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Kommentar: Der Anfang vom Ende?

24.04.2013 | 14:00 Uhr |

Die Telekom würgt das Internet ab! So oder so ähnlich klingt er, der Aufschrei rund um die neuen DSL-Tarife der Telekom. Aber ist das wirklich das Ende des Internets, wie wir es kennen?

Vor einigen Wochen gab es bereits erste Andeutungen, jetzt hat die Deutsche Telekom ernst gemacht: Bereits am 2. Mai 2013 sollen neue Tarife kommen – mit Inklusiv-Volumina vergleichbar denen aus gängigen Mobilfunktarifen. „Angesichts des rasanten Datenwachstums stellt die Telekom die Tarifstruktur für Internet-Anschlüsse im Festnetz um“, heißt es dazu eher lapidar in der Presseerklärung des Telekommunikationsunternehmens.

Der Kern der neuen Tarife ist, dass ab bestimmten Volumensgrenzen die Bandbreite des Anschlusses auf 384 KBit/s begrenzt wird, wenn das im Tarif inkludierte Volumen aufgebraucht wurde. In der Pressemitteilung der Telekom heißt es weiter, dass die Einführung der neuen Tarifstruktur stufenweise und eine praktische Umsetzung aus technischen Gründen nicht vor 2016 erfolgen werde. Wem das integrierte Datenvolumen dann nicht ausreicht, der kann – wie es bereits im Mobilen Internet üblich ist – per Griff ins Portemonnaie zusätzliches Volumen kaufen. Bandbreitenintensive Telekom-Dienste wie beispielsweise das IPTV-Angebot Entertain oder die VoIP-Telefonie werden dagegen nicht mit in die Zählung eingeschlossen. Ebenso nicht betroffen von den Änderungen sind Bestandskunden mit laufenden Verträgen.

Cloud-Konditionierung

So viel zur Sachlage. Die Telekom führt also neue Tarife ein, deren Änderungen nach Aussagen des ehemaligen Telekommunikationsmonopolisten sowieso kaum einen Kunden betreffen. Die Telekom rechnet vor: „Im Schnitt verbraucht ein Kunde heute 15 bis 20 Gigabyte (GB). Das geringste integrierte Datenvolumen wird 75 GB betragen. Neben dem Surfen im Netz und dem Bearbeiten von Mails ist dieses Volumen beispielsweise ausreichend für zehn Filme in normaler Auflösung plus drei HD-Filme, plus 60 Stunden Internetradio, plus 400 Fotos und 16 Stunden Online-Gaming.“ Klingt doch völlig ok, oder? Vor allem wenn ich weiterhin HD-TV über Entertain beziehen kann, ohne dass der Bildschirm einfach schwarz wird. Bei den Kommentaren, die sich auf der Facebook-Seite des Unternehmens seit dem Bekanntwerden der Drosselung sammeln, gewinnt man dagegen den Eindruck, dass es sehr wohl mehr Leute juckt, als es die Telekom mit ihrem PR-Sprech Glauben machen möchte.

Hinzu kommt, dass die Netzgemeinde in den vergangenen Jahren von allen Seiten auf die Nutzung von Cloud-Diensten konditioniert wurde. Daten werden in Cloud-Speichern wie Google Drive, Dropbox oder Box gespeichert, die Musik fliegt dank iTunes Match zwischen unseren iOS-Geräten und Macs hin und her oder wird gleich per Spotify gestreamt. Apropos streamen: Ein weiterer Entertainment-Trend ist zweifelsohne das Streamen von Videos über Dienste wie Lovefilm, Maxdome oder Watchever – Dienste, die man mit der vorgesehenen Geschwindigkeitsbremse eigentlich vergessen kann. Es sei denn, man bezahlt extra oder nutzt Dienste der Telekom und ihrer Partner.

Zauberwort „Managed Services“

Und genau das ist der springende Punkt der ganzen Diskussion. Der Telekom, die mit Entertain auch als Anbieter von Inhalten auftritt, geht die Neutralität des reinen Netzbetreibers verloren. In einem inzwischen von der Pressestelle der Telekom veröffentlichten Beitrag mit Fragen und Antworten heißt es zur Netzneutralität: „Entertain und Sprachtelefonie sind im Gegensatz zu Internet-Diensten Managed Services, die in einer höheren und gesicherten Qualität produziert und vom Kunden gesondert bezahlt werden. Reguläre Internet-Dienste werden diskriminierungsfrei nach dem „Best-Effort“-Prinzip behandelt, das bedeutet, so gut es die zur Verfügung stehenden Ressourcen ermöglichen. Das gilt auch für Internet-Dienste der Telekom.“

Managed Services also. So wie beispielsweise die Spotify-Kooperation der Mobilfunksparte der Telekom. Zur Erinnerung: Im vergangenen Herbst haben die Telekom und der Musik-Streaming-Dienst Spotify eine Kooperation gestartet. Wer einen Telekom-Mobilfunkvertrag mit Spotify-Flat bucht, bekommt das Musik-Streaming nicht auf sein Inklusivvolumen angerechnet. Spotify bezahlt im Gegenzug der Telekom einen entsprechenden Obolus für den Managed Service. Im Falle von Entertain gibt es einen weiteren Dienst, der dahingehend problematisch werden könnte: Videoload , ein Streaming-Dienst für Filme und Serien, der ebenfalls zum Telekom-Konzern gehört und ab Werk zu den integrierten Apps des IPTV-Angebots Entertain gehört. Warum sollte also ein Kunde, der mit Videoload ohne Anrechnung auf sein Volumen Filme schauen kann, einen Konkurrenzdienst wie Maxdome nutzen, dessen Gigabyte in das Volumen einfließen. Nicht-Telekom-Dienste werden so benachteiligt

Im Umkehrschluss bedeutet diese Manged-Service-Konstruktion, dass ein – wie die Telekom das in ihrem Statement nennt – regulärer „Internet-Dienst“ durch einen exklusiven Vertrag zum Manged Service werden kann. Das bestätigte ein Sprecher der Telekom gegenüber der Frankfurter Rundschau : „Die Nutzung anderer Anbieter wie Apples iTunes oder Amazons Streaming-Dienst Lovefilm würde nach aktuellem Stand an dem Inklusivvolumen zehren, wie ein Telekom-Sprecher bestätigte. Internet-Dienste könnten aber eine Kooperation mit der Telekom für sogenannte Managed Services eingehen (sic!), „die in einer höheren und gesicherten Qualität produziert und vom Kunden gesondert bezahlt werden“. Eine gleichberechtigte Behandlung der Datenpakete dürfte also allein schon deswegen schwierig werden, weil nur die Telekom über Kooperationen bestimmt, wo die Trennlinie zwischen „normalen“ Diensten und Managed Services liegt –  allen „Best Effort“-Versprechen zum Trotz.

Was tun?

Zuerst einmal: Ruhe bewahren! Bislang hat die Telekom „nur“ über ihre Pläne gesprochen. Eine endgültige Aussage darüber, wie der Provider künftig mit dem Datenverkehr umgehen wird, kann erst dann getroffen werden, wenn wirklich alle Fakten auf dem Tisch liegen und Aussagen zur praktischen Handhabung gemacht werden können. Im Gespräch mit der Bundesnetzagentur wurde uns versichert, dass man die Entwicklung auf dem Markt des Breitband-Internets mit Blick auf die Netzneutralität sehr aufmerksam verfolge – die Behörden sind also für das Thema sensibilisiert.

Sollten sich die Mitbewerber der Telekom weiter still verhalten, dürften ohnehin die Gesetze des Marktes greifen und so den Planungen der Telekom den Zahn ziehen: Wer lieber ein Angebot eines Mitbewerbers mit echter Flatrate nutzen möchte, der wird schlicht und einfach seinen Anbieter wechseln müssen. Wie sich die Mitbewerber der Telekom positionieren, ist im Moment jedoch noch nicht abzuschätzen. Über Twitter versichert  Konkurrent Vodafone: „Aktuell haben wir keine Pläne, die DSL-Geschwindigkeit unserer Kunden nach bestimmtem Verbrauch zu drosseln“. Eine auf den ersten Blick gute Nachricht – mit Hintertürchen: Interessant ist nämlich das „Aktuell“ in diesem Tweet – man hält sich die Option, ebenfalls irgendwann auf den Zug aufzuspringen, also scheinbar offen.

Abgesehen von der möglichen Selbstregelung durch massige Anbieterwechsel der Kunden: Ich würde mir endlich ein klares Bekenntnis der Politik zum Internet wünschen. Denn das Beispiel der Netzneutralität zeigt, dass die gesetzlichen Grundlagen vieler netzpolitischer Themen nicht ihrer technologischen und mittlerweile auch gesellschaftlichen Verwurzelung entsprechen oder einfacher: der Realität. Der Blogger Sascha Lobo formuliert es in einem Gedankenspiel so:

„Angenommen, eine Volkspartei würde fordern, die 80 Milliarden Euro für die bundesweite Glasfaserverkabelung müssten durch eine Sonderabgabe finanziert werden. Die meisten Wähler würden in ihren Heimwerker- oder Römertopfforen randalieren oder gleich einen steuervermeidenden Hoeneß-Übersteiger androhen. Im Land, dessen großer Buch-Bestseller 2012 "Digitale Demenz" hieß, fehlt schmerzhaft das Klima pro Vernetzung, um eine geistig-moralische Netzwende hinzulegen. Das Internet findet der Durchschnittsbürger schon auch weitgehend sinnvoll, irgendwie. Aber hier leben? Nein danke.“

Das Internet wird von den neuen Tarifen der Telekom – davon bin ich überzeugt – nicht sterben. Es könnte sich aber in eine Richtung verändern, die nicht im Interesse seiner Nutzer ist. Das zu verhindern, ist in erster Linie Sache der Nutzer selbst!

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