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The ALDI Experience

21.11.2002 | 14:12 Uhr |

Morgens, halb neun, in Deutschland. Mitten in einer bayerischen Kleinstadt harren mehr als hundert Leute in der Kälte aus. Sie wollen nur eines: Den neuen PC der Albrecht-Brüder.

Ich lebe in einem heterogenen Haushalt. Mein kleiner Sohn kann das bestätigen, wenn er schon richtig sprechen könnte. Na ja, ein bisschen sprechen kann er ja schon. Papa, Mama, Zahnpasta (gesprochen: Patata). Auch die in unserem Wohnort prominenten Supermärkte. Edeka, Hit, Lidl - und natürlich der legendäre Aldi. Genau da habe ich mich heute in eine Schlange von ungefähr dreißig Metern gestellt. Papa vor Aldi.

Meine Frau hat sich für mich zu Weihnachten einen leiseren PC gewünscht. Sie hat ein schickes Powerbook G4, also kein echtes Lärmproblem. Ich habe für meine gelegentlichen Spielereien und bedingt durch meine berufliche Vergangenheit einen AMD Athlon mit 1,33 Gigahertz. Ein frühes Modell von einem bekannten PC-Versandhaus. Einziger Nachteil, und gleichzeitig das KO-Kriterium für meine Frau: Der Lüfter. Wer einen der aktuellen Doppel-G4-Macs schon einmal in der Phase kurz vor dem Take-Off belauschen durfte, hat ungefähr die Lautstärke meines tapferen Athlon mit dem verheißungsvollen Codenamen "Thunderbird" im Ohr. Tagsüber ist die Miniturbine gar nicht mal so störend. In den Abendstunden, wenn Papa aus seinem völlig kinderunsicheren Arbeitszimmer tritt, entsteht allerdings der akustische Eindruck eines Serverraums. Dabei mache ich gar keine wirklich rechenintensiven Sachen. Keine aufwendigen 3D-Filmchen, kein Extrem-Seti@Home-Alien-Suching, keine Brute-Force-Attacken auf Kreditkarten-Datenbanken. Windows XP, OpenOffice, Mozilla, Winamp - das sind meine üblichen Verdächtigen. Okay, das Ausnahme-Rollenspiel Morrowind treibt selbst die leistungsfähigsten Rechner an den Rand der Kernschmelze. Aber im Normalfall schreibe ich Texte, surfe im Netz, höre Musik, löse Treiberprobleme und konfiguriere Windows.

Meine Frau hat diese Probleme nicht. Ihr Powerbook schnurrt in jeder Lebenslage vor sich hin, die einzige echte Lärmquelle ist der "Boom"-Sound nach dem Einschalten. Wir wollen in unseren vier Wänden auf jeden Fall heterogen bleiben, schwören auf die friedliche Koexistenz von Mac und Windoof. Deshalb also die Entscheidung, den sagenhaften Aldi-PC mit 2,6-GHz-CPU im formschönen Medion-Design-Gehäuse für schlappe 1200 Euro zu kaufen. Im Prospekt steht: "Flüsterleise". Das reicht auch schon aus, um meine Frau zu überzeugen. Selbst die Kollegen von der PC-Welt attestieren dem Albrecht-Rechenknecht dieses Ausschlag gebende Attribut. So stehe ich kurz vor acht Uhr vor dem Discounter in meinem Wohnort, ungefähr zwanzig andere Leute mit mir. Ich treffe einen Bekannten, der sichtlich verunsichert meine Anwesenheit wahrnimmt. Er hat das gleiche Gefühl wie ich: Irgendwie ist das hier mega-peinlich. Belangloser Small-Talk ("Ganz schön kalt heute...") rettet uns über die verbleibenden 30 Minuten, bis ein mutiger Aldi-Angestellter die Tore zum PC-Hades öffnet. Zerberus, den dreiköpfigen Wächter des Hades, kann ich durch die Schaufensterfront auch schon sehen: Kassiererinnen mit beachtlicher Leibesfülle positionieren sich an drei Laufbändern, reinigen die Scannereinheit, bereiten sich auf die Geldflut vor, die in wenigen Sekunden durch ihre Finger rinnen.

Die Tür geht auf. Das Chaos bricht los. Und mittendrin: Ein Macwelt-Redakteur, dessen Frau einen leiseren PC für das Arbeitszimmer will. Binnen weniger Sekunden ziehen Leute an mir vorbei, die wenige Augenblicke vorher noch am Ende der Schlange auf den Startschuss warteten. Moment mal - ich dachte, das hier wäre eine rein serielle Geschichte: immer schön der Reihe nach. Nichts da. Regeln gibt es in diesem Kampf keine, Ellenbogen und Einkaufswägen mutieren zu gefährlichen Angriffswaffen. Hier herrscht Krieg. Alte Leute, vor denen ich großen Respekt habe, schubsen mich zur Seite, drängen mich mit ihrem vergitterten Stahlmonster vom Weg Richtung Eingang skrupellos ab. Endlich im Inneren der Discount-Hölle angekommen offenbart sich ein ähnliches Bild. Wie ausgehungerte Hyänen fallen die unberechenbaren Wesen über die Palette mit Aldi-PCs her. Heute hat diese Filiale insgesamt drei Paletten der begehrten Hardware im Angebot, danach ist Schluss. Ich werfe mich mutig ins Getümmel, stolpere fast über eine ältere Dame, gelange schließlich in Besitz eines Medion Titanium 800 XL Mega Super Alles-Drin, oder wie das Ding heißt. Auf dem Weg zur Kasse läuft mir mein Bekannter über den Weg. Der gibt sich gleich die totale Billig-Dröhnung, verschönert sich das Windows-Leben mit 5.1-Sourround-Boxen und 19-Zoll-Röhrenmonitor . Ein ungewohntes Bild an der Straße des Geldes: geordnete Verhältnisse. Echte Reihen. Man unterhält sich angeregt. Ein echtes Erlebnis wäre das. So was hätte man noch nicht gesehen. Ein mir völlig unbekannter Mann gratuliert mir im saubersten Alt-Schwäbisch zu meinem ergatterten Produkt. Ich löhne die 1200 Euro, bekomme einen Euro als Wechselgeld zurück.

Das Abenteuer ist vorbei. Ich habe überlebt. Mit dem Rechner unter dem Arm genieße ich den kurzen Weg bis zu meinem Auto. Auf dem Weg nach Hause fällt mir allerdings noch: Ich sollte ja noch Strumpfhosen für meinen Sohn mitbringen. Das ist das praktische an solchen Aldi-Aktionen: Irgendwie kann man immer noch andere sinnvolle Dinge kaufen. Allerdings war der Haufen Hausfrauen am Strumpfhosen-Wühltisch weitaus gefährlicher als das Gerangel an den PC-Paletten. Aber das ist eine andere Geschichte. ds

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