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Swift als Open Source: Was Apple davon hat

09.12.2015 | 15:32 Uhr |

Mit Swift 2.2 wird der komplette Quellcode freigegeben, und für jeden zugänglich gemacht. Apple unternimmt damit einen Schritt in Richtung Entwickler, und feilt vor allem an seinem Image. Doch scheint der Schritt eher aufgezwungen, und nicht der Weisheit letzter Schluss zu sein.

Apple heimste in den letzten Tagen viel Lob ein : Die hauseigene Programmiersprache, die auf der WWDC 2014 vorgestellt wurde, ist jetzt für jeden einsehbar auf GitHub , einer Platform, auf der Entwickler und Unternehmen Programmcode teilen und jedem zur Verfügung stellen können: Allgemeine Open-Source-Philosophie.

Welche Vorteile bringt es Entwicklern?

Große Worte wie "Transparenz" und "Kollaboration" fallen zur Begründung des Schritts. Wenn Programmierer sehen, wie eine API-Schnittstelle genau programmiert ist, hilft es die eigene Anwendung genauer darauf auszurichten. Zum Anderen ergibt sich die Chance, Teil der Programmiersprache zu werden, indem man selbst Code für Swift schreibt und via einem “Pull request” publiziert.

Apple-Entwickler können sich den gewünschten Code anschauen, und gegebenenfalls in Swift integrieren. Unternehmen haben dadurch drei Vorteile: Wünsche der Entwicklergemeinde können so direkt adressiert werden, ja sie schreiben sich die geforderten Funktionen einfach selbst. Zum zweiten erhöht sich die Popularität, da junge und erfahrene Entwickler von der Codebasis lernen können. Das alles führt zum dritten Vorteil: Interessierte schreiben Code selbst, Apple wird auf diese Weise Arbeit abgenommen.

Alles nur Marketing?

Da fragt man sich natürlich: Warum machen das nicht alle Unternehmen so? Und warum nicht schon viel früher? Der Aufwand, der durch das Veröffentlichen betrieben wird, darf nicht unterschätzt werden. Dokumentationen sind nicht mehr nur von Internen einsehbar, und müssen daher akkurat und verständlich sein. Apple muss jetzt auch einen Dialog zwischen den Entwicklern und den eigenen Softwareingenieuren pflegen.

Zudem sieht jetzt auch die Konkurrenz, was Apple intern so leistet, wie gut der Code ist und welche Funktionen absehbar sind. Dadurch hilft man auch indirekt den Konkurrenten Google und Facebook. Wie schwer sich Apple aber hierbei tut, war gleich am ersten Tag der Veröffentlichung zu sehen: Mit großen Lettern warb der Mac-Hersteller, die erste große Firma zu sein, die Open Source als Teil der Erfolgsstrategie sieht.

Viel Lob hat Apple dafür bekommen, nicht nur das fertige Produkt zu veröffentlichen, sondern auch den Verlauf dorthin. Mit über 29.000 Commits ist nahezu jeder Entwicklungsschritt bei der Entstehung der Sprache nachzuvollziehen, und dient daher noch besser zum Lernen und Verstehen von Programmiersprachen im Allgemeinen.
Vergrößern Viel Lob hat Apple dafür bekommen, nicht nur das fertige Produkt zu veröffentlichen, sondern auch den Verlauf dorthin. Mit über 29.000 Commits ist nahezu jeder Entwicklungsschritt bei der Entstehung der Sprache nachzuvollziehen, und dient daher noch besser zum Lernen und Verstehen von Programmiersprachen im Allgemeinen.

Anders als pure Konsumenten sind aber Programmierer genauer, und rennen nicht jedem neuen Trend hinterher. Nach teils massiver Kritik, unter anderem auf Twitter, wurde der Text auf der Swift-Homepage wieder geändert. Einen netten Nebeneffekt sah man zu Beginn auch dort: Die Webseite swift.org bekam gleich so viele Besucher, dass die Seite erst einmal nicht mehr aufrufbar war.

Die Konkurrenz ist schon viel weiter

In der Entwicklerszene gilt: Ein Projekt ist nur so gut wie die Basis selbst. Google pflegte dieses Image mit dessen neuen Programmiersprachen jahrelang. Mit Dart , Go und AngularJS hat man sehr erfolgreiche Frameworks und eigene Programmiersprachen publiziert und pflegt diese auch.

Mit Facebook trat im letztem Jahr ein neuer Konkurrent auf dem Plan: Mit React und der Flux-Architektur betreibt man seit Monaten intensive PR und Forschungsarbeit in der Web-Umgebung. Was hat das Web jetzt mit Apple und dem App Store zu tun?

Neben dem puren Web-Frameworks haben Google und Facebook auch Umgebungen, mit denen eine Web-Anwendung in nativen iOS oder Android Code umgewandelt werden können. Die Performance ist zwar noch nicht die beste, aber der Weg ist klar: Schreibe deine App nur einmal, und wandele sie mit meinen Tools dann gleich für meine Plattform um.

Doch viel entscheidender ist der Kampf um Talente. Wenn mehr junge Entwickler mit den Tools von Google und Facebook spielen, treibt es diese dann später auch auf die Plattformen der Unternehmen. Doch alleine aus Marketingzwecken dürfen die Anstrengungen auch nicht gesehen werden. Mit der Veröffentlichung von Sprachen und Tools können tausende Entwickler außerhalb der Firma helfen, Code zu verbessern und Anwendungen sicherer zu machen.

Die Distribution von Anwendungen

Ein bislang nicht betrachteter Aspekt ist das pure Entwickeln von Anwendungen. Vorbei sind die Zeiten, in der eine Anwendung nur auf einem Computer kompiliert und anschließend in den App Store geladen wird. Das Internet läuft zum Großteil auf Linux-Servern. Anwendungscode wird auf solchen Servern (mit Hilfe von Web-Apps) getestet, kompiliert und anderen Plattformen zur Verfügung gestellt.

Sogenannte Build-Tools sind seit Jahren ein fester Bestandteil von modernen Entwicklungsumgebungen. Web-Plattformen wie Travis ermöglichen es, Tests und Build-Prozesse zu automatisieren, um so einen reibungslosen Entwicklungsablauf zu realisieren. Mit der Veröffentlichung von Swift dürfte Apple dadurch genug Masse begeistern, damit sich auch Drittanbieter mehr um die Unterstützung der Sprache kümmern.
Vergrößern Sogenannte Build-Tools sind seit Jahren ein fester Bestandteil von modernen Entwicklungsumgebungen. Web-Plattformen wie Travis ermöglichen es, Tests und Build-Prozesse zu automatisieren, um so einen reibungslosen Entwicklungsablauf zu realisieren. Mit der Veröffentlichung von Swift dürfte Apple dadurch genug Masse begeistern, damit sich auch Drittanbieter mehr um die Unterstützung der Sprache kümmern.

Apples Problem: Um Apps für iOS und OS X zu entwickeln, braucht man einen Mac. Da XCode und Swift nur für OS X konzipiert sind, fallen all die Annehmlichkeiten wie das dezentrale Testen und Entwickeln von Anwendungen weg. Googles und Facebooks Tools laufen auch auf Linux-Servern und lassen dort entwickeln. Apple-Entwickler schauen in die Röhre.

Daher finden sich im Download Bereich von swift.org auch Pakete für Linux-Rechner . Das Veröffentlichen des Codes auf GitHub soll zudem andere Firmen wie Travis animieren, auch Swift-Code testbar zu machen, und so die Plattform für Apple-Software anzupassen.

Fazit

Entwickler muss man anders für Produkte begeistern als Konsumenten. Apple kann nichts diktieren und eigene Plattformen aus dem Boden schießen lassen. In der sehr dynamischen Umgebung überlebt nur derjenige, der am meisten Verbreitung und Leidenschaft erweckt. Mit der Veröffentlichung von Swift ist Apple den ersten Weg gegangen, auf dem man jedoch schon gefühlte Jahrzehnte hinterher hinkt. Man wird sehen, wie gut sich Apple in dieser völlig neuen Umgebung präsentieren wird.

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