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iPhone-6S-Keynote: Prognose vs. Realität

10.09.2015 | 16:00 Uhr |

Apples Keynotes sind perfekt orchestrierte Ereignisse. Daher lagen wir nicht so weit daneben mit den gestrigen Prognosen.

Sie erinnern sich? Gestern hatten wir schon der Keynote gesagt, wie sie ablaufen würde. Prognosen sind ja stets schwierig, wenn sie mit der Zukunft zu tun haben. Aber schauen wir am Tag danach nochmal auf unser Geschwätz von gestern (Kommentare in Kästen):

Na, schon gespannt, was denn heute Abend in San Francisco passieren wird? Die Aufregung lohnt nicht, im Großen und Ganzen steht schon fest, was kommt und was nicht. Als ob ein Erstrundenpokalspiel des großen Favoriten beim Fünftligisten ansteht: Keine Frage, wer gewinnt, die Details machen es aber unter Umständen interessant.

Das hat auf alle Fälle gestimmt. Zwar war die Gerüchteküche im Vorfeld ungewöhnlich gut informiert, doch konnte Apple einige Details noch verschweigen. Wir vermuten, dass auch einige Entwickler, die Apple-Geräte schon im Vorfeld testen konnten um ihre Lösungen anzupassen, Informationen durchgesteckt haben. Lediglich die Sache mit Live Photos war geheim geblieben - außerhalb Apples war damit aber auch niemand beschäftigt.

Wir sind sicher, dass Apple auch heuer drei große Themen auf der Keynote behandeln wird. Zur Erinnerung: Im letzten Jahr waren es die neuen iPhone, das Bezahlsystem Apple Pay und die lang erwartete Apple Watch . Für dieses Jahr hat Apple vorbereitet: Neue iPhones , einen neuen Service und das lang erwartete Apple TV . Womöglich wird die Reihenfolge eine andere. Vor der Präsentation der neuen Produkte wird es erst einmal ein furchtbar inspiriertes Imagevideo und ein paar Updates zu Apples Produkten geben. Etwa über die Begeisterung für Apple Music , die man aus dem an Apple gesandten Feedback erkenne. Oder die weitere Expansion der Apple Stores und das neue Design , das einige Filialen schon bekommen haben. Verkaufszahlen zum iPhone leiten dann über zum ersten Highlight: iPhone 6S und 6S Plus. Evolutionär weiter entwickelt, mit schnellerem Chip, besserer Kamera und Force Touch, aber im gewohnten Gehäuse. Das Apple womöglich ein wenig verstärkt hat, damit die Bendgater dieser Welt ordentlich daran zu biegen haben . Vielleicht gibt es ja noch ein neues Plastikiphone namens iPhone 6C, im wesentlichen ein telefonierender iPod Touch . Promotionvideo, mit Jony Ive vor weißem Hintergrund und im sonoren britischen Bass. Zu kaufen wird es die neuen Telefone ab dem 18. September geben, das zugehörige iOS 9 lädt sich schon ab dem 16. September auf ältere Geräte.

Drei Themen, ja, das hat gestimmt. Das mit dem TV-Service leider nicht, der ist anscheinend noch nicht fertig verhandelt. Weshalb die Zukunft des Fernsehens nun in Apps besteht und nicht in einem Angebot wie "Apple Live TV". Aber die Apps geben einen ersten Eindruck davon, wie der Dienst aussehen könnte. Das Imagevideo zum Intro hat sich Apple gespart und in den Produktvideos war Chief Design Officer Jonathan Ive nur zu hören, aber nicht zu sehen. So kann man sich täuschen...

Dann wird Tim Cook über Fernsehen sprechen und vielleicht einen Dienst vorstellen, den es erst ein halbes Jahr später geben wird. Auch 2014 musste sich die Kundschaft auf ein halbes Jahr Wartezeit einstellen, ehe die Apple Watch endlich fertig war . Viel ist schon gesagt über den Dienst Apples, er wird aber kommen wie ein Sieg des FC Bayern in Nöttingen . Die Details werden spannend: wer ist von Anfang an dabei? Was kostet es? Wie sieht es mit Live-Fernsehen aus? Und ist das Modell überhaupt auf die TV-Märkte außerhalb der USA übertragbar? Einerlei, noch ein Promotionvideo. Diesmal ohne Jony Ive.

Die Fragen zu "Apple Live TV" bestehen auch weiterhin. Womöglich wird das noch bis nächstes Jahr dauern, bis Apple sie für sich selbst und dann für die Öffentlichkeit beantworten kann. Das Promovideo dafür kommt aber bestimmt ohne Jonny Ive aus....

Dann noch eine Sache. Wenn man schon einen Weltklasse-TV-Service auf die Beine stellt, dann bringt man doch auch noch eine Weltklasse-Settop-Box? Richtig: Das Apple TV bekommt endlich ein Upgrade, bekommt wieder nennenswert Speicher und lässt sich auch mit Siri steuern. Dazu gibt es aber auch noch eine richtig schicke und schlaue Fernbedienung, mit der man auch toll Spiele wie Angry Birds oder Real Racing steuern kann. Entwickler bekommen ab sofort ein SDK zur Hand, mit dem sie ihre iOS-Apps einfach für das neue Apple TV anpassen können, das mitsamt Store für die Drittanbieterapps schon  in vier Wochen in den Handel kommt. Das mit der App-Anpassung wird ja ein Kinderspiel und ist flott zu bewerkstelligen. Noch ein Promovideo von glücklichen Fernsehzuschauern, die, wenn sie //www.youtube.com/watch?v=2BpgDuu8hqI:der Tatort mal wieder langweilt , lieber virtuelle Vögel auf virtuelle Schweine schleudern. Oder so ähnlich. Jony Ive erzählt aber wieder etwas davon, wie "profound" denn die neue Box ist.

Stimmt "profound" hat er nicht gesagt. Und weder waren Angry Birds noch Real Racing im Video zu sehen. Aber so weit daneben lagen wir nicht. Witzig: In der Gerüchteküche gab es die Behauptung, Apple würde beim neuen Apple TV zwischen 149 und 199 US-Dollar als Preis schwanken. Die Entscheidung Apples: Gibt es halt zwei Boxen. Eine für 149, die andere für 199 US-Dollar.

Tim Cook kehrt auf die Bühne zurück, fasst den Abend zusammen und bittet eine Band oder einen Solokünstler auf die Bühne, die/der entweder so bekannt ist, dass sie/er schon fast wieder nervt oder nur Eingeweihten bekannt ist . Ein Weekend mit oder ohne U2 gewissermaßen. Wir beschließen den Abend, indem wir darüber jammern, dass Apple nichts zu iPad (Pro), dem Mac und OS X gesagt hat, verabschieden uns aber mit dem Hinweis, dass die nächste Apple-Keynote ja schon in fünf bis sechs Wochen steigen könnte.

Ist One Republic nun eine Band, die noch keine Sau kennt oder eine, die schon wieder so bekannt ist, dass sie nervt? Die Wahrheit liegt wohl irgendwie dazwischen, der Auftritt gestern war aber nicht von schlechten Musikern. So weit wir das sehen konnten, kamen die Jungs ohne Playback aus, der Sound war mehr als anständig. Das ist nicht so leicht, wenn man gerade mal drei Stücke präsentieren darf. Vermutlich mussten One Republic schon morgens um sieben zum Soundcheck antreten, zu einer für Musiker nicht gerade geeigneten Zeit. Kurz nach 12 Uhr Ortszeit waren sie aber erstaunlich frisch.

Wenn Sie, liebe Leser, morgen früh einen ähnlichen Text auf Ihrem Mac oder iOS-Gerät finden, handelt es sich nicht um Faulheit unsererseits oder ein déjà vu Ihrerseits, sondern Tim Cook hat sich tatsächlich an den von uns prognostizierten Ablauf gehalten. Und wenn heute Abend alles anders läuft, erklären wir morgen früh, warum Apple sich nicht an unsere Prognosen hält.

An dieser Stelle sind wir die Erklärung schuldig, warum sich Apple in einem Punkt so gar nicht an unsere Prognosen gehalten hat. Vor einem kleinen Rätsel stehen wir hier noch. Das iPad Pro hätte gewiss noch ein eigenes Event im Oktober vertragen, vielleicht gekoppelt mit der Vorstellung neuer Macs. Schließlich kann man das XL-Tablet erst Ende Oktober vorbestellen, im November dann direkt kaufen. In Sachen Mac hat Apple heuer aber nicht mehr viel zu zeigen, der iMac bekommt irgendwann im Oktober ein silent Upgrade mit den jüngsten Intel-Chips und dazu noch eine Retina-Option für das 21,5-Zoll-Format. OS X 10.11 El Capitan ist so gut wie fertig und kommt am 30. 9. in den Mac App Store, wie Apple nach der KEynote nebenbei auf seiner Website mitteilt. Dafür muss man keinen Saal für 7000 mieten und ausgeschlafene Musiker engagieren. So hatte aber das iPad Pro das größtmögliche Publikum. Das könnte dem Absatz wieder auf die Sprünge helfen, Apple jammert zwar auf hohem Niveau, muss seit sechs Quartalen aber einen steten Rückgang bei den iPad-Verkäufen bilanzieren. Nicht von ungefähr kam das iPad schon recht früh vor, nicht, dass die Leute nach dem Zeigen der neuen iPhones abschalten würden.

Die Sache mit dem TV-Dienst mag in einer ursprünglichen Planung der Keynote gestanden haben, der Service ist aber wie gesagt noch nicht bereit. Immerhin weiß man nun, wie er funktionieren könnte. Eine oder mehrere Apps für die abonnierten Inhalte wären in der Standarddistribution des Apple TV enthalten, das Abo schaltet man über sein iTunes-Konto frei. Sportsender könnten sich entweder an diesem Abo beteiligen oder ihre Inhalte nochmal extra über ihre Apps verkaufen. Es könnte ein wenig kompliziert werden, aber womöglich sind Apps tatsächlich das Fernsehen der Zukunft.

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