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Totgesagtes Mac-OS 9 ist noch sehr lebendig

16.12.2002 | 11:26 Uhr |

Bis Mitte des Jahres werden Publisher und Bildungsinstitutionen Macs kaufen können, die in Mac-OS 9 booten.

Ausgerechnet Quark hatte es als Erster ausgeplaudert: Auch nach Anfang 2003 wird Apple Macs ausliefern, die in Mac-OS 9 booten. Vielleicht auch um sie von einem Wechsel auf Indesign abzuhalten, hat Quark seine Großkunden telefonisch informiert, es werde auch weiterhin Power Macs geben, die in Mac-OS 9 booten.

Noch im September hatte Apples CEO Steve Jobs in seiner Keynote zur Apple Expo in Paris angekündigt: "Ab sofort ist es für Apple und unsere Third-Party-Entwickler an der Zeit, unsere Ressourcen ausschließlich auf Mac-OS X zu konzentrieren und diese nicht auf zwei unterschiedliche Betriebssysteme zu verteilen." Ab Januar würden neue Rechner nicht mehr in Mac-OS 9 hochfahren.

Unseren Kollegen von Maccentral hat Apple jetzt bestätigt, dass bis Mitte 2003 noch einige Rechner im Angebot bleiben, die in Mac-OS 9 booten. Damit haben sich jüngste Spekulationen, dass der Mac-Hersteller seinen Kunden im Bildungsbereich und im professionellen Publishing entgegen kommen wird, die noch auf "klassische" Software angewiesen sind, als wahr erwiesen.
Mehr als 80 Prozent der Publisher würden Apple zufolge Mac-OS X mittlerweile bevorzugen. Um Rechnung zu tragen, dass Quark Xpress nicht vor Mitte 2003 für Mac-OS X vorliegen wird, plant Apple, bis Juni 2003 einen Power Mac mit zwei 1,25-GHz-G4-Prozessoren im Angebot zu belassen, der mit dem klassischen System hochfährt.

Neben den Publishern, die oft auf Mac-OS 9-basierte Produktionsumgebung angewiesen sind, ist wahrscheinlich auch der umkämpfte Kernmarkt Bildung Grund für den Strategiewechsel Apples: Ähnlich wie im Publishing-Bereich sind die amerikanischen Bildungsinstitutionen auf Lehrprogrammen angewiesen, die teilweise nur unter Classic laufen. Selbst bei den Programmen, die für Mac-OS X aktualisiert wurden, stünden bei einem Wechsel wohl auch teure Updates aus. So sind die Updates auf Mac-OS X-Versionen oft kostenpflichtig, ein Hindernis für sparsame Schulen. Noch entschieden sich Education-Kunden zu 50 Prozent für Mac-OS X als reguläres Betriebssystem, der Anteil werde laut Apple bis April auf 75 Prozent steigen, um die Wünsche der restlichen 25 Prozent zu befriedigen, werde Cupertino aber nun doch einige eMac- iBook- und CRT-iMac-Modelle bootfähig unter Mac-OS 9 ausliefern.

Für viele Anwender aus dem Publishingbereich ist diese Entscheidung sicher eine Erleichterung, auch wenn die Auswahl des teuersten Dual-Macs als Mac-OS 9-Umgebung die Freude etwas trüben wird. Für viele Layouter würde schließlich das 867-Mhz-Modell ausreichen. Wie wichtig für viele Power-Mac-Käufer Mac-OS 9 ist, hatte auch die Lüfter-Problematik der Dual-Rechner gezeigt. Unter Mac-OS 9 neigen die Lüfter des bereits relativ lauten Powermacs zu zusätzlichen starken Lautstärkeschwankungen, ein Problem, das unter Mac-OS X nicht auftritt. Die Flut der Entrüstungen und Beschwerden zeigt jedenfalls, daß viele Anwender zwar Mac-OS X nutzen, aber eben doch nicht ohne das klassische Mac-OS auskommen. In einer angespannten Marktsituation kann es sich aber Apple offenbar nicht mehr leisten, seine Kunden zu Mac-OS X zu "überreden".

Für Softwareentwickler bedeutet diese Entscheidung jedoch einen Rückschritt. Schließlich sinkt durch die neue Entscheidung Apples für viele Firme die Notwendigkeit eines schnellen Umstiegs auf Mac-OS X. Auch bei Microsoft wird es wenig Freude geben, hatte doch unlängst Kevin Browne, damals noch Chef der Mac-Unit von Microsoft, Apple stark attackiert: Der Umstig auf Mac-OS X würde viel zu lange dauern. Microsoft hatte zwar relativ schnell seine Mac-OS X-Version von Office auf den Markt gebracht, die Umsätze waren jedoch bisher hinter den Erwartungen zurück geblieben.

Stephan Wiesend

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