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Streit mit Telekom über Flatrate spitzt sich zu

13.11.2000 | 00:00 Uhr |

Für die Deutsche Telekom ist die Sachlage
eindeutig: Surfen im Internet zum Pauschaltarif muss es geben, aber
die Zuführung der Endkunden über das Telefonnetz kann nur im
Zeittakt erfolgen. Onlinediensten sind diese Zugangskosten aber ein
Dorn im Auge. «Nur unter fairen Wettbewerbsbedingungen und
kostenorientierten Preisen auf dem Telekommunikationsmarkt kann in
Deutschland dem Internet zu einem Durchbruch verholfen werden»,
heißt es beim Verband der Anbieter von Telekommunikations- und
Mehrwertdiensten (VATM) in Köln.

Über den Streit entscheidet an diesem Mittwoch die Bonner
Regulierungsbehörde für Post und Telekommunikation. Im Rahmen eines
Missbrauchverfahrens, eingeleitet unter anderem von AOL
Deutschland, hat die Behörde den Pauschaltarif der Telekom von 79 DM
monatlich für freies Surfen im Internet unter die Lupe genommen.
Dabei fordern die Wettbewerber nicht nur eine Flatrate für
Endkunden, sondern auch für den Bezug von Vorleistungen, die sie in
Form von Leitungskapazitäten von der Telekom beziehen.

«Nur mit einem erschwinglichen monatlichen Pauschalpreis schaffen
wir es, dem Medium Internet zum Durchbruch zu verhelfen», meint Uwe
Heddendorp, Vorsitzender der Geschäftsführung von AOL Deutschland.
Pauschaltarife von 80 DM, wie sie derzeit von T-Online und AOL
angeboten werden, seien für die breite Masse einfach zu teuer. «Der
Gebührenzähler in den Köpfen der Verbraucher muss endlich aufhören
zu ticken», fordert der AOL-Chef. Dabei denkt er an eine monatliche
Pauschale von unter 50 DM.

International spiele Deutschland derzeit eine Nebenrolle, glaubt
Heddendorp. So liegt die Verbreitung des Internet in Deutschland
gerade bei 23 Prozent. In Großbritannien sollen es dagegen 42, den
Niederlanden und Norwegen sogar 48 beziehungsweise 53 Prozent sein.
Eine Großhandels-Flatrate könnte das Internet in Deutschland kräftig
anschieben, meinte AOL-Sprecher Jens Nordlohne. Düster sieht es aber
aus, wenn die Pauschale scheitert: «Wir würden um Jahre
zurückgeworfen und in Europa die rote Lampe tragen».

Hans-Willi Hefekäuser, Regulierungsexperte der Telekom, sieht das
ganz anders: Er hält das Preisniveau von 1,5 Pfennig im Citybereich
(Internetzugangstarif) keineswegs für eine Bremse. Schließlich sei
dieser Sondertarif für die Online-Diensteanbieter (seit April 1999)
seit Einführung um 65 Prozent gefallen. Außerdem könne man mit einer
Pauschale für den Bezug von Vorleistungen das ganze wirtschaftliche
Risiko des Nutzerverhaltens nicht der Telekom aufbürden.

Doch das wichtigste Argument Hefekäusers lautet: Gefördert würde
mit einer solchen Pauschale ein technisches Auslaufmodell, nämlich
das schmalbandige Telefonnetz. Milliarden-Beträge müssten in das
Netz investiert werden, damit es bei intensiver Nutzung nicht
verstopfe. «Das wäre eine technologische Sackgasse, die Zukunft des
Internets ist breitbandig», sagt er. Das ist die DSL-Technik, die
auf das herkömmliche Netz aufsetzt und Daten paketvermittelt in
hoher Geschwindigkeit überträgt.

AOL-Sprecher Nordlohne hält diese Argumente für vorgeschoben: Mit
dem britischen FRIACO-Modell (Flatrate Internet Access Call
Origination) könnte man eine Überlastung des Telefonnetzes an den
Ortsvermittlungsstellen bereits ausschließen. Dort werde der Daten-
und Sprachverkehr voneinander getrennt. Die britischen Erfahrungen
hätten gezeigt, wie eine solche Flatrate funktionieren kann.

Hefekäuser gibt sich zuversichtlich, dass die Regulierungsbehörde
im Sinne der Telekom entscheidet. «Ich kann mir nicht vorstellen,
dass es zur Anordnung einer Flatrate im Vorleistungsbereich kommen
wird». Doch genau das fordert AOL-Chef Heddendorp: Die Behörde
müsste dem FRIACO-Modell folgen, eine rechtlich verbindliche
Großhandelspauschale anordnen und eine zeitliche Frist setzen.
dpa

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