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Sun-Microsoft: Analyse und Hintergründe

06.04.2004 | 15:36 Uhr |

So mancher mag zunächst einen verspäteten Aprilscherz vermutet haben, als am vergangenen Freitag die Meldungen über die Beilegung sämtlicher Rechtsstreite und die technische Partnerschaft zwischen Microsoft und Sun über die Ticker lief.

Von Thomas Cloer

Wer sich dann noch die Pressekonferenz beider Firmen als Video-Stream ansah, verstand wahrscheinlich vollends die Welt nicht mehr: Scott McNealy und Steve Ballmer klopften sich gegenseitig auf die Schultern und scherzten, was das Zeug hielt, als hätte es die jahrelange (und zumindest äußerlich) erbitterte Feindschaft beider Unternehmen nie gegeben.

Vor allem Sun-Chef Scott McNealy und dessen Ghostwriter hatten in den letzten Jahren jede Menge Häme über Microsoft ausgeschüttet. "Look out" statt "Outlook", "Captive X" statt "Active X", ".NOT" (sowie ".NOT yet" oder ".NUT") statt ".NET" oder "The Beast from Redmond" und "The Evil Empire" als Synonyme für Microsoft und dessen Headquarter in einem Vorort von Seattle sind nur wenige Beispiele für McNealys andauerndes "Microsoft-Bashing". Doch damit dürfte nun Schluss sein. "Vielleicht sind wir erwachsen geworden", so McNealy. "Und vielleicht sind auch sie erwachsen geworden."

Alle Macht dem Kunden

Zu verdanken haben wir das offenbar den gemeinsamen Kunden beider Firmen, die die unproduktive Phrasendrescherei satt hatten. "Ihr müsst mit dem Krach aufhören, interoperieren und zusammenarbeiten", hätten ihm die Anwender aufgetragen, sagte McNealy im Rahmen einer am Freitag hastig anberaumten Pressekonferenz. Ballmer blies in gleiche Horn: "Es gibt hier nichts, aber auch gar nichts, was die Kunden nicht erfreuen könnte", erklärte der Microsoft-Chef hinsichtlich der Übereinkunft.

In der Mache war diese jedoch schon weit länger als gedacht. Seit acht Monaten schon hatten McNealy und Ballmer jeden Freitag am Telefon über das "Projekt Dämmerung" verhandelt, wie sie die neue Ära guten Willen zwischen ihren Firmen metaphorisch getauft hatten. Ende letzten Jahres schien die CEO, ihre Anwälte und ihre Strategen dann in einer Sackgasse zu stecken. Ende vergangener Woche rangen sie sich dann schlussendlich doch zu einer Einigung durch, und die beweist vor allem eines: Kunden haben heute mehr Macht denn je über ihre Lieferanten, und sie haben keine Geduld mehr mit den bitteren Rivalitäten aus der Jugend der Branche.

Über fast zwei Jahrzehnte hinweg waren es die Hightech-Hersteller gewohnt, Generationen von zueinander inkompatiblen Produkten auf den Markt zu bringen in der Gewissheit, dass die Anwender schon den Ärger und die Kosten auf sich nehmen würden, diese zusammen ans Laufen zu bekommen. Sun und Microsoft stehen dafür quasi sinnbildlich, indem sie rivalisierende Produkte mit einer Vehemenz vermarkteten, die dauerndes Gezänk und eine Reihe von juristischen Klagen nach sich zog. Die Anwender akzeptierten dies die längste Zeit als Preis für schwungvolle neue Produkte.

Aber die Zeiten haben sich unter dem wirtschaftlichen Druck der letzten Jahre geändert. Die knappen Budgets haben den Wettbewerb unter den Anbietern verschärft und es den Beschaffern in Unternehmen erleichtert, darauf zu bestehen, dass die Produkte der widerstreitenden Anbieter miteinander zusammenspielen. "Der Kunde hat das Sagen", brachte McNealy die Annäherung von Sun und Microsoft auf den Punkt.

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