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Ranglisten von Suchmaschinen oft manipuliert

21.07.2004 | 10:37 Uhr |

Suchmaschinen werden so selbstverständlich genutzt wie der Brockhaus oder das Telefonbuch.

Doch die Wegweiser im Internet sind keineswegs immer unabhängig und objektiv. Ihre Ranglisten enthalten bezahlte Werbe-Einträge und werden zunehmend durch Spam-Tricks manipuliert. So landen auf den vorderen Plätzen nicht immer die besten Seiten, sondern mitunter unseriöse Dialer-Angebote und jugendgefährdendes Material.

Die Landesmedienanstalt in Nordrhein-Westfalen prüft außerdem in einem Gutachten mögliche rechtliche Schritte, um die derzeitige Praxis der Suchmaschinen-Anbieter zu regulieren. Und die Bertelsmann Stiftung will mit einem Verhaltenskodex für Suchmaschinen-Anbieter dieser Entwicklung entgegenwirken. «Die Ranglisten von Suchmaschinen sind häufig durch Spam und Werbung manipuliert», sagt Journalistik-Professor Marcel Machill von der Universität Leipzig. Machill hat vergangenes Jahr in der Studie «Wegweiser im Netz» für die Bertelsmann Stiftung starke Defizite bei der Nutzerfreundlichkeit und Objektivität von Suchmaschinen festgestellt.

Daraufhin hat der Wissenschaftler einen Kodex für die Betreiber von Suchmaschinen entwickelt, der im Mai vorgestellt wurde. Im Wesentlichen enthält dieser Katalog drei Forderungen: größere Transparenz der Funktionsweise einer Suchmaschine für den Nutzer, besserer Jugendschutz beispielsweise durch Familienfilter sowie eine klarere Kennzeichnung von Werbung.

Laut Machill hat die Manipulation der Suchergebnisse durch zweifelhafte Werbetreibende deutlich zugenommen: «Beispielsweise geben Webanbieter häufig genutzte Suchwörter an, auch wenn diese nichts mit dem Inhalt ihrer Website zu tun haben.» Problematisch sei dies vor allem, wenn Minderjährige bei harmlosen Suchbegriffen auf pornografische oder extremistische Seiten gelockt würden. Wer sich beispielsweise über die Geschichte des Dritten Reichs informieren will und dazu das Stichwort «NSDAP» eingibt, finde mitunter die Seite eines rechtsradikalen Amerikaners an erster Stelle. Zudem würden viele Spam-Seiten unseriöse Dialer-Angebote enthalten und so die Nutzer zusätzlich schädigen.

Außerdem würden die Betreiber der Suchmaschinen selbst Einfluss auf die Ergebnis-Ranglisten nehmen, so Norbert Schneider, Direktor der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Es sei etwa gängige Praxis, Websites gegen Bezahlung auf vorderen Plätzen der Trefferliste zu platzieren. Solche «sponsored Links» stellten für einige Suchmaschinen-Anbieter eine zentrale Erlösquelle dar. Für die Nutzer sei jedoch meist nicht erkennbar, ob es sich um neutral ausgewählte Seiten oder bezahlte Links handele.

Grundsätzlich dürfe man die Aufnahme bezahlter Links nicht verurteilen, so Wolf Osthaus, Sprecher des Branchenverbandes Bitkom in Berlin. Dieses Verfahren ermögliche kostenlose Suchmaschinen. Außerdem stellten Wettbewerbsrecht und Telediensterecht bereits klare gesetzliche Regelungen über Anforderungen an Werbung auf Suchmaschinenseiten. So sei etwa die Kennzeichnung «sponsored link» in verschiedenen Gerichtsentscheidungen als gesetzeskonform beurteilt worden. Zudem regle der Markt das Problem von selbst: Denn eine Suchmaschine habe nur solange Erfolg, wie sie ihren Nutzern gute, brauchbare Ergebnisse liefere.

Auf dem Markt für Suchmaschinen gibt es eine zunehmende Monopolisierung. Experten befürchten deshalb eine Einschränkung der Meinungsvielfalt. Mittlerweile nutzen mehr als 68 Prozent der Suchmaschinen-Anwender das Angebot des Marktführers Google. Berücksichtigt man zum Beispiel, dass Google und mit AOL kooperiert, erhöht sich der Marktanteil auf mehr als 75 Prozent.

Die Landesmedienanstalt in Nordrhein-Westfalen lässt deshalb in einem Gutachten bis zum Herbst prüfen, ob die derzeitige Praxis der Suchmaschinen-Betreiber gegen geltendes Medien- und Kartellrecht verstößt und inwieweit der Gesetzgeber in Deutschland hier eingreifen kann. «Wissen ist Macht, und Macht braucht immer Kontrolle», so Schneider. Suchmaschinen seien als Torwächter vor den Wissensspeichern des Internets besonders mächtig

«Wir haben uns dem Nutzer nicht aufgezwungen - die Nutzer haben uns zum Marktführer gemacht», erwidert Stefan Keuchel, Sprecher von Google Deutschland in Hamburg. Auch mit der Kennzeichnung von Werbung habe Google im Gegensatz zu Konkurrenten bereits eine klare Trennung von redaktionellem Teil und Anzeigen vorgenommen: Werbeeinblendungen stünden seitlich neben den Suchergebnissen unter der Überschrift «Anzeigen».

Mit der Spam-Plage hat Google laut Keuchel allerdings immer noch zu kämpfen, obwohl die Gegenmaßnahmen bereits verstärkt worden seien: Demnach wird der Index der Suchmaschine inzwischen häufiger erneuert, wodurch unseriöse Seiten schneller herausfallen. Leider sei dies bislang ein ungleicher Wettlauf, so Keuchel. Kaum sei eine Spam-Seite aus dem Index entfernt, tauche bereits eine andere auf. Nutzer könnten sich aber auch selber vor Spam in den Suchmaschinen schützen: Am wirkungsvollsten ginge dies, indem sie bestimmte Reiz-Begriffe aus der Suche einfach explizit ausschlössen.

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