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T-Online braucht für Internetgeschäfte mehr Inhalte

08.03.2001 | 00:00 Uhr |

Schonfrist vorbei, jetzt folgen Taten: Thomas
Holtrop, der neue Vorstandschef der T-Online International AG
(Darmstadt) macht Dampf. Was sein Vorgänger Wolfgang Keuntje nicht
schaffte, soll jetzt der ehemalige Banker richten: Die angeschlagene
Telekom-Tochter in die Gewinnzone führen und zu einem Internet-
Anbieter von internationalem Format machen.

Ein erstes Zeichen hatte Holtrop schon vor wenigen Wochen
gesetzt: Mit der Abschaffung der Flatrate von 79 DM pro Monat für das
Surfen im Internet über das schmalbandige Telefonnetz stopfte er die
größte Verlustquelle von T-Online. Schließlich war das Unternehmen im
Jahr 2000 mit 244 Millionen DM tief in die roten Zahlen (EBITA)
gerutscht. Dazu hatte vor allem das Experiment mit dem Pauschaltarif
beigetragen. «Wir haben herausgefunden, dass er der großen Mehrheit
unserer Kunden nichts bringt», begründete Holtrop den Schritt.
Erhalten bleibt die Flatrate allerdings bei den schnellen DSL-
Anschlüssen.

Die ganze Malaise von T-Online sieht Telekom-Analyst Theo Kitz vom
Privatbankhaus Merck Finck & Co. unterdessen in einem ganz anderen
Bereich: «Mehr Inhalte, das ist das Entscheidende». Schon seit Wochen
kursieren Gerüchte, dass T-Online eine Allianz mit der Münchner
Mediengruppe Kirch schmiedet. Die Telekom dementierte solche Berichte
zwar, von Kirch wurden sie aber bestätigt.

Für die Telekom-Tochter sei es wichtig, ihre Abhängigkeit vom
Zugangsgeschäft zu verringern und das Portalgeschäft auszubauen, sagt
Kitz. Die Verbesserung des Inhalte-Bereichs hält auch Michelle Lang
vom Bankhaus Sal. Oppenheim für die wichtigste Aufgabe des Vorstands.
So entfielen im vergangenen Jahr noch mehr als zwei Drittel des
Umsatzes von 797 Millionen Euro auf den Internetzugang und nur der
kleinere Teil auf den elektronischen Handel (E-Commerce). Aber nur
mit Inhalten - im Fachjargon Content genannt - kann die Telekom-
Tochter künftig Gewinne einfahren, glauben Branchenexperten.

Damit wären auch die Voraussetzungen für einen Aufschwung der T-
Online-Aktie geschaffen. Seit Wochen bewegt sich das Papier nur im
Tiefflug. Von ihrem bisherigen Höchststand von 47 Euro ist die T-
Online-Aktie weit entfernt. Mit rund zwölf Euro hat sie rund drei
Viertel ihres Wertes eingebüßt. Wer zum Börsengang im April 2000 T-
Online-Aktien zum Kurs von 28 Euro erwarb, hat heute mehr als die
Hälfte seines Kapitals verloren.

Für den Kurseinbruch gibt es viele Gründe: Einer ist das generell
schlechte Klima in der Branche oder positiv formuliert: Die
Rückbesinnung auf Realitäten. Den Blick darauf hatten die Börsianern
zuvor in der Internet-Euphorie völlig aus den Augen verloren. Es kam,
was kommen musste: die Blase platze und die Kurse brachen ein. Hinzu
kamen bei T-Online hausgemachte Probleme.

Nach dem Börsengang im April ging bei T-Online beinahe so gut wie
alles schief; so misslang Ex-Vorstand Wolfgang Keuntje die Übernahme
des britischen Konkurrenten Freeserve. Die attraktiven Unternehmen
seien heute alle vergeben, sagt Telekom-Analystin Lang. International
nehme T-Online heute keine Top-Position ein.

Außerdem lähmten Personalquerelen das Unternehmen: Der damalige
Vorstandschef Keuntje überwarf sich dem obersten Konzernherrn Ron
Sommer. Keuntje warf den Hut und mit ihm verließ fast die komplette
Führungsmannschaft das Unternehmen. Mehrere Monate blieb T-Online
ohne Vorstandsvorsitzenden - und das war weiteres Gift für den
Aktienkurs.
dpa

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