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Schlammschlacht um Linux eskaliert

22.05.2003 | 11:00 Uhr |

Es geht um Geld, sehr viel Geld - aber auch um die Ehre. Seit Wochen liefert sich die Computerindustrie einen erbitterten Kampf um Linux, der manche Nutzer des freien Betriebssystems verunsichert. Der Computerkonzern IBM muss sich in diesem Zusammenhang mit einer Milliardenklage auseinander setzen. Und manche Beobachter glauben, dass eigentlich der erbitterste Gegner von Linux, nämlich Microsoft, die Fäden im Hintergrund zieht.

  Die Schlammschlacht um Linux begann Anfang März, als das kleine Softwareunternehmen SCO Group IBM auf eine Milliarde US-Dollar Schadensersatz verklagte. IBM setzte 2002 mit Software, Servern und Dienstleistungen rund um Linux rund 1,5 Milliarden US-Dollar um. Dabei habe IBM geistiges Eigentum von SCO gestohlen, da sich die Linux-Programmierer ausgiebig am Code des kommerziellen Unix- Programms von SCO bedient hätten. SCO hatte den Code 1995 von Novell gekauft, der ursprünglich 1969 in den Bell Labs von AT&T geschrieben worden war. Der Klage wurde von Experten zunächst kaum Aussicht auf Erfolg eingeräumt, zumal SCO unter dem Namen Caldera acht Jahre lang selbst Anbieter eines Linux-Systems und Fürsprecher des freien Betriebssystems gewesen war.

  Die Bedeutung der Klage gegen IBM und der Ansprüche gegen andere Linux-Firmen nahm jedoch schlagartig zu, als Microsoft Mitte Mai die SCO-Technologie lizenzierte. Die Aktie von SCO schoss um 70 Prozent in die Höhe, da erstmals ein großer Player den umstrittenen Anspruch von SCO anerkannt hatte. "Wir haben das SCO-Unix lizenziert, weil wir als Software-Unternehmen besonders darauf achten müssen, dass intellektuelles Eigentum geschützt wird", begründet Microsoft- Sprecher Thomas Baumgärtner diesen Schritt. Microsoft biete jetzt eine verbesserte technische Schnittstelle zu Unix-Systemen an. "In diesem Zusammenhang mussten wir Unix von SCO lizenzieren."

Manche Beobachter vermuten aber weniger technische Gründe für den Schritt des Softwareriesen. "Microsoft spielt noch immer mit harten Bandagen", schrieb etwa die IT-Kolumistin der "Washington Post", Cynthia L.Webb. "Ich habe auch gelesen, dass Microsoft mit der SCO- Lizenzierung solche Ziele verfolge. Ich kann das aber nicht bestätigen", meint Microsoft-Mann Baumgärtner.

  In einer schwierigen Lage befindet sich nun die Nürnberger SuSE AG. Zusammen mit SCO und zwei weiteren internationalen Partnern hatte SuSE die Firma UnitedLinux gegründet. Das Bündnis will eine einheitliche Plattform für Linux in Unternehmen schaffen und gleichzeitig dem größten US-Anbieter Red Hat Paroli bieten. Nun wird SuSE wohl ohne SCO für die Zukunft von Linux kämpfen müssen.

  Im Streit geht es aber nicht nur um die Geschäftsinteressen von IBM, Microsoft, SCO oder SuSE. Die Klage von SCO wird von vielen Linux-Programmierern als Frontalangriff auf die eigene Berufsehre empfunden - zumal SCO in der Klageschrift Linux mit einem Fahrrad und das eigene kommerzielle Unix mit einem Luxuswagen verglich. Linux war 1991 vom finnischen Programmierer Linus Torvalds erfunden worden und wird seitdem von einer ständig wachsenden Gemeinde von Programmierern rund um die Welt verbessert und weiter entwickelt.

  Besonders verärgert ist die Linux-Szene, dass SCO bislang keinen Beweis für die angeblichen Urheberrechtsverletzungen vorlegt hat. "Wir wären auch bereit, bittere Wahrheiten zu akzeptieren, wenn tatsächlich SCO-Code im Linux-Kern stecken würde", sagt Johannes Loxen vom deutschen Linux-Verband. "Da SCO aber nur Drohbriefe ohne Beweise verschickt, müssen wir davon ausgehen, dass es sich um ein rein taktisches Vorgehen handelt." SCO argumentiert dagegen, mit der vorzeitigen Vorlage von Beweisen gebe man nur der Linux-Gemeinde die Möglichkeit, die Verstöße zu vertuschen.

  Eric Raymond, ein Unix-Pionier und Sprecher der Open-Source- Bewegung, wies in einer ausführlichen technischen Stellungnahme die Ansprüche von SCO zurück - und wurde zum Schluss persönlich: "Wir haben unseren Unix- und Linux-Code als ein Geschenk und als Ausdruck einer Kunst geschrieben, damit er von Gleichgesinnten und anderen für alle zulässigen kommerziellen und nicht-kommerziellen Zwecke genutzt werden kann. Wir haben den Code aber nicht für Leute geschrieben, die so verachtenswert sind, zunächst acht Jahre lang dieses Geschenk kommerziell auszunutzen und sich dann um 180 Grad zu drehen und unsere Kompetenz zu beleidigen."

Einen weiteren Schlag gegen die Open-Source-Bewegung hat in ihrer gestrigen Ausgabe die Süddeutsche Zeitung vermeldet.   Demnach gibt eine neue Studie der Unternehmensberater von Unilog bei der notwendigen Umrüstung der Computer der Münchener Stadtverwaltung jetzt Windows XP den Vorzug. Zwar hätte München bei der Migration auf SuSE Linux einen "qualitativ-strategischen" Vorteil - aber auch um 6,5 Millionen Euro höhere Kosten. Microsoft war in der letzten Version der Studie noch schlechter dagestanden, der Konzern, der seine Deutschlandzentrale in Unterföhring vor den Toren Münchens unterhält, war der klammen Stadt beim Preis massiv entgegen gekommen. Microsoft Steve Ballmer habe eigens seinen Ski-Urlaub unterbrochen, um mit Münchens OB Christian Ude über den Preis zu verhandeln.
Eine Entscheidung soll der Stadtrat am 28. Mai treffen, bis dahin soll auch der Nürnberger Linux-Distributor SuSE eine neues Angebot über den Auftrag im Volumen von rund 30 Millionen Euro machen. (pm)

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