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Steckt der Mac App Store in der Krise?

04.12.2015 | 12:39 Uhr |

Während der App Store für iOS ein großer Erfolg ist, sind viele Entwickler mit dem Mac App Store unzufrieden. Warum das so ist.

Die Meinungen sind geteilt, als Apple Im Oktober 2010 den Mac App Store präsentiert , der sich am zwei Jahre älteren App Store für iOS orientiert. Manche Entwickler vermuten damals, Apple werde bald die Veröffentlichung von Software auf den Store beschränken, und sehen die vielen neuen Einschränkungen als Gängelung.

Bei den Nutzern ist der Store dagegen schnell beliebt, viele verzichten mittlerweile darauf, Software außerhalb des Apple-Systems zu kaufen. Warnt das System Gatekeeper doch vor Programmen von Drittherstellern und App-Updates erhält man automatisch. Wil Shipley, bekannt als Entwickler der Datenbanksoftware Delicious Library, hat den App Store damals enthusiastisch begrüßt. Heute ist er einer der aktivsten Kritiker des App Stores und beschwert sich unter anderem bei Twitter über Unzulänglichkeiten wie die fehlende Upgrade-Möglichkeit.

Shipley ist damit nicht allein. Im letzten Jahr muss der App Store viele Abgänge renommierter Entwickler verbuchen. So hat sich der Hersteller des Webseiten-Gestalters Rapidweaver entschlossen, die neue Version 6 nicht mehr im App Store anzubieten, Barebones Programme BBedit und Coda sind schon länger wieder aus dem Angebot verschwunden. Garage Sale von iwascoding ist eine der bekanntesten deutschen Mac-Apps und dient seit Jahren dem einfachen Erstellen und Verwalten von Ebay-Auktionen. Die kommende Version 7 wird nun nicht mehr im Mac App Store zu haben sein. Viel Aufsehen hat außerdem die Entscheidung von Bohemian Coding erregt, die App Sketch ebenfalls aus dem Store zu nehmen.

Im Play Store kann ein Entwickler die Kundenrezensionen beantworten.
Vergrößern Im Play Store kann ein Entwickler die Kundenrezensionen beantworten.

Die genannten Gründe sind fast immer die gleichen: Die Entwickler bemängeln die fehlende Kontaktmöglichkeit zu ihren Kunden, ein günstiges Upgrade für Bestandskunden ist nicht möglich und auf die Bewertungen der Kunden lässt sich nicht antworten. Aber auch unter den verbleibenden Entwicklern ist die Zufriedenheit nicht gerade groß. Der App Store wirkt dadurch natürlich nicht verwaist, noch immer gibt es ein erstklassiges Angebot unterschiedlichster Programme. Langfristig betreffen diese Probleme aber auch die Kunden. Das Angebot im App Store kann unter dem Abzug hochwertiger Software leiden und die Beschränkungen haben bereits Auswirkungen auf die Art der typischen App-Store-Programme. Statt einem echten Ebay-Programm gibt es dann eben nur noch simple Hilfsprogramme wie einen „Price Change Sniper“.

Hohe Gebühren, lange Prüfungen

Üppig sind schon die Gebühren, die bei jedem Verkauf anfallen. Apple behält stolze dreißig Prozent vom Umsatz als Vermittlungsgebühr. So rechnet der Entwickler der App Rapidweaver vor, dass sein Programm im App Store einen Umsatz von 2 Millionen US-Dollar erzielt habe. Nach Abzug der Apple-Steuer bleiben davon allerdings nur noch 1,4 Millionen Dollar übrig. Vergleicht man diesen Betrag mit den üblichen Händlerprovisionen im Einzelhandel, sind 30 Prozent eigentlich kein hoher Betrag. Für eine etablierte Softwarefirma, die ihre Programme seit Jahren über ihre eigene Website verkauft, sind 30 Prozent sehr viel. Bekanntere Programme wie Graphic Converter, Star Money oder Wiso Steuer hätten den App Store für ihren Verkaufserfolg nicht nötig.

Im Gegenteil könnten Entwickler sogar argumentieren, dass der App Store ohne ihre Programme weniger erfolgreich wäre. Microsoft und Adobe bleiben da lieber gleich ganz außen vor und setzen auf den Eigenverkauf. Ein noch öfter beklagtes Problem sind außerdem die langen Review-Zeiten durch Apple: Hat man eine neue App oder App-Version eingereicht, dauert die Prüfung im Schnitt eine Woche. Ärgerlich, wenn ein Update sehr wichtig ist. Die Programmierer von Garage Sale nennen dies als einen der Hauptgründe, auf den App Store zu verzichten , haben sie doch dank Ebay als Plattform ein ständiges Update-Problem: Ebay ändert öfter einmal die Zugangsmethoden zu seiner Webseite, alte Garage-Sale-Versionen sind dann nutzlos. Da aber Apple sich bei seinen Prüfungen oft Zeit lässt, müssen sich die Programmierer auf laute Kritik von ihren Kunden gefasst machen wie „Aktuell ist kein Arbeiten mit der App möglich!! Dringend Updaten!!!!“. Rezensionen, die im App Store auch Jahre später noch lesbar sind.

Ärger mit den Kundenbewertungen

Häufiger als über die Review-Zeiten beschweren sich die Entwickler über die Kundenbewertungen.  Apples System der Kundenrezensionen klingt nach einer guten Idee: Nur echte Nutzer dürfen Berichte schreiben und Bewertungen abgeben. Jeder Käufer einer App kann die App frei und unzensiert bewerten. Je mehr Bewertungen abgegeben werden, desto mehr kann man dem Endergebnis im Prinzip auch vertrauen. Anders als bei Amazon-Rezensionen sind vernichtende Ein-Stern-Wertungen zudem keinerlei Beschränkungen unterworfen, bei Amazon wird man vor Abgabe negativer Wertungen gebeten, zuerst den Anbieter zu kontaktieren. Auf den ersten Blick wirkt das System von Apple objektiver und wahrhaftiger. Zur Glückssache wird das System allerdings, wenn ein Entwickler ein komplexes neues Programm vorstellt oder einfach Pech mit den Bewertungen hat.

So ging es nach Meinung des Autors iwascoding mit ihrer App Garagetunes, einem Musikplayer auf Spotlight-Basis. Die wenigen Rezensionen waren meist negativ. Dazu kam dann noch der Umstand, dass die App mit 5 Euro über einer Art psychologischer Kauf-Hemmschwelle liegt und der Hersteller ausschließlich auf den App Store gesetzt hat. Wer will da schon ausprobieren, ob das Tool wirklich so schlecht ist? Probleme mit Kundenrezensionen haben aktuell sogar die Entwickler der App Pixelmator , eigentlich eine beliebte Vorzeige-App des App Store, die über Jahren begeisterte Wertungen erhielt. „Laggy, Unresponsive, and Horrible“ und „The Mac version ist a sinking Ship“ liest man nun im US-Store als Kundenrezension zur neuesten Version. Das Problem: Unter El Capitan hat die Bildbearbeitung ein Kompatibilitätsproblem mit der Grafikkarte Intel HD Graphics 3000 von Intel, was zu Abstürzen führt. Leider können die Entwickler nur auf eine Lösung von Apple warten und zusehen, wie sich im App Store die negativen Kommentare anhäufen - die Beantwortung von Kundenrezensionen ist nämlich nicht möglich. Negative Bemerkungen sind oft auch einfach falsch, beispielsweise wenn ein Kunde eine Funktion nicht gefunden hat.

Problem beim Kontakt mit den Kunden

Da Apple den Kontakt mit den Kunden übernimmt, liegen dem Softwareentwickler keine Kontaktdaten der Käufer vor. Das klingt für manche Nutzer vielleicht sogar positiv, bleibt man doch von lästigen Werbe-E-Mails verschont. Für die Entwickler ergeben sich aber dadurch Probleme, so ist eine Information über Probleme mit einem neuen System oder wichtige Updates nicht möglich. Nicht zuletzt profitieren viele kleine Entwicklerstudios vom engen Kontakt mit Kunden: Gehen neue Funktionen eines Tools doch oft auf Anregungen von Kunden zurück und Kundensupport ist lästig, aber wichtig für den Kundenerhalt. Support beim App Store beschränkt sich aber eher darauf, den Preis einer App zurück zu erstatten. Es gibt natürlich Möglichkeiten, per Flash-Screen mit seinen Kunden zu kommunizieren. Dieser erhält dann über ein plötzlich auftauchendes Fenster Informationen über neue Programmversionen oder Updates. Ein persönlicher Kontakt per E-Mail ist aber weit persönlicher und weniger aufdringlich. So schwört Dan Counsell von Realmac Software auf den Kundenkontakt per E-Mail – etwa um über neue Programmversionen zu promoten. Der Ulysses -Entwickler Max Seelemann bemängelt außerdem die fehlende Möglichkeit zu Sonderpreisen: Es gibt keine Spezialpreise für Studenten, Rabatte oder die Möglichkeit, eine App zu verschenken. Verschenken von Apps oder Verkauf als Bundle bleibt bisher dem iOS-Store vorbehalten. Noch schlimmer: Alle Anbieter müssen außerdem auf Demo-Versionen verzichten. So fragt sich nicht nur der Entwickler der 99 US-Dollar teuren Lösung Sketch, warum man nicht einfach auf eine Demoversion verweisen kann.

Top-Listen sind unfair

Entwickelt jemand eine iOS-App, kommt er um Apples App Store nicht herum, anders bei einer unter OS X laufenden Software. Hier gab es schon lange vor dem ersten iPhone eine funktionierende Software-Szene und unzählige kleinere und größere Softwarefirmen. Softwareentwickler sehen den App Store mit einem lachenden und weinenden Auge: Schnell kann eine neue App durch den App Store weltweit bekannt werden, umgekehrt ist aber auch ein völliges Durchfallen möglich. Ob eine App im App Store sichtbar wird, hängt stark von der völlig unberechenbaren Präsentation von Apple ab. Empfehlungen durch die Apple-Redaktion wie „Die besten neuen Apps und Spiele“ sind spärlich und legen nach unserem Eindruck immer viel Wert darauf, ob eine App neue Funktionen des Betriebssystems nutzt - und international nutzbar ist. Auf der anderen Seite erhalten die einmal gut bewerteten Apps immer mehr Kunden und gute Rezensionen. So ist in der Rangliste der umsatzstärksten Apps die Fluktuation gering und die ersten Plätze werden seit Jahren von den gleichen Tools gehalten. Zu teuer und zu komplex ist im App Store aber ein Problem, was Auswirkungen auf das Angebot hat: Die Mehrzahl der Apps sind 99-Cent-Apps mit wenig Funktionen und toller Optik. Nebenbei führt dies dazu, dass immer weniger Nachrichtenseiten und Blogs über neue Software berichteten: Es erscheinen einfach zu viele Simpel-Tools, die schnell auftauchen und wieder verschwinden. Nebenbei sind die Umsätze im Mac App Store anscheinend deutlich niedriger , als viele vermuten.

Upgrades sind überlebenswichtig

Mit einer neuen App viel Geld zu verdienen, ist nur der Anfang. Will man auch im nächsten Jahr Einnahmen erzielen, muss man die App aktualisieren, sie um neue Funktionen erweitern und Kundenwünsche erfüllen. Und richtet man sich an eine Nische, wie das Bohemian Coding mit Grafiker macht, ist der Absatzmarkt schnell erschöpft. Dann sind kostenpflichtige Upgrades überlebensnotwendig. Adobe und Microsoft haben es einfacher, sie haben die Marktmacht, Abogebühren durchzusetzen.

Interview

Wir fragten Michael Haller, den Entwickler der Banking-App MoneyMoney nach seiner  Meinung zum App Store

Hallo Herr Haller, wie sind Sie mit dem App Store zufrieden?

Wir sind nicht besonders zufrieden. Die Probleme, die wir bisher schon mit dem App Store hatten, haben dazu geführt, dass wir bisher keine iOS-Version von MoneyMoney planen. Die Probleme mit dem Mac App Store reichen uns.

Die meisten Entwickler klagen eigentlich über die gleichen Probleme wie technische Einschränkungen, unzutreffende Rezensionen, fehlende Upgrade-Möglichkeiten und fehlenden Kundenkontakt. Was stört Sie am meisten?

Dass Apple Updates oft sehr lang zurückhält, was gerade für eine Banking-App sehr problematisch ist. Hat jemand eine App über unsere Webseite gekauft, kann man auch schnell einer aktuellen Programmversion nachreichen. Beim App Store ist das nicht möglich.

MoneyMoney wird ja sehr gut bewertet und immer in den Top-Listen auf den vordersten Plätzen. Da müssten Sie doch mit dem App Store sehr zufrieden sein.

Die Verkaufszahlen im App Store sind nicht besonders hoch, trotz des guten Rankings. Außerdem wird MoneyMoney nur in Deutschland verkauft. Das heißt zu den mickrigen Verkaufszahlen im App Store kommt noch, dass es durch Bankenstandards wie HBCI keinen Zugang zum internationalen Markt gibt.

Die meisten Verkäufe laufen dann also über die Webseite?

Das ist knapp 50/50

Gleichzeitig sind aber die Gebühren im App Store mit 30 Prozent deutlich höher.

Richtig, bei Verkäufen über die Webseite bleibt mehr vom Kuchen.

War der App Store denn wenigstens in den Anfangstagen nützlich, um die App bekannt zu machen?

Wir waren von Anfang an im App Store und auf Platz Eins der meistverkauften Finanzen-Apps. Das bedeutete damals, zwei Lizenzen am Tag zu verkaufen.

Das klingt jetzt nicht sehr beeindruckend.

Dann kann man sich ausrechnen, was die Anbieter auf Platz Zwei und Platz Drei verkauft haben. Aber damals war der App Store noch ganz neu. Seitdem hat das Volumen natürlich zugenommen, ebenso die Direktverkäufe über die Webseite. Ich glaube übrigens nicht, dass der App Store MoneyMoney eine gute Sichtbarkeit bietet. Wenn man jetzt nicht gerade nach dem Begriff sucht...

Auf der Titelseite wurde MoneyMoney von Apple etwa noch nie gefeatured.

War dann etwa die Nennung in den Medien wichtiger? Ich kann mich erinnern dass etwa die Kollegen von der CT ihre App MoneyMoney oft empfohlen haben .

Richtig, die Macwelt übrigens auch. Blogartikel und vor allem Mund-zu-Mund-Propaganda. Das sind die wichtigsten Kanäle.

Insgesamt funktioniert der App Store also nicht besonders gut?

Der App Store alleine nicht. Es gibt aber Kunden, die ich nur im App Store erreiche. Es gibt viele Apple-Anhänger, die sich weigern, Software außerhalb des App Store zu kaufen. Ich versuche einfach, möglichst viele Kunden zu erreichen. Es gibt ja auch andere Kunden, die nie im App Store kaufen würden. Und dann gibt es noch eine lautstarke Gruppe von Leuten, die nie von Snow Leopard weggewechselt sind.

Genau so wenig wie es Demoversionen gibt, kann ein App Store-Anbieter aber Upgrades anbieten. Das führt dazu, dass manche Anbieter wie Pixelmator eine neue Version für kurze Zeit mit Rabatt anbieten. Davon profitieren dann aber auch alle Schnäppchenjäger und nicht nur die langjährigen Kunden – die oft das Upgrade verpassen und wenig erfreut sind. Interessant: Um Verkäufe älterer Versionen anzukurbeln haben sich außerhalb des App Store Bundles bewährt. Diese Sonderangebote von Anbietern wie Macheist oder auch Macupdate bringen zwar pro verkaufter Lizenz nur einen Bruchteil, sind aber zusätzlich Werbung und bringen neue Kundenkontakte. Übliche Bezahlungssysteme oder gar Kreditkartenbetreiber nehmen nur wenige Prozent, kein Wunder, dass auf einigen Seiten die Hinweise zum App Store immer kleiner werden. Bringt doch der eigene Webshop deutlich mehr Einnahmen...

Technische Hürden

Nicht vergessen sollte man außerdem, dass Apps im App Store unter vielen Einschränkungen bei der Entwicklung leiden. So schützt die Sandbox nicht nur die Anwender, sondern schränkt auch die Funktionen des App-Store-Programms ein - bei Systemtools ist dies besonders problematisch: „Es wäre nicht im Interesse unserer Kunden, unsere Profi-Programme zu verkrüppeln, so dass sie im App Store angeboten werden könnten.“ so Marcel Bresink zum Thema App Store. Tools wie Tinker Tool System greifen einfach zu tief ins System ein, um mit den Bestimmungen des App Store übereinzustimmen. Das hält auch Norbert Doerner davon ab, seine Katalogsoftware Neo Finder im App Store anzubieten. Nur so könne er die „massiven Einschränkungen von Apple zum Glück ignorieren“ und seine Kunden schnell mit neuen Versionen versorgen. Aber es gibt auch einige unnötige kleine Einschränkungen: So steht die Test-Option TestFlight, die den Beta-Test von iOS-Apps ermöglicht, nicht für Mac-Apps zur Verfügung.

Fazit



Ingesamt bleibt die Meinung zum App Store gespalten: „Zum einen ist er der mit Abstand bequemste Weg, Programme zu kaufen und zu verkaufen, zum anderen leidet er massiv unter einer Reihe von schwerwiegenden Problemen,“ wie Max Seelemann es zusammenfasst. Dabei könnte Apple viele der Probleme schnell und einfach lösen. Eine Kommentarfunktion für Entwickler wäre wirklich kein Problem und ist in Googles Play Store längst eingeführt. Und wenn Apple unbedingt auf Demoversionen verzichten will, sollten Entwickler zumindest auf die Demoversion auf ihrer Homepage verweisen dürfen.

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