren, Gefängnisse die Häftlinge, Pharmakonzerne könnten ihre Medikamente vor Fälschungen schützen und Regierungen würden die Chips gern in Gesundheitskarten oder Reisepässen sehen. Auch bei der Fußball-WM 2006 soll RFID zum Einsatz kommen. Ein in die Eintrittskarte integrierter Chip funkt am Eingang einem Lesegerät aus kurzer Distanz seine Nummer zu. Mit der Datenbank dahinter wird festgestellt, ob die Daten stimmen.

Schon jetzt gehört die Technologie zum Alltag: Die Monatsfahrkarten der Londoner U-Bahnen haben einen RFID-Chip, das Maut-System in Singapur funktioniert damit und ebenso zahlreiche Skilifte in den Wintersportgebieten der Alpen. Auch bei den Fußball- Bundesligisten Schalke 04, Hamburger SV und dem Zweitligisten 1. FC Köln ist RFID bereits im Einsatz.

CeBIT-Besucher werden dieses Jahr schon am Eingang mit der Technologie konfrontiert: RFID-Lesegeräte des Anbieters PCS werden berührungslos die Eintrittskarten kontrollieren. Auch Schwergewichte wie SAP, Siemens und IBM wollen Lösungen vorstellen. Hewlett-Packard nutzt die Chips im Vertrieb von Druckern und will auf der CeBIT über die Erfahrungen berichten. Den kompletten Prozess vom Druck eines Labels über das Beschreiben eines Transponders bis zum automatischen Lesen eines Warenausgangs zeigt der Paderborner Oracle-Partner Team. Speziell für die Konsumgüterindustrie ist ein von Sun Microsystems entwickeltes Komplett-Paket gedacht, das aus Software, Etikettendrucker und Lesegeräten besteht.

Datenschützer mahnen jedoch zum sorgsamen Umgang mit den Systemen. Grundsätzlich ließen sich mit RFID Daten zu Gewohnheiten und Eigenarten eines Menschen sammeln. «Die hohe räumliche und zeitliche Dichte der Datenspuren erlaubt die nachträgliche Erstellung von personalisierten Bewegungs- und Kontaktprofilen», sagt Britta Oertel vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT).

Experten des IZT und der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) haben im Auftrag des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik die Chancen und Risiken untersucht. «Wie jede neue Technik hat auch diese zwei Seiten», zieht Oertel ein Fazit der Studie. So ermögliche beispielsweise die Markierung von Nutztieren mit RFID-Chips eine gläserne Produktionskette bis zur Ladentheke im Sinne eines umfassenden Verbraucherschutzes. Andererseits könnten Arbeitgeber die Technik dazu nutzen, Verhalten und Leistung ihrer Angestellten zu observieren. «Solche Daten werden gesammelt, auch wenn es verboten ist», ist Oertel überzeugt.

Bei aller Kritik dürfe allerdings nicht vergessen werden, dass viele sensible Informationen schon mit anderen Systemen gesammelt werden. So legten Besitzer von Kundenkarten gegen einen minimalen Preisvorteil ihre gesamten persönlichen Kaufinteressen offen, die von den Firmen Gewinn bringend ausgewertet würden. «Der Kunde ist sich gar nicht bewusst, was für eine gute Informationsquelle er schon ist. Wir sind jetzt schon gläserne Menschen, aber die Dimension wird mit der RFID-Technik noch einmal deutlich zunehmen.»

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