919961

Streit im Unix-Lager

04.03.2004 | 11:25 Uhr |

SCO will durchsetzen, dass alle Benutzer von Linux Lizenzgebühren an SCO zahlen. Mac-OS-X-Anwender sind davon aber ausgenommen.

SCO hat am 3. März 2004 gegen zwei US-Firmen Klage erhoben: In Nevada ging eine Klage gegen Autozone Inc., einem Autozubehörlieferanten, ein und in Michigan eine gegen Daimler-Chrysler Corp. Auf den Internet-Seiten von SCO gibt sich der Geschäftsführer Darl McBride kämpferisch.

Begründung der ersten Klage: Autozone nutzt das Betriebssystem Red Hat Linux , das laut SCO Teile von Unix System V enthält. Und diese Teile seien unter Verletzung des Urheberrechts in Linux eingebaut worden.

Daimler-Chrysler Corp. in USA dagegen wird beschuldigt, einen Geheimhaltungsvertrag über die Bestandteile Unix System V nicht unterschrieben zu haben. Daimler-Chrysler hatte diesen Vertrag mit Caldera geschlossen, hatte sich aber im Dezember 2003 geweigert, den Vertrag mit SCO, der Rechtsnachfolgerin von Caldera, neu zu verhandeln oder im Gegenzug alle Bestandteile von Unix System V zu löschen.

Und Apple ? Apple ist gegen Klagen - zumindest von SCO - gefeit. Nach einem im Sommer vorigen Jahr geschlossenen Vergleich zwischen Unix System Laboratories/Novell (deren Rechtsnachfolgerin ebenfalls SCO ist) und Berkeley Software Design Inc. fehlen in BSD 4.4 Lite zwar einige Copyright-Hinweise, doch beide Parteien haben sich darauf geeinigt, dass BSD 4.4 Lite keine geschützten Bestandteile von Unix System V enthält und deshalb alle BSD-Unix-Varianten, die auf BSD 4.4 Lite beruhen, von SCO-Klagen verschont bleiben. Da Apple in Mac-OS X als Basis Free BSD 5 verwendet, das seine Ursprünge in BSD Lite 4.4 hat, sind Apple und alle Mac-OS-X-Käufer seit diesem Vergleich fein raus (siehe dazu zum Beispiel Groklaw http://www.groklaw.net/article.php?story=20040218195403210&query=apple )

Spannend sind die Prozesse und Klagen aber trotzdem für alle Unix-Interessierten. Die wichtigste Klage läuft schon seit einiger Zeit vor amerikanischen Gerichten: SCO hatte im März 2003 IBM verklagt. IBM soll Teile des Programmcodes von Unix System V an die Linux-Entwickler weiter gegeben haben, die diese Teile wiederum in alle heute erhältlichen Linux-Varianten eingebaut hätten. Da SCO das Urheberrecht für die Programmcodes von Unix System V reklamiert, verlangt SCO mehrere Milliarden Dollar Schadenersatz von IBM. IBM hatte daraufhin eine Gegenklage gegen SCO angestrengt.

Aktuell steht es im SCO gegen IBM unentschieden. Die Richterin Brooke Wells hat am 3. März 2004 entschieden, dass IBM nicht sofort alle 232 Unix-Betriebssystem offenlegen muss, die IBM in den Jahren seit Unix System V angeboten hat. Stattdessen muss SCO in den nächsten 45 Tagen "genau die Zeilen im Programmcode von IBM AIX und IBM Dynix benennen, die IBM an die Linux-Entwickler weitergegeben haben soll." Außerdem müsse SCO die Zeilen im Programmcode von Linux nennen, die ursprünglich von SCO stammen sollen. Und darüber hinaus solle SCO - wenn möglich - genau benennen, wann diese Programmcodes an wen und unter welchen Umständen weiter gegeben wurden. IBM muss im Gegenzug den Programmcode ebenfalls mit einer Frist von 45 Tagen dem Gericht Einsicht in die 232 Varianten von AIX und Dynix gewähren. Das Gericht wird dann SCO Einsicht in die IBM-Unterlagen gewähren, damit SCO entscheiden kann, ob diese Unterlagen für den Prozeß relevant sind. IBM muss außerdem offenlegen, ob es bisher nicht öffentliche Unterlagen gibt, die IBMs Top-Manager Sam Palmisano an die Linux-Entwickler weiter gegeben hat.

Hier in Deutschland hat sich die Situation für Linux-Besitzer schon seit einigen Tagen etwas entspannt. Die Bremer Firma Univention hat Anfang März 2004 einen Vergleich geschlossen, der es der deutschen Niederlassung von SCO schwer macht, hierzulande dieselben Behauptungen aufzustellen wie in USA. SCO Deutschland darf danach nicht mehr behaupten, dass

Linux-Betriebssysteme unrechtmäßig erworbenes geistiges Eigentum von SCO Unix enthaltenEndanwender (beim Einsatz von Linux) für die Schutzverletzungen der SCO Urheberrechte haftbar gemacht werden könnenLinux ein nicht autorisiertes Derivat von Unix seiKäufer von Linux-Betriebssystemen Strafverfolgung zu befürchten hätten.

Bei Zuwiderhandlung gegen diesen Vergleich verpflichtet sich SCO Deutschland eine Vertragsstrafe von 10.000 Euro für jeden Fall zu bezahlen. Ein kleines Schlupfloch hat SCO Deutschland allerdings noch: Innerhalb eines Monats kann das Unternehmen im Rahmen dieses Vergleichs Beweise für die Urheberrechtsverletzung vorlegen. wm

0 Kommentare zu diesem Artikel
919961