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Twittern im Beruf

30.06.2009 | 11:55 Uhr |

Twitter ist für viele Nutzer zum alltäglichen Kommunikations- und Informationsmedium geworden. Doch gerade in Unternehmen sollten sich Angestellte und Führungskräfte auf feste Regeln einigen.

Ein Mann lästerte während eines Vortrages über sein Unternehmen - und war noch vor Ende der Rede seinen Job los. "Die Zuhörer hatten getwittert und das Unternehmen die Einträge gelesen", erzählt Torsten Schwarz, Marketingfachmann im Online-Bereich. Passiert ist die Geschichte in den USA. "Aber auch in Deutschland wird bei Vorträgen viel getwittert." Lange Zeit habe man bei derlei Reden auch mal lax formulieren dürfen. "Jetzt müssen sie überall genau aufpassen, was sie sagen." Es gebe bereits Konferenzen, wo explizit unterschrieben werden müsse, dass man nicht twittern wird. Denn zumindest einige der Millionen 140 Zeichen langen Kurzbotschaften bergen riskanten Zündstoff.

"In Deutschland hat es noch keinen prominenten Rausschmiss wegen Twitter gegeben. Aber das ist nur eine Frage der Zeit", sagt Social- Media-Fachfrau Nicole Simon, die ein Buch über das Phänomen Twitter geschrieben hat. Arbeitnehmer stünden mit den Möglichkeiten des Web 2.0 viel mehr in der Öffentlichkeit. In der Schweiz habe eine Mitarbeiterin beispielsweise ihren Facebook-Eintrag überarbeitet - nachdem sie sich bei ihrem Arbeitgeber wegen Migräne krankgemeldet hatte. In einem anderen Fall habe ein Bewerber nach dem Vorstellungsgespräch via Twitter über den potenziellen Arbeitgeber gelästert. In beiden Fällen bekamen die Firmen die Untaten mit. "So was ist unschlau", sagt Simon. Viele Leute dächten aber einfach gar nicht daran, dass ihr "Gezwitscher" nicht nur von Freunden und Verwandten gelesen wird.

Vertrauliche Informationen besser nicht ausplaudern

Gefährlich ist das nicht nur für Angestellte, sondern auch für die Unternehmen selbst - wenn in den Kurznachrichten arglos Interna verraten werden oder über Kunden und Konkurrenz hergezogen wird. "Wenn da etwas Schlimmes oder Spannendes ist, verbreitet sich das explosionsartig", erklärt Simon. Die Wahrscheinlichkeit für so ein "Leck" sei viel höher als bisher bei Blogs, da mit Twitter etliche Menschen ins Mitmach-Web einstiegen, die davon zuvor gar nichts wissen wollten. "Twitter senkt die Hemmschwelle, es ist ganz einfach und macht Spaß. Die Deutschen haben Blogs verschmäht, aber sie verschmähen Twitter nicht."

Umso unverständlicher sei es, dass es bei den meisten Unternehmen derzeit weder Schulungen zum Thema noch spezielle Handlungsrichtlinien gebe. "Das wird zu Skandalen führen. Das ist, mit Ansage gegen die Wand zu laufen", kritisiert Simon.

Twitter sei vom Konzept her einfach eine "Schwätz-Maschine", sagt Schwarz. Das berge Risiken, aber auch Chancen für Unternehmen - etwa beim Marketing. Mit Twitter gebe es eine einzelne große Datenbank, in der man nach Einschätzungen von Firmen und Produkten suchen könne oder eben auch die eigene Meinung kundtun. "Bisher konnten Unternehmen mit massiver Werbung ein positives Bild erzeugen. Jetzt ist aber jede Werbebotschaft absolut transparent", erläutert Schwarz. "Gute Qualität spricht sich schneller rum - schlechte natürlich auch."

Schmerzhafter Lernprozess

Die Unternehmen lernten derzeit "mehr oder weniger schmerzhaft", dass die Verbraucher sich nun effektiv öffentlich melden können, sagt Simon. Es werde bereits an Anwendungen getüftelt, mit denen sich regelmäßig die Unternehmen und Produkten auflisten lassen, die bei Twitter am häufigsten gelobt und kritisiert werden.

Schwarz rät: "Es sollte Pflichtprogramm sein, regelmäßig nach dem Namen des Unternehmens zu suchen und zumindest punktuell einzugreifen." Neben der Standardantwort auf Beschwerdebriefe sei nun auch die rasche Reaktion auf Twitter-Kommentare gefragt. "Das ist lockerer und effizienter. Aber natürlich nimmt auch die Zahl der Anfragen zu." Zudem gebe es immer das Risiko, die Kunden mit plumpen Floskeln und Werbeslogans noch mehr zu verschrecken. "Lügen haben kurze Beine, bei Twitter erst recht."

So manches Unternehmen mag es deshalb vorziehen, auf das riskante Gezwitscher vorerst ganz zu verzichten. Das aber ist nach Ansicht der Experten keine Option: "Twitter ist extrem schnell extrem groß geworden. Es geht nicht mehr darum, ob oder ob nicht. Sondern darum, wie man es effizient und sinnvoll macht." Skeptiker verweisen gern darauf, dass es noch gar nicht lange her sei, dass die Online-Welt "Second Life" auf ähnliche Weise als "Muss für Unternehmen" gepriesen wurde. Viele Firmen steckten Unsummen in die Plattform - die dann nie so bedeutsam wurde wie angekündigt. "Twitter ist eine ganz andere Nummer. Ich würde es als Revolution bezeichnen", betont Schwarz. (dpa)

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