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Samsung schämt sich für Android

15.03.2013 | 13:33 Uhr |

Samsung hat mit dem Galaxy S4 den neuen iPhone-Konkurrenten ins Rennen geschickt. Von Android redet Samsung dabei nicht: Es deutet sich eine Abkehr von Google an.

Samsung ist mit Abstand Apples größter Rivale im Smartphonebereich. Jenseits der nervenaufreibenden Rechtsstreitigkeiten der beiden findet hier ein interessantes Rennen um die Smartphone-Krone statt. Das neue Galaxy S4 zeigt, dass es längst nicht mehr um "Apple gegen Android geht", sondern um Apple gegen Samsung. Dass auch das S4 selbstverständlich auf Android basiert, verschweigt Samsung bei der Präsentation fast und entfernt das neue Gerät durch immer mehr eigene Software-Erweiterungen deutlich vom Basis-Android. Samsung erwähnt den Begriff "Android" nur ein einziges Mal bei der Präsentation: als es darum geht, dass die neuste Version des Systems mit dem S4 ausgeliefert werde  – Apples Phil Schiller hatte ja etwas anderes vermutet .

Google muss draußen bleiben

Galaxy Knox ist eine neue Softwarefunktion von Samsung, die private und berufliche Daten streng voneinander trennen soll. Dies erinnert an die neue Software von Blackberry und baut eine Funktion in Android ein, die dort bisher immer fehlte: eine strenge Abschottung von Daten und Apps untereinander. Während Anwendungen unter iOS schon immer in einer "Sandbox" liefen und so nur auf fest definierte Teile des Systems zugreifen können, gab es das bei Android bisher nicht. Auch wenn Apple bei derartigen Sicherheitsmechanismen einen großen Vorsprung gegenüber Android hat: Mit mehreren Benutzern oder einer privaten und geschäftlichen Umgebung kann iOS bislang noch nicht getrennt umgehen. Samsung erledigt so im Alleingang einen wichtigen Kritikpunkt, den vor allem Unternehmen immer gegen Android vorbrachten.

Auch bei vielen anderen neuen Funktionen entwickelt Samsung an Google vorbei: Die neue Übersetzungshilfe S Translate, die Sprachsteuerung S Voice Drive oder der Videochat mit Chat on: keine der eigenen Samsung-Funktionen nutzt - wie sonst Android-typisch - Google-Dienste. Samsung benutzt Android nur noch als Grundlage und baut dort immer deutlicher ein eigenes System herum. Die Kamerafunktion des Galaxy S4 sieht aus wie die Oberfläche der Internetkamera Galaxy Cam . Längst gibt es auch ein eigenes Ökosystem mit Medieninhalten von Samsung. Google kann diese Entwicklung nicht gefallen. Denn Samsung ist der mit Abstand wichtigste Android-Nutzer und genau bei diesem wichtigen Partner deutet sich ein Bruch an.

Samsung protzt mit technischen Daten. Quad- bis Achtcore-Prozessor, LTE, Fünf-Zoll-Display und mehr
Vergrößern Samsung protzt mit technischen Daten. Quad- bis Achtcore-Prozessor, LTE, Fünf-Zoll-Display und mehr
© Samsung

Der Herausforderer

Der Erfolg der letzten Jahre scheint dem Unternehmen Recht zu geben. In den letzten zwei Jahren ist das Unternehmen aus dem Schatten der Android-Anbieter herausgetreten und zu Apples einziger direkter Konkurrenz aufgestiegen. Die Verkaufszahlen des iPhone 5 und Galaxy 3 liegen in etwa gleichauf. Apple und Samsung teilen sich beinahe den gesamten Gewinn, der weltweit mit Smartphones verdient wird.

Mit dem Galaxy S4 hat Samsung jetzt sein Topmodell für 2013 vorgestellt . Es protzt mit vielen neuen Hardware- und Softwarefunktionen. Das Galaxy soll wissen, wann der Nutzer auf den Bildschirm sieht und wann nicht. So kann es das Display eingeschaltet lassen, solange der Nutzer liest oder Videos pausieren, wenn der Zuschauer nicht mehr hinsieht. Klingt clever, funktioniert laut der ersten Erfahrungsberichte aber nicht so zuverlässig wie erhofft.

Der Touchscreen reagiert auch, wenn man ihn überhaupt nicht berührt. Schwebt der Finger über dem Display, zeigt das Galaxy beispielsweise eine Vorschau der angeschwebten Mail oder eine Großversion eines Bildes. Dieses Air View ist laut ersten Testern aber ebenfalls etwas hakelig. Gleiches gilt für die Bewegungssteuerung, die beispielsweise Seiten umblättern soll, wenn man Wischbewegungen vor der Frontkamera macht.

Zubehör: Samsung hat eine Fitnessapp vorinstalliert und bietet eigenes Fitnesszubehör dafür an.
Vergrößern Zubehör: Samsung hat eine Fitnessapp vorinstalliert und bietet eigenes Fitnesszubehör dafür an.
© Samsung

Einiges hat Samsung nicht geändert: Das Gehäuse ist weiterhin aus Plastik und fällt gegenüber dem iPhone oder anderen Top-Smartphones deutlich ab, der oft als zu groß empfundene Bildschirm ist jetzt sogar noch größer (5 Zoll) und überragt das iPhone (4 Zoll) deutlich. Dafür schöpft Samsung bei der Leistung und beim Zubehör aus den Vollen und bietet eigene Gamepad-Adapter, Ladestationen und sogar einen Pulsgurt für den Sport.

Weitere Fragmentierung

Sollte Samsung die sich anbahnende Trennung von Android tatsächlich umsetzen, dann würde sich der Smartphonemarkt abermals spalten. Der Marktanteil Androids bräche schlagartig ein – zugunsten eines neuen, dritten großen Systems. Samsung kooperiert aktuell schon mit Intel und einigen anderen und entwickelt Tizen , einem eigenen Smartphone-System. Die ersten Geräte kommen bereits auf den Markt. Apple könnte jede weitere Aufspaltung nur Recht sein. Je unübersichtlicher das Angebot wird, desto verlässlicher und gewohnter wirkt die Kombination aus iPhone und iOS für die Nutzer.

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