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Rezension: „Schluss mit dem Gewalt-Tabu!“

07.09.2007 | 09:12 Uhr |

Reflexartig forderten vorwiegend konservative Politiker nach dem Amoklauf von Emsdetten im Herbst 2006 ein Verbot so genannter „Killerspiele“. Dass der Schluss, der Konsum gewalthaltiger Computerspiele Jugendliche zu realen Gewalttätern machen würde, so nicht gilt, legt Macwelt-Autor Thomas Hartmann in seinem Buch „Schluss mit dem Gewalt-Tabu! Warum Kinder ballern und sich prügeln müssen“ dar.

Littleton, Erfurt, Emsdetten: Diese drei Ortsnamen stehen für drei schreckliche, von Schülern begangene Amokläufe, die in den letzten Jahren mehr als 30 Todesopfer und zahlreiche Verletzte forderten. Konservative Politiker, Medien und Kriminalwissenschaftler hatten sogleich jedes Mal „Killerspiele“ als Ursache ausgemacht: Der Konsum von Shootern wie Quake, Half Life, Doom oder Counter Strike hätten die vier Jugendlichen erst zu Tätern gemacht und müssten deshalb verboten werden.

Diese These ist grundlegend falsch und ein Verbot von „Killerspielen“ wäre gar kontraproduktiv, meint der Macwelt-Autor Thomas Hartmann in seinem im Eichborn-Verlag erschienenen Buch Schluss mit dem Gewalt-Tabu! Warum Kinder ballern und sich prügeln müssen “. Auf 256 Seiten begründet der evangelische Pfarrer und Vater von vier Kindern seine Ansicht ausführlich und stellt sie in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang. Viel gefährlicher als die Beschäftigung mit virtueller Gewalt sei es, spielerische Gewalt solange zu unterdrücken, bis sich natürliche Aggressionen sublimieren und in zerstörerische Gewalt ausarten. Statt Gewalt zu tabuisieren, bei jeder noch so harmlosen Rauferei auf dem Schulhof einzugreifen und Computerspiele mit gewalthaltigen Szenen zu verbieten, sei eine Gewalterziehung von klein auf notwendig.

Immer mehr Gewalt?

„Die Jugend wird in diesen modernen Zeiten immer gewalttätiger und brutaler“ – jenen Stoßseufzer ob zerstörerischer Gewalt ratloser Menschen will Hartmann gleich im ersten Kapitel widerlegen. Die von ihm zitierten Kriminalstatistiken finden nämlich nur den Beweis, dass in den letzten 30 Jahren nur die angezeigten Fälle von jugendlicher – dabei meist männlicher – Gewalt signifikant gestiegen seien. Zu Verurteilungen sei es nicht öfter gekommen, im Gegenteil, hier zeige sich sogar eine leicht rückläufige Tendenz. Der subjektive Eindruck, die Gewalt nehme immer mehr zu, zeuge daher von einem gesellschaftlich manifestierten Gewalttabu, das spielerische Gewalt von zerstörerischer nicht mehr unterscheiden könne.

Gewalt liegt in der Natur des Menschen, legt Hartmann unter anderem an Beispielen aus der Bibel dar. Für Kinder, insbesondere für Jungen, sei es von Anfang an wichtig, spielerisch den Umgang mit Gewalt zu erlernen und dabei die eigenen Grenzen ebenso kennen zu lernen wie den Punkt, aus dem aus Spaß Ernst wird und ins Zerstörerische umschlägt.

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