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To Be or not to be

06.03.2002 | 14:55 Uhr |

Jean-Louis Gassee's ehemalige Firma löst sich zum 15. März auf. Noch vor fünf Jahren hätte Apple den Softwarehersteller beinahe gekauft.

München/Macwelt - Die einst von ehemaligen Apple-Mitarbeitern um den "President of Apple Products" Jean-Louis Gassee gegründete Softwarefirma Be Inc. wird sich am 15. März selbst auflösen. An diesem Tag wird Be der Regierung des US-Bundesstaates Delaware ein "certificate of dissulotion" einreichen und das Parkett der Technologie-Börse Nasdaq verlassen. An Teilhabern, die zu dem Zeitpunkt noch Aktien besitzen, will man die letzten Vermögenswerte des Unternehmens austeilen.

Nachdem der damalige Apple-CEO John Sculley ihm Mike Spindler als Geschäftsführer vor die Nase gesetzt hatte, verlie? der bis dahin für alle Produktions- und Marketingeingheiten zuständige Gassee zum 30. September 1990 Apple. Zusammen mit dem "geistigen Vater" des Newton, Steve Sakoman, und anderen Abtrünnigen gründete er Be. ƒhnlich wie Steve Jobs Firma NeXT entwickelte Be mä?ig erfolgreiche proprietäre Hardware, am 3. Oktober kam die mit zwei Power-PC-603-Prozessoren mit je 66 MHz Taktrate ausgestattete BeBox auf den Markt. Doch genau wie bei NeXT mit NeXT-Step stellte sich das Betriebssystem Be-OS als das eigentliche Kapital heraus. Schon im Jahr 1995 hatte Gassee versucht, seine Firma mitsamt dem Betriebssystem an Apple zu verkaufen. Erst ein Jahr zuvor, mit dem Start der Power Macs, hatte der Mac-Hersteller ein modernes Betriebssystem mit präemtiven Multitasking-Fähigkeiten und einem echten Speicherschutz unter dem Codenamen "Copland" angekündigt.
Bei den ?bernahmeverhandlungen hatte Gasse jedoch zu hoch gepokert, angeblich wollten seine Investoren von Apple 200 Millionen US-Dollar haben, während der Mac-Hersteller nur 125 Millionen US-Dollar ausgeben wollte. Das Ende ist Geschichte: Drei Tage vor Weihnachten 1996 gab Apple bekannt, Steve Jobs' Firma NeXT zu übernehmen. Der Gründer kam zurück an Bord des schlingernden Dampfers, mehr als fünf Jahre später ist die Migration zu dem auf NeXT-Step basierenden Betriebssystem Mac-OS X weit gehend abgeschlossen.

Be war wieder auf sich allein gestellt. Nur einen einzigen Hersteller konnten Gassee's Mannen dazu gewinnen, Be-OS auf seine Maschinen vorzuinstallieren, Hitachi USA machte jedoch bald darauf pleite. Parallel zu Be's Bemühungen, Marktanteile zu gewinnen, setzte sich aber immer mehr das freie Betriebssystem Linux als Windows-Alternative durch. Zuletzt der Mangel an Anwendersoftware verhinderte den Erfolg des Betriebssystems, lediglich Maxon sah Ende 1998, dass "Cinema 4D und Be-OS eine perfekte Symbiose" bilden würden. Die Ende 1998 erschienene Release 4 , die sowohl auf Intel-Chips als auch Power-PCs lief, verkaufte Be für 170 Mark pro Lizenz. Zu Apples G3-Rechnern wurde Be-OS mangels Unterstützung aus Cupertino jedoch nie kompatibel.

Größte Fehlentscheidung des Unternehmens war wohl dann die Entscheidung, Be-OS kostenlos anzubieten. Ab dem 28.03.2000 konnte man das Betriebssystem kostenlos vom Server der Firma herunterladen. Das Betriebssystem kopierten zwar Millionen von Usern, viele kommerzielle Entwickler von Software zweifelten daraufhin an der Weiterentwicklung des Systems und zogen sich von der Plattform zurück.

Einen Ausweg bot die Fokussierung auf so genannte Internet Appliances, spezialisierte Zugangsgeräte, mit denen man nur im Internet surfen kann . Be-OS sollte jetzt als BeIA das Betriebssystem für kleine Internetzugangsgeräte wie PDAs, Web-Pads oder Surfterminals werden. Be-OS 5 verwendete MP3-Codecs des Konzerns Thomson Multimedia und plante die gemeinsame Entwicklung von Internt-Zugangsgeräten, die Ende 2000 auf den Markt kommen sollten.
Im Jahr 2001 gab es einen Hoffnungsschimmer für BeOS, als Sony sich entschied das System BeIA für seine Internet-Konsole eVilla zu übernehmen. Dieses Surfterminal ging allerdings ziemlich sang- und klanglos unter.
Im Quartal April bis Juni 2001 machte das Unternehmen einen Umsatz von 715 000 US-Dollar, bei einem Verlust von 3,9 Millionen US-Dollar. Allein das Budget für Entwicklungsarbeiten verschlang 2,3 Millionen US-Dollar.

Im August 2001 leitete Palm den Anfang vom Ende Beís als eigenständiges Unternehmen ein. Für Aktien im Wert von gerade einmal 11 Millionen US-Dollar (Fünf Jahre zuvor hätte Apple locker das zehnfache bezahlt) übernahm der PDA-Hersteller Lizenzen und Technologien von Be Inc. Jean-Louis Gassee wollten die neuen Herren "für eine ?bergangszeit" als Berater weiter beschäftigen, zum Anfang des Jahres machte der Gründer als CEO Platz für seinen Chefjustiziar Dan Johnston, der die Firma abwickelte.

Was von Be bleibt und in zukünftige Versionen des Palm-OS eingeht, steht noch nicht fest. Als einen der letzten Atemzüge hatte Gasseeís Gründung im Februar aber noch Microsoft für die Verdrängung vom Betriebssystemmarkt verantwortlich gemacht und eine Kartell-Klage gegen den Redmonder Konzern eingereicht.
pm/sw

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