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E-Mails von Steve Jobs

05.10.2012 | 10:41 Uhr |

Die Adresse war bekannt: sjobs@apple.com. Steve Jobs hat in seiner Zeit als CEO häufig auf E-Mails von Kunden geantwortet. Ein Überblick.

Wir wollen Steve Jobs gedenken, indem wir auf die Schriftstücke seines letzten Lebensabschnitts blicken. Jobs wurde viel zitiert und bei seinen öffentlichen Auftritten, den sogenannten "Steve-Notes" zu Entwicklerkonferenzen, Messen oder Special Events gefilmt. Von eigenen Manuskripten ist nicht viel bekannt, außer dass Jobs bei vielen Apple-Patenten als einer der Erfinder eingetragen ist. Ausnahme sind die berühmten Mails „gesendet von meinem iPad/iPhone“, mit denen er zwar auf  konkrete Fragen ausgewählter Kunden antwortete, es aber gleichzeitig schaffte, seine Antworten an alle Mac- oder iPhone-Interessierte zu richten. Die Aufmerksamkeit war riesig, selbst wenn die Antworten nur aus den Worten "Nope" oder "Yep" bestanden.

Steve Jobs erweiterte diesen Kommunikationskanal in der Zeit um die iPad-Vorstellung 2010 und nutzte ihn bis zu seinem Tod intensiv. In das Tagesgeschäft Apples war er nur zeitweise eingebunden, immer wieder zwang ihn seine Krankheit zu Pausen. Jobs war sich des Interesses für Apple bewusst und konnte sicher sein, dass seine Antwort an einen Adressaten viraler verteilt wurde als manche gut dirigierte Marketing-Kampagne bei Facebook oder Twitter. Jede durchgesickerte Jobs-Mail war eine Nachricht wert: Ein einfacher Nutzer schreibt den CEO einer der größten Firmen an und der antwortet persönlich, ohne eine Sekretärin oder eine PR-Abteilung. Meist waren seine Antworten knapp, manche davon sehr kryptisch. Man kann aber  heute noch sehr gut die Entwicklung von OS X, iCloud und iTunes anhand dieser Korrespondenz verfolgen.
 
15.04.2010 „Menschen, die Pornos wollen, sollen ein Android kaufen“. Dies war Jobs Antwort auf eine eher philosophische Anfrage, in der gefragt wurde, warum Apple die Apps so streng filtert und nicht die Kontrolle den Nutzern selbst überlässt. Konkret ging es damals um eine politische Satire von Michael Fiore, die im iTunes Store abgelehnt wurde. Die Diskussion 2010 kreiste um die Begriffe „goldener Käfig“ (iOS) und „freie Plattform“ (Android). Mittlerweile kann man dem verstorbenen Apple CEO recht geben: Bis jetzt gibt es keine nennenswerte Schadsoftware fürs iPhone oder iPad, hin und wieder passieren den Prüfer des iTunes Stores ärgerliche Ausrutscher, die Scam-Apps zulassen. Während dessen entwickelte sich Android zu einem beliebten Angriffsziel für Schädlinge aller Art. Der Antivirus-Hersteller Kaspersky entdeckte zwischen April und Juni 2012 rund 14.900 neue Android-Viren .
 
23.04.2010 Ein Nutzer namens Fernando Valente fragt, ob es für Mac-Software einen Store ähnlich des iTunes Store und des App Store für iPhone und iPad geben werde. Jobs fasst sich kurz: „Nope“. Mittlerweile betreibt Apple eine solche Software-Verkaufsplattform auch für den Mac. Der Mac App Store wurde mit OS X Lion im Oktober 2010 auf dem Event „Back to the Mac“ vorgestellt. Noch ist die Zahl der Downloads oder Apps noch nicht annähernd so hoch wie im iTunes Store. Zu unterschiedlich bleibt die Motivation für die App-Entwickler: Während beim iPhone die Entwickler Apple zu der Entscheidung für den App Store regelrecht gedrängt haben, wollen viele Software-Hersteller für den Desktop-Mac ihre Programme nicht als Apps bezeichnen lassen. Obwohl Apple mit dem Mac App Store nicht so viel verdient wie beim Vertrieb von mobilen Apps, spart die Firma mit der Neuerung bei den Produktionskosten. Da die aktuellen Betriebssysteme über den Mac App Store als Download verfügbar sind, werden die optischen Träger (siehe das neueste Modell des Macbook Air) langsam obsolet.
 
10.05.2010 Kurz nach dem Verkaufsstart des Ur-iPads haben die Nutzer bemerkt, dass beim neuen Tablet eine wichtige Funktion fehlt: das Drucken. In einer Antwort-Mail auf die Anfrage hat Steve Jobs versprochen, dass die Funktion bald implementiert wird. Seit iOS 4.2 wurde dieses Versprechen verwirklicht .
 
23.06.2010 „Wird eine drahtlose Synchronisation mit iPhone möglich?“ – „Ja, eines Tages“. Das Versprechen hat Apple erst am Tag vor Steve Jobs Tod eingehalten: iOS 5 brachte die drahtlose Synchronisation mit iTunes auf dem Desktop und über iCloud. Vorgestellt hatte Steve Jobs die Funktion noch selbst bei seinem letzten öffentlichen Auftritt auf der WWDC 2012. Zum Download freigegeben hat Apple iOS 5 am 4.10.2011 zusammen mit der Vorstellung des iPhone 4S, Steve Jobs ist einen Tag später gestorben.
 
01.07.2010, 26.07.2010 „Antennagate“ ist sicherlich nicht die glorreichste Stunde der Apple-Ingenieure. Mit dem neuen Formfaktor des iPhone 4 haben die Käufer der ersten Stunde bemerkt, dass die Telefonverbindung in manchen Fällen ohne Gründe abgebrochen wurde. Da solche Erscheinungen bei mehreren Mobilfunk-Anbieter auftraten, haben viele gemutmaßt, dass daran die neue Antenne schuld war. Anders als beim iPhone 3GS war beim iPhone 4 die Antenne im Aluminiumrahmen verbaut. Ein ungeschickter Griff (seitdem auch Todesgriff genannt) und die Verbindung brach ab, weil der Nutzer mit der Hand eine Lücke zwischen zwei Antennen abdeckte und so die Sendequalität der beiden beeinflusste. Steve Jobs leugnete das Problem sowohl in seinen E-Mails als auch auf der Pressekonferenz vom 16.07.2010, die extra dem Thema „Antennagate“ gewidmet wurde. Steve Jobs hat dafür seinen Urlaub in Griechenland abgebrochen und zurück nach Cupertino geflogen, was auf die Dringlichkeit des Problems hindeutet. Nach außen hat Jobs stets den Eindruck bewahrt, als ob es gar kein Problem gab, wie es in einer Mail an einen Nutzer heißt: „Es gibt kein Empfangsproblem. Bleib dran“.
 
24.10.2010 „Die drahtlose Videoübertragung vom iPhone 4 kommt in der Zukunft“ – so hat Jobs einem Leser auf die Frage zu dieser Funktion versprochen. Darauf mussten die Nutzer nicht einmal ein Monat warten – bereits am 22. November 2010 kam iOS 4.2 heraus. Unter den Neuerungen war Airplay – damit konnte man Videos und Musik aus der eigenen Sammlung aufs Apple TV und somit auf den Fernsehen zu Hause streamen.
 
20.10.2010 „Bluray gegen Internet-Downloads“. In diesem Kampf sah Jobs nur einen Gewinner. Als 2010 die Bluray-Speichermedien nach und nach den Massenmarkt eroberten, fehlte die Unterstützung in Apples Geräten komplett. Auf die Anfrage eines Lesers zu dem Thema antwortete Jobs, er rechne damit, dass das Speichern von Medien auf der eigenen Festplatte bald von frei verfügbaren oder ausleihbaren Songs und Filmen aus dem Internet abgelöst werde. Genau an dem Tag hat Apple gezeigt, wie die Zukunft aussieht. Das Event „Back to the Mac“ wurde live aus Cupertino gestreamt, so dass zum ersten Mal nicht nur die Presse sondern auch alle Interessierten mit dabei sein konnten. Mit verbilligten SSD-Festplatten und Systemupdates direkt aus dem Mac App Store ist es zwei Jahre danach möglich, dass Rechner wie das Macbook Air ohne externe Speichermedien auskommen.
 
07.11.2010 „Mobile Me wird nächstes Jahr deutlich besser“. Auf die Beschwerden eines Nutzers hatte Steve Jobs versichert, der Web-Dienst würde überarbeitet. Die Antwort war damals ziemlich kryptisch, mittlerweile ist der Nachfolger von Mobile Me – iCloud – ausgereift und verursacht deutlich weniger Kopfschmerzen als sein Vorgänger.
 
 
24.04.2010 „Life is fragile“. Am 20. April wurde in Kalifornien ein neues Gesetz für die Unterstützung der Organspende verabschiedet. Die Idee für das Gesetz lieferte Steve Jobs selbst, nachdem er sich 2009 einer Lebertransplantation unterziehen musste. Auf der Einführungsveranstaltung dazu hat er neben dem damaligen Gouverneur Arnold Schwarznegger eine Rede gehalten. Als Reaktion auf diese Rede hat ihm ein Leser namens „James“ eine Nachricht geschickt. Seine Freundin war an Leberkrebs gestorben und James wollte sich mit der Mail für Jobs Engagement bedanken. „Das Leben ist zerbrechlich“ – Damit hatte Steve Jobs nicht nur Leben im Allgemeinen sondern auch sein eigenes gemeint. Noch war sein Gesundheitszustand nicht so dramatisch wie im Januar 2011, als er zum zweiten Mal aus gesundheitlichen Gründen in Zwangsurlaub ging. Dass er bald sterben musste, war ihm aber wohl früher bewusst. Zum Jahreswechsel von 2009 auf 2010  fand sein erstes längeres Gespräch mit Walter Isaacson statt, der seine Jobs-Biographie erst posthum veröffentlichen konnte. In der Biographie kamen Ereignisse ans Licht, die Steve Jobs menschlichen Seite charakterisierten. Nicht immer waren seine Entscheidungen richtig oder von großer Menschenliebe geprägt. Doch er zeigte auch menschliche Größe: In den letzten Monaten galten seine Gedanken nicht dem eigenen Tod, sondern der Familie und der Firma, die er erschaffen, gerettet und zum großen Erfolg geführt hat.

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