874938

Schwere Zeiten für Apple

28.11.2000 | 00:00 Uhr |

Nach dem annähernd freien Fall als Folge der Ende September ausgegebenen Gewinnwarnung hat sich der Kurs der Apple-Aktie nicht wieder erholt. Warum haben Anleger derzeit kein Vertrauen in die Zukunft des Mac-Herstellers?

Apple hat Boden bei den Anlegern verloren. Das Wertpapier des Mac-Herstellers dümpelt in den letzten Wochen um die 20-Dollar-Marke herum und zeigt keinerlei positive Trendveränderung. Dabei hatte die Aktie in der Zeit vor September 2000 stetig zugelegt. Bis zu dem Tag, als Apple eine Gewinnwarnung ausgab.

Von stolzen 63,436 US-Dollar (1. September 2000) ging das Wertpapier auf den heutigen Stand von 18,686 Dollar zurück. Der stärkste Kurseinbruch fand direkt nach der Gewinnwarnung statt. Satte 50 Prozent verlor das Papier innerhalb von ein paar Tagen. Intel und Dell erlebten in dieser Zeit ebenfalls einen drastischen Kursverlust. Einige Börsianer waren über diese Entwicklung jedoch nicht überrascht, denn speziell der Computermarkt sei gesättigt, da "fast alle Haushalte und Unternehmen mit PCs ausgerüstet" seien. Doch Apple unterscheidet sich von den anderen Computerwerten und dies könnte für das Unternehmen eine schwere Zukunft bedeuten.

Denn der Apfel war schon vor dem Kurseinbruch wurmstichig. Als Steve Jobs, Apple-Chef, im Juli den neuen Doppelprozessor-Mac vorstellte, reagierte die Börse bescheiden. Nur 0,44 Prozent legte die Apple-Aktie zu. Den Analysten war klar, dass kaum eine Software beide Prozessoren unterstützt. Mac-OS X war noch nicht in Sicht und soll nach unserer Einschätzung frühestens im Juni 2001 in einer finalen Version kommen. Erst mit dieser Software greift das Betriebssystem von Apple auf die Kraft der zwei Prozessoren zu. Außerdem verlor Apple die Vorherrschaft auf dem Bildungsmarkt an Dell.

Auch die Modellpolitik des Mac-Herstellers greift nicht mehr. Insider sprechen davon, dass Apple mit seinen bunten Macs nur bei der bereits bestehenden Mac-Gemeinde Käufer gewonnen hat. Anwender der Intel-Seite konnte Apple kaum ins eigene Lager ziehen. Dies zeigen die außerhalb der USA stagnierenden Marktanteile, die laut Dataquest bei 3,3 Prozent verweilen. Dass sich die Zentrale in Cupertino nun auf den Kampf um Neukunden konzentrieren muss, bestätigt Macwelt gegenüber auch ein deutscher Apple-Manager. Doch da hat der Mac-Hersteller mit seinen Preisen und der klaffenden Taktratenlücke einen schweren Stand.

Analysten sehen noch ein weiteres Problem. Alle anderen PC-Hersteller haben neben dem Heimanwendermarkt weitere Geschäftsbereiche aufgebaut, beispielsweise Server oder leistungsfähige Rechner, von denen Computer in einem Netz Daten und Anwendungen beziehen. Apple vertreibt zwar "aufgemotzte" Power Macs G4/500 als Server, doch die Mac-Geräte tauchen in keiner Statistik auf, die die weltweit häufig eingesetzten Server auflisten. Ist der Heimanwendermarkt gesättigt, bedeutet dies schlechte Verkaufszahlen für den Mac-Konzern. Außerdem klafft in der Modellreihe von Apple eine Lücke. Ein PDA (Persönlichen Digitalen Assistenten) erscheint nur in der Gerüchteküche, nicht aber als Produkt bei Apple. Die kleinen Geräte haben aber Zukunft. Immer mehr Anwendern wollen ihren Rechner mit dem eigenen PDA abgleichen. Dazu kommt noch, dass die kleinen Dinger immer mehr Funktionen erhalten, beispielsweise Internet-Zugang und E-Mail-Verkehr übers Handy. Compaq und Hewlett-Packard bieten längst kleine Taschencomputer an. Zu diesen ganzen Problemen kommt noch der Kundenärger über den Cube, der produktionsbedingt schon mit Falten geboren wird. Als Designerobjekt gaplant, sind das für den Cube mehr als Schönheitsfehler. Gerade in Apples Paradedisziplin bedeutet dies einen Misserfolg.

Dass auch Apple den Ernst der Lage erkennt, kann man unter anderem an dem sofort verhängten Einstellungsstopp ablesen, der für fast alle Abteilungen gilt. Einen Joker hat die kleine Firma aber noch im Ärmel: sie ist flexibel und reaktionsschnell. Das hat Apple oft gezeigt, beispielsweise mit der Einführung neuer technischer Standards wie Airport und Firewire. Reagiert Apple auf die Marktanforderungen und Kundenwünsche richtig, besteht die Hoffnung, dass das Unternehmen wieder ein begehrtes Wertpapier bei den Anlegern wird.

Christopher Jakob

0 Kommentare zu diesem Artikel
874938