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So entsteht ein Sturm im Wasserglas

12.10.2006 | 18:00 Uhr |

Erst waren es die Mohammed-Karikaturen einer dänischen Tageszeitung, dann das Islam-kritische Zitat Papst Benedikts XVI., zuletzt die Irrungen und Wirrungen um angebliche Sicherheitsbedenken zur Berliner Inszenierung der Mozart-Oper Idomeneo. Jetzt droht neues Ungemach im Miteinander der Weltreligionen - und zieht den vergleichsweise unpolitischen Apple Store auf der 5th Avenue in Manhattan in den Fokus des "Kampfes der Kulturen".

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Vergrößern apple store manhattan new york 5th avenue glaskubus

"Apples Mekka-Projekt provoziert muslimische Reaktionen" titelte gestern das Middle East Media Research Institute (MEMRI) in New York. Bereitwillig linken und verbreiten diverse Blogs und Online-Medien die Meldung, passt sie doch gerade so gut in das weltpolitische aufgeheizte Klima zwischen der westlichen Welt und den orthodoxen Kräften des Islam.

Der Sturm entwickelt sich gerade - bleibt zu hoffen, dass er das Wasserglas nicht verlässt. Denn das, was das MEMRI gestern veröffentlicht hat , kann man vom journalistischen Standpunkt getrost als Provokation auffassen. Mit dem "Mekka-Projekt" ist der gläserne Eingangs-Kubus gemeint, durch den der Besucher Apples Flagship-Store auf der New Yorker Shopping-Meile betritt. Diesen Kubus bringt die Meldung in Verbindung mit dem islamischen Heiligtum in Mekka, der Kaaba. Jenes rechteckige Gebäude im Innenhof der großen Moschee ist das "Haus Allahs", komplett eingehüllt ist die Kaaba von schwarzem Brokat (-> Wikipedia ). Dazu zeigt die MEMRI-Meldung ein Bild aus der Bauzeit des Stores, zu der der Kubus in New York noch schwarz verhüllt war und tatsächlich Ähnlichkeit mit der Kaaba besitzt. Die Meldung selbst glänzt durch die fehlende Angabe der Quelle, kein Link verweist auf die nicht näher bezeichnete islamische Webseite, auf der seit vorgestern "Muslime über einen neuen Anschlag auf den Islam alarmiert werden". Weiter heißt es: "Laut dieser Meldung ist das Kubus-förmige Gebäude, das in New York City auf der 5th Avenue zwischen 58. und 59. Straße in Manhattan gebaut wird, dafür gedacht, Muslime zu provozieren. Das Gebäude sei - wie die Kaaba - rund um die Uhr geöffnet, trage den Namen 'Apple Mekka', verkaufe allerdings an einer Bar alkoholische Getränke." Die Meldung schließe mit dem Aufruf an Muslime, diese Nachricht zu verbreiten, in der Hoffnung, dass "Muslime in der Lage sind, dieses Projekt zu stoppen". MEMRI stellt nicht klar, dass der Bau des Apple Stores in Manhattan längst abgeschlossen ist. Aufgrund des fehlenden Links zur Originalmeldung bleibt im Dunkeln, ob das Foto bereits in der Quelle vorhanden war oder das Forschungsinstitut dieses - veraltete - Bild aus Illustrationsgründen selbst gewählt hat. Zur sachlichen Kommunikation zwischen den Kulturen trägt der Beitrag nicht bei. Vielleicht will er das auch nicht. Das MEMRI steht mindestens so in der Kritik, wie es auch für seine Arbeit, das Monitoring von arabischen Nachrichtenquellen und deren Analyse, gelobt wird und so Eingang in die großen Tageszeitungen findet (hierzu Wikipedia-Artikel in deutsch und englisch ). Dem MEMRI werden Verbindungen zum israelischen Militär nachgesagt, die Lebensläufe des Führungspersonals untermauern diese Annahme. Telepolis-Autor Peter Nowak hat sich erst kürzlich kritisch mit MEMRI auseinandergesetzt , dessen Berliner Büro vor kurzem geschlossen worden ist - aus Geldmangel. Ohne den Wahrheitsgehalt der Meldung zu überprüfen und die möglichen Intension der Sekundärquelle zu hinterfragen, haben jetzt diverse Blogs und Webseiten das Thema aufgegriffen - auch macnews.de hat bereits gestern durch einen Leserhinweis Wind von der Story bekommen, sich aber zunächst gegen eine Berichterstattung entschieden. Gegenüber InformationWeek hat nun Apple-Sprecher Steve Dowling betont, der Eingangsbereich des Stores an der 5th Avenue sei nicht als Abbild der Kaaba gedacht, die Firma hätte in Bezug auf diesen Store auch niemals einen Vergleich mit der heiligen Stadt Mekka gebraucht. Am Ende bleibt eine bittere Bilanz. Politisch und journalistisch Unbedarfte fallen auf den akzentuierten, aber unsachlichen Aufklärungsanspruch eines Monitoringdienstes herein. Sie verbreiten halbgare Nachrichten ohne Quellenprüfung in Windeseile und sind so Steigbügelhalter für eine konservative Lobby, die das aufgeheizte politische Klima für ihre Zwecke nutzen will. Eine aufgeklärte Gesellschaft sollte sich diese Nachlässigkeit besser sparen. Ole Meiners

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