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Raubt Gates den Aqua-Look?

21.02.2001 | 00:00 Uhr |

Microsoft will in zwei Monaten die Beta-Version seines Betriebssystems der nächsten Generation verkaufen. Macianer sind entsetzt: Bis hin zum Quietscheentchen von "Mehrere Benutzer" tauchen in Microsofts Windows XP Funktionen und Designmerkmale aus Mac-OS X auf.

In einer Pressekonferenz hat Microsoft am 12. Februar der Öffentlichkeit erstmals Einbilck in sein neues :Betriebssystem Windows XP gegeben , das bis dato unter seinem Code-Namen Whistler bekannt war. Während die Gates-Gemeinde noch Schwierigkeiten hat, sich mit dem neuen Consumer-orientierten Betriebssystem anzufreunden, macht sich in der Mac-Szene langsam Empörung breit. Nur allzu offensichtlich scheint Redmond deutliche Anleihen bei Mac-OS X gemacht zu haben.

Nicht nur in der Namensgebung erinnert Windows XP (das Kürzel soll laut Microsoft eine Abkürzung für EXPerience sein) an Mac-OS X, auch die Oberflächen tragen ähnlich klingende Namen.

Die Benutzeroberläche des neuen Windows firmiert unter dem Codenamen Luna und bringt wie Apples Aqua gerundete, plastisch wirkende und schwebende Fester. Ausgeklappte Menüs werfen Schatten auf den Schreibtisch und dank einer von Microsoft als "Alpha Blending" deklarierten Funktion sind die Namen von Ordnern, Programmen und Dokumenten unterhalb des Symbols freigestellt abgebildet.

Damit nicht genug: Auch eine Bedienzentrale gibt es, deren Funktionalität Microsoft mit beinahe demselben Wortlaut beschreibt wie Steve Jobs das Dock. Denn während das Mac-OS-X-Gewächs "Sie besonders schnell auf die Objekte zugreifen lässt, die Sie am häufigsten benutzen", macht das überarbeitete Windows-Start-Menü "die Programme leichter zugänglich, die Sie am häufigsten benutzen."

Letzer Stein des Anstoßes: Sogar das Quietscheentchen hat sich Microsoft geklemmt. Der kleine, gelbe Freund aus dem Mac-OS-9-Kontrollfeld "Mehrere Benutzer" taucht auf dem Log-in-Bildschirm von Windows XP auf. Die Redmonder, so scheint es, kupfern für das Update ihres Betriebssystems mal wieder gnadenlos bei Apple ab.

Und während man mit Mac-OS X "die Freiheit hat, sich den Computer eigenen Vorstellungen entsprechend einzurichten", bekommt dagegen jeder bei Windows XP seine "eigene, individualisierte Arbeitsumgebung".

Bleibt abzuwarten, wie sich die erste Betaversion, die Microsoft 60 Tage nach der Ankündigung vom Februar interessierten Anwendern zum Kauf anbieten will, im Vergleich mit den neuen Funktionen von Mac-OS X behaupten kann. In einem Punkt zumindest hat Apple eindeutig die Nase vorn: Mac OS X wird auf dem Markt sein, wenn die Windows-Anwender immer noch auf ein E-Mail warten, mit dem Microsoft versprochen hat, über das Vorliegen der Public Beta von Windows XP zu informieren lf/mbi

Info: Microsoft, Internet: www.microsoft.com/germany/business/newsxp.htm , Erster Blick auf Windows XP Beta: tecChannel.de, Internet: www.tecchannel.de/betriebssysteme/602/

Kommentar von Macwelt-Redakteur Lars Felber zu Bill Gates, dem Zweiten

Hase Bill und Igel Steve

"Der PC bleibt auch weiterhin der Ort, an dem man seine Daten aufbewahrt. Aber künftig wird man mehr und mehr Geräte daran anschließen. Aus der Verschmelzung all dieser Verbindungen wird ein digitaler Lebensstil erwachsen." Drei Mal dürfen Sie raten, von wem diese bemerkenswerte Einschätzung stammt. Vielleicht von Oracle-Boss Larry Ellison? Völlig daneben. Oder von Steve Jobs? Auch falsch. Tatsächlich stammt die Wortschöpfung "digitaler Lebensstil" von Bill Gates, der sie schon vor Jahren zu seinem Credo erhoben hat. Zuletzt betete er es drei Tage vor Steve Jobs' Digital-Hub-Ansprache herunter, als er die Comdex eröffnete. Trotzdem scheint sich keiner dem Glaubensbekenntnis von Gates anschließen zu wollen.

Wie kommt es dann, dass Spätstarter Jobs sich nur auf einer Bühne im Kreise seiner Getreuen hinsetzen und eine CD rippen muss, damit alle Kolumnisten ein neues Computerzeitalter einläuten? Ist es sein Charisma, sein Talent als Entertainer oder sein legendärer Ruf als Innovator?

Vor allem sein Gefühl für das richtige Timing macht Jobs so glaubwürdig. Denn wo Bill Gates vage Absichtserklärungen liefert, zieht Steve Jobs ein fertiges Produkt hervor. Und während die Vordenker der Wintel-Welt über Schlüsselkonzepte theoretisieren, verschmilzt Jobs ihre Träume in titan- und platinfarbene Bonbons. So kann der Windows-Anwender keinem trauen, während wir Macianer von allem stets das Beste haben. Niemand freut sich auf den Pentium 4, keiner fiebert Windows Whistler entgegen. Aber wir, wir zählen schon die Tage, bis der 24. März auf dem Kalender steht!

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