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Richter ordnet Microsoft-Zerschlagung an

08.06.2000 | 00:00 Uhr |

In dem historischen Microsoft-Kartellprozess hat ein Richter die Zerschlagung des Software-Konzerns in zwei Bereiche angeordnet. Mit seinem Urteil, das nach Börsenschluss veröffentlicht wurde, folgte Richter Thomas Penfield Jackson dem Vorschlag des US-Justizministeriums. Microsoft-Gründer Bill Gates sprach von einem völlig ungerechten Eingriff in den Software-Markt und kündigte Berufung an.

Eines der Unternehmen soll nach dem Willen von Bundesrichter Penfield Jackson für das Betriebssystem Windows zuständig sein, das zweite für die Anwendungssoftware wie das Textverarbeitungsprogramm Word und für den Online-Bereich. Die beiden Firmen dürfen keine Joint Ventures schließen und keine gemeinsamen Führungskräfte besitzen.

Experten erklärten, das Urteil symbolisiere eine völlig neue Herangehensweise der Regierung gegenüber Unternehmen. Bisher habe sich die Regierung aus den Kämpfen der Internetgiganten gegeneinander herausgehalten, sagte ein Analyst der Investmentbank Goldman Sachs im Nachrichtensender CNN. Nun habe sie erstmals eingegriffen.

Microsoft hat vier Monate Zeit, einen Plan zur Aufspaltung vorzulegen. Der Plan würde aber erst nach Abschluss des Berufungsverfahrens umgesetzt werden. Die Auflagen sind die schwersten in einem US-Kartellverfahren seit der Zerschlagung der Telefongesellschaft AT&T 1982.

Bill Gates kündigte an, Microsoft werde neben dem Berufungsantrag eine Aussetzung der Anweisungen erwirken, damit den Verbrauchern bis zum Abschluss der Berufung kein Schaden entstehe. In der Zwischenzeit werde Microsoft weiter das tun, "was wir am besten können: eine neue Software bauen", sagte Gates auf einer Pressekonferenz in Seattle im Bundesstaat Washington.

Das Justizministerium sprach von einem gerechten Urteil. Die Aufteilung in zwei getrennte Unternehmen werde den Wettbewerb stimulieren und damit große Auswirkungen auf Innovation und Marktentwicklung haben, sagte Justizministerin Janet Reno auf einer Pressekonferenz in Washington. Das Urteil sei zudem ein Signal, dass Verstöße gegen das Kartellrecht ein äußerst ernster Vorgang seien.

Der Kartellrechtschef im Justizministerium, Joel Klein, erklärte, Microsoft habe sich das Urteil einzig und allein selbst zuzuschreiben. Der Konzern habe wiederholt gegen die Gesetze verstoßen, Konkurrenz im Keim erstickt und dem Verbraucher schwer geschadet.

Bereits während des Berufungsverfahrens in 90 Tagen soll es dem Urteil zufolge strikte Auflagen bei den Geschäftspraktiken geben. Dazu gehört, dass Microsoft anderen Unternehmen die geheimen Quellcodes mitteilt, die ihnen das Schreiben von Software zur Integration in das Windows- Betriebssystem ermöglichen würden. Zudem sollen die PC-Produzenten in die Lage versetzt werden, Windows entsprechend den Verbraucherwünschen zu verändern. dpa/lf

Info: Microsoft, Internet: www.microsoft.com

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