877918

Telekom schließt Voicestream-Kauf ab

14.05.2001 | 00:00 Uhr |

Telekom-Chef Ron Sommer steht kurz vor dem Ziel. Nach
der Hauptversammlung des Bonner Telekomkonzerns Ende Mai, wird er
sein jüngstes Kind in der T-Familie begrüßen: Den US-
Mobilfunkbetreiber VoiceStream. Dass die geplante Übernahme des
Unternehmens, die inzwischen in den USA alle Hürden genommen hat,
kurz vor Toresschluss noch platzen könnte, glauben inzwischen selbst
die ärgsten Zweifler nicht. Auch der Kurseinbruch der T-Aktie wird
den Einstieg der Telekom in den lukrativen US-Markt nicht mehr
vereiteln, sind sich die Experten sicher.

«Ich lass mir darüber keine grauen Haare wachsen», sagte Sommer
vor wenigen Wochen auf die Frage, ob die arg gebeutelte T-Aktie die
US-Akquisition noch gefährden könnte. Im Kaufvertrag haben Telekom
und VoiceStream eine Klausel eingebaut, die den Aktionären des US-
Unternehmens ein Rücktrittsrecht einräumen, wenn die T-Aktie an
sieben zufällig ausgewählten Handelstagen 15 Tage vor Abschluss des
Deals unter 33 Euro sinkt.

Für Ralf Hallmann von der Berliner Bankgesellschaft ist die
Übernahme gelaufen. Ein klares Anzeichen hierfür sei, dass sich die
VoiceStream-Aktie in den vergangenen Monaten wesentlich besser
geschlagen habe als die ihrer Konkurrenten. «Beide Unternehmen haben
großes Interesse an der Zusammenarbeit», meint der Telekom-Analyst.
Ohne die Bonner, die bereits Milliarden in VoiceStream gepumpt haben,
könnte der sechsgrößte US-Mobilfunker sein GSM-Netz kaum ausbauen.
Bei einem Scheitern wären vor allem VoiceStream und seine Aktionäre
die Verlierer.

Obwohl noch kein Datum für die endgültige Übernahme fixiert wurde,
dürfte es zu Pfingsten so weit sein. Dass die T-Aktie in den
kommenden zwei Wochen noch den Sprung auf über 33 Euro schafft, gilt
als unwahrscheinlich. Das Papier dümpelt seit Wochen unter 30 Euro.
Nach der Übernahme könnte erneut eine Talfahrt einsetzen, wenn
ehemalige VoiceStream-Aktionäre T-Aktien auf den Markt werfen.

Die Telekom rechnet kurzfristig mit einem Rückfluss von 120 bis
150 Millionen Aktien, etwas mehr als zehn Prozent des gesamten
Kaufpakets. Insgesamt muss der «rosa Riese» für VoiceStream und
Powertel aus dem genehmigten Kapital (1,5 Mrd Aktien) 1,1 Milliarden
Aktien aufwenden. Hinzu kommt für die VoiceStream-Aktionäre noch eine
Barkomponente von 7,8 Milliarden US-Dollar und im Falle von Powertel
die Übernahme von 1,2 Milliarden Dollar Schulden. Zum gegenwärtigen
Kurs ergibt sich damit ein Kaufpreis von 75 Milliarden DM.

Größter Anteilseigner der Telekom bleibt der Bund mit 43 Prozent
(bisher: 58). Es folgen die ehemaligen VoiceStream-Großaktionäre
Hutchison Whampoa (4,4 Prozent), US Telephon & Data Systems (2,8) und
die finnische Sonera (1,8). Um den Kurs nicht zu stark zu belasten,
haben sie sich verpflichten, die Aktie für gewisse Zeit zu halten.

Die Übernahme ist für Telekom-Chef Sommer zugleich eine Zäsur. In
den kommenden Monaten will er die Milliardenzukäufe erst einmal
verdauen. «Integrieren und konsolidieren, Schulden abbauen und
Investoren zurückgewinnen, ist gegenwärtig das beherrschende Thema
der Branche», sagt auch Hallmann.

Doch nach dem Motto, das eine tun und das andere nicht lassen,
schaut die Telekom bereits in die Zukunft. Schon im Herbst könnte T-
Mobile an die Börse gebracht werden. Und in Polen wollen die Bonner
ihren Anteil von 49 Prozent an der Mobilfunkfirma PTC für rund 800
Millionen DM auf eine Mehrheit von über 50 Prozent aufstocken.
dpa

0 Kommentare zu diesem Artikel
877918