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Schüler-"Computer" unter 1000 Mark

14.08.2000 | 00:00 Uhr |

Das schlaue Spezial-Lineal fehlte in keinem
Schulranzen. Auch Ingenieure konnten auf das Mathe-As nicht
verzichten. Jahrhundertelang half es ihnen bei der Multiplikation und
Division, beim Potenzieren und Wurzelziehen.

Doch dann wurde der Rechenschieber verdrängt - vom Taschenrechner.
«Der 'Liebling von Millionen' war am Ende seiner Bewährung
angelangt», schrieb der Rechenschieber-Experte Dieter von Jezierski
1997 in seiner Dokumentation über das Ende des mathematischen
Wunderdings. Inzwischen erlebt der Rechenschieber ein kleines
Comeback: im Internet.

Internet-Surfer können sich Exemplare aus Holz, Pappe, Metall und
Kunststoff betrachten und einen interaktiven Rechenschieber
ausprobieren.
Wem das virtuelle Rechengerät nicht genügt, der kann sich im Netz
auch ein richtiges kaufen - zum Beispiel bei der Internet-Aktion von
e-bay. Die Gebote reichen von einer Mark für einen Rechenschieber von
1957 bis zu 45 Mark für ein amerikanisches Exemplar (www.e-bay.de).
Damit können Eltern ihren Kindern dann zeigen, wie sie vor dem
Zeitalter des Taschenrechners knifflige Rechenaufgaben lösten.

Die Erfolgsgeschichte des Rechenschieberes währte 350 Jahre. Als
Vater des Rechenhilfsmittels gilt der englische Mathematiker,
Theologe und Astronom Edmund Gunter (1581-1626). Er hatte die Idee,
die Logarithmen - sie führen die Multiplikation und Division auf die
vereinfachte Form von Addition und Subtraktion zurück - in Strecken
auf einem Lineal umzusetzen. 1624 meldete er bei der Pariser Akademie
der Wissenschaften einen Rechenschieber-Prototyp aus Buchsbaumholz
an. Das 60 Zentimeter lange und fünf Zentimeter breite Lineal hatte
allerdings noch keinen «Läufer». Das bewegliche Teil, das die
Ablesbarkeit der Ergebnisse erleichterte, wurde erst 1851 in die Welt
des Rechnens eingeführt.

Während sich der Rechenschieber in England in der zweiten Hälfte
des 17. Jahrhunderts durchsetzte, trat er seinen Siegeszug in
Deutschland erst Ende des 19. Jahrhunderts an. Seine Glanzzeit hatte
das Rechengerät in den 60er Jahren. Damals seien weltweit insgesamt
zwei Millionen Stück pro Jahr produziert worden, davon 500 000 in
Deutschland, berichtet Jezierski. Er hatte beim
Schreibgerätehersteller Faber-Castell die Rechenhilfen mitentwickelt.
Auf rund 2 000 verschiedene Rechenschieber, von zehn Zentimeter
langen Taschenmodellen bis zum einen Meter langen Ungetüm, schätzt
der pensionierte Experte die Vielfalt dieser Rechenkultur.

«Zu Beginn der 70er Jahre gab es die ersten Taschenrechner»,
berichtet Mathematik-Professor Günter Törner von der Universität
Duisburg. Fünf Jahre später sei der Rechenschieber im Westen
Deutschlands vom Taschenrechner abgelöst worden. «Zunächst hatten die
Lehrer weiter auf der Benutzung der Rechenstäbe bestanden, weil damit
wenigstens gedankliche Arbeit verbunden war», erinnert sich
Jezierski. Eine Galgenfrist wurde dem Rechenschieber in der DDR
gewährt. «Dort hinkte die technologische Entwicklung hinterher»,
berichtet Törner. So lernten die Schüler zwischen Rostock und Görlitz
noch in den 80er Jahren das Rechnen mit dem Zahlen-Stab.
dpa

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