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Reaktionen auf das iPhone

10.01.2007 | 17:18 Uhr |

Mehr als acht Prozent hat die Apple-Aktie gestern zugelegt, auch heute setzt das Papier an der Nasdaq seinen Höhenflug fort. Analysten und Presse reagieren auf das iPhone überwiegend positiv, es gibt aber auch kritische Stimmen. Ein Überblick.

Selten war sich Wall Street im Vorfeld einer Macworld Expo so einig wie dieses Mal: Apple werde ein Handy vorstellen und damit einen neuen lukrativen Markt betreten. Sobald Zweifel am iPhone auftauchten, etwa am 18. Dezember 2006, als die Cisco-Tochter Linksys ein VoIP-Telefon unter dem Namen „iPhone“ vorstellte, ging die Apple-Aktie auf Talfahrt: Gleich um 2,56 Prozent verfiel der Kurs, als der Traum von Fans und Analysten von einem telefonierenden iPod zu platzen schien.

Als Steve Jobs die Erwartungen der Finanzanalysten erfüllte, kletterte der Kurs der Apple-Aktie rapide, gestern um mehr als acht Prozent, nach Handelsbeginn heute hielt der Trend an, der Kurs ist unterwegs zu einem neuen Allzeithoch. Nicht auszudenken, wenn Apple das iPhone doch nicht angekündigt hätte...

In ihren ersten Stellungnahmen zeigen sich die üblichen Verdächtigen zufrieden bis euphorisch. Michael Gartenberg von Jupiter Research hält das iPhone gar für einen „Weckruf“ für die ganze Industrie und trompetet damit in das gleich Horn wie Apple-CEO Steve Jobs, der nicht anderes will, als mit dem Apple-Handy Geschichte zu schreiben. Gartenberg ist der Ansicht, das iPhone über „eine Menge Druck auf die anderen Handy-Hersteller im High-End-Markt aus.“ Dieser sei „dort, wo das Geld ist.“ Die Aktienkurse der Hersteller der potentiellen iPhone-Konkurrenten wie Palm (Treo) oder RIM (Blackberry) gerieten gestern entsprechend unter Druck, auch Hersteller wie Samsung und LG hatten an den Börsen Verlsute zu verbuchen. „Das iPhone sendet eine Schockwelle aus, die weit hinter San Francisco läuft,“ meint Gartenberg im kalifornischen Erdbebengebiet. Die gestrige Keynote sei ein Schlüsselerlebnis für Apple gewesen.

Bis Ende 2008 will Apple einen Marktanteil von einem Prozent erreicht haben und damit jährlich etwa zehn Millionen Geräte verkaufen. Keith Bachmann von der banc of America hält das Ziel für Bescheiden und sieht ein höheres Potential für Apples Handy. „Das Ding ist eine Wucht“, pflichtet ihm sein Kollege Ben Reitzes von UBS Warburg laut Süddeutscher Zeitung bei.

Ein wenig skeptisch hingegen zeigt sich SZ-Kommentator Jörg Donner, der die 2-Megapixel-Kamera des iPhone sowie das Fehlen von UMTS und einem Einschub für Speicherkarten als „technisch nicht auf dem neuesten Stand“ betrachtet. „...andererseits [ist das] möglicherweise genau das, was sich viele Anwender wünschen: Ein einfach zu bedienendes Gerät, ohne technischen Schnickschnack, in schöner Optik. Mit diesem einfach Prinzip hat Apple den Markt für mp3-Player klar definiert, der iPod steht mit 62 Prozent Martkanteil unangefochten an der Spitze,“ fährt Donner in seinem Kommentar fort. Mit „häppchenweisen Verbesserungen“ könne Apple seine Kunden bei der Stange halten und an ihnen „ordentlich verdienen“. „Geht dieses Prinzip auch beim iPhone auf, müssen sich Nokia, Motorola und Co. warm anziehen“, schließt der Kommentar. Neben Apple macht Donner einen zweiten Gewinner aus, die Mobilfunkprovider: „Bei T-Mobile kosten beispielsweise 200 Megabyte Datenvolumen 20 Euro monatlich. Nutzt man das Telefon tatsächlich zum surfen und für Downloads, kommt diese Datenmenge schnell zusammen.“

Welcher Provider in Deutschland im Herbst 2007 das iPhone anbietet steht bisher ebenso wenig fest, wie Vertragsdetails des Partners Cingular Wireless bekannt sind.

Nicht ohne Ironie betrachtet die Financial Times Deutschland die Situation. Der „Elektronik-Gott“ St. Jobs habe mit einem vermeintlich „heilbringenden Handy“ eine Revolution ausrufen wollen, Apples Praxis, auf „eigene Events“ statt auf große Consumer-Shows wie die CES zu setzen, diene dazu, „ ie Aufmerksamkeit von Jüngern und Journalisten nicht mit anderen Computer-Herstellern“ teilen zu müssen. Dank starker Partner wie Cingular, Google und Yahoo stünden die Chancen jedoch nicht schlecht, den angestrebten Marktanteil zu erreichen, der Preis von 500 US-Dollar mit Zweijahresvertrag schrecke „keinen Technik-Freak“ ab. So seien alle glücklich: „Steve Jobs, weil er Geschichte schreibt; die Fans, weil sie sich auf ein neues Spielzeug freuen; die Medien, weil es was zu berichten gibt und die Aktionäre, weil satte Gewinne zu erwarten sind. Und alles nur, weil ein Computerhersteller ein Handy vorgestellt hat. Vielleicht ist das die Revolution.“

Zweifel an der Technik hegt die Cnet-Redakteurin Molly Wood im Interview mit Spiegel Online . Sie hält das Gerät zwar für sehr innovativ, frage sich aber wie Apple die Techniken des komplexen Geräts zusammenbringt. Als potentielle Schwachstelle hat sie das Display ausgemacht: „ Das Display nimmt praktisch die gesamte Oberfläche ein. Es könnte permanent mit Fingerabdrücken bedeckt sein, es könnte auch leicht zerbrechen. […]Wenn zum Beispiel der Touchscreen irgendwann nicht mehr richtig funktioniert, dann hat der iPhone-Besitzer ein großes Problem. Wir wissen alle, wie sensibel Displays sind.“ Weil Apple relativ spät den Handymarkt für sich entdeckt, habe der Mac-Hersteller mehr bieten müssen als ein „me to“-Gerät: „Sie wussten, dass sie mehr machen müssen als einfach nur ein Handy mit MP3-Player. Das iPhone ist ein Minicomputer.“ Von Mac-OS X auf dem iPhone war Wood „total überrascht,“ man habe vorher nicht gewusst, dass Apples Betriebssystem auf einem mobilen Gerät laufen könne.

Völlig unbeeindruckt vom iPhone gab sich Nokias Firmensprecher Kari Tuuti im Gespräch mit Spiegel Online . Apple bestätige demnach nur die Strategie Nokias, das seit Jahren auf vernetzte Multimediageräte setze. Allein im letzten Jahr habe der Weltmarktführer im Mobilbereich fast 70 Millionen Musik-Handys verkauft, mehr als Apple in fünf Jahren an iPods absetzte. Nokia respektiere Apple und halte das iPhone für ein ernstzunehmendes Konkurrenzprodukt. Aber schon jetzt führe man mit dem Multimediahandy N91 ein Telefon mit acht Gigabyte Speicher im Programm und habe somit „ein Jahr Vorsprung“ auf Apples iPhone.

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