Von Nikolaus Netzer - 05.07.2012, 14:38

Typo 2012

Typo 2012: Typografie wird sozial

©Nikolaus Netzer

Unter dem Motto „Sustain“ verordnen sich Designer und Typografen auf der diesjährigen Typo in Berlin ökologisches Bewusstsein und Nachhaltigkeit. Für neue Eindrücke sorgten Werke wie der hier abgebildete „Comedy Carpet“
Die jährlich stattfindende Typo Konferenz in Berlin ist der Branchentreff und setzt die Themen der nächsten Monate. Unter dem Label International Design Talks pflanzt sie sich nach London und San Francisco fort, regelmäßige Typo Days erweitern das Angebot.


Soziale und ökologische Erkenntnisse


Als Gründer des Club of Marrakesh versammelt Bernd Kolb Impulsgeber, um neue Strategien zur Bewältigung der Herausforderungen der Menschheit zu entwickeln. Als Keynote-Sprecher der Typo appellierte er eindringlich an die Anwesenden, die Chancen zu nutzen, die sich aus neuem Denken und Handeln ergeben. Mit seinem Ideen-Pool ergründet er Ursachen von Krisen und sucht Konzepte zu deren Bewältigung.
Als Öko-Designerin bezeichnet sich Petz Scholtus. In ihrem Referat präsentiert sie 100 Bilder mit Konzepten zu gutem Design. Ihrer Auffassung nach ist Design, das nicht nachhaltig ist, kein gutes Design. Wie sie die Nachhaltigkeit von Produkten einschätzt, sorgte für Überraschung, etwa beim Vergleich des Geländewagens „Hummer “ mit einem „Toyota Prius“ mit Hybridantrieb. In ihrer Öko-Bilanz schneidet der Hummer weit besser ab, denn komplexe Batterien und verwendete Chemikalien bei der Herstellung des Toyota Prius sorgen für eine negative Bilanz. Auch der Pappbecher schneidet bei Petz Scholtus im Vergleich mit einer keramischen Tasse gar nicht so schlecht ab. Erst ab 71 Nutzungszyklen kann die keramische Tasse punkten. Die Frage beim Einweg-T-Shirt oder mehrfach gewaschenen entscheidet das Einweg-T-Shirt für sich. Am besten schneiden „no-wash-Jeans“ ab, die durch mehrtägige Aufbewahrung im Kühlschrank wieder benutzbar werden. Wer möchte, kann seinen „Carbon Footprint“, seine individuelle Abgabe von Treibhausgasen auf myfootprint.org selbst messen.
Der Vortrag von Elliot Jay Stocks über Webfonts war ein Leckerbissen für Code-verliebte Webdesigner. Traditionell bieten Dokumente im Internet nicht die Flexibilität und Kontrolle traditioneller Medien. Mit der Verwendung von CSS in Kombination mit Webtype ergeben sich fast die gleichen typografischen Darstellungsmöglichkeiten. Fonts lassen sich mit Texturen versehen, mit Schatten kombinieren und in ihrer Größe transformieren. Dazu ist allerdings der Einsatz spezieller Javascripte nötig. Ein spannendes Plug-in ist Lettering.js. Dieses Plug-in ermöglicht weitergehende Kontrolle und ist unter letteringjs.com zu laden. Mit dem Plug-in fittext.js sind fließende Anpassungen des Textes an das Browserfenster möglich. Texte lassen sich dynamisch skalieren. Endlich unterstützen Browser auch Open Type Optionen wie die Darstellung von Ligaturen. Allerdings muss jeder, der diese Funktion einsetzt, damit rechnen, dass abhängig vom Betriebssystem die Darstellung unterschiedlich ausfällt. Opentype Funktionalität lässt sich mit dem tollen Online-Werkzeug Typecast testen, das als Betaversion unter typecastapp.com zu finden ist.


Asiatische Besonderheiten beim Textsatz

Geht es nach Susanne Zippel, sollten wir schleunigst chinesische Vokabeln pauken. Sie berät Kunden, die asiatisch kommunizieren wollen. Dabei kritisiert Sie, dass wir alles, was außerhalb unseres romanischen Zeichensystems liegt als „fremde Schriften“ klassifizieren. Die Typografie kennt keine Fremdsprachen und auch keine fremden Schriften. Kulturen, Sprachen und ihre Verschriftung wachsen zusammen. Für viele Designer gehört mehrsprachiger Satz inzwischen zum Alltag. Es entsteht eine Schriftsystemmischung mit neuen Problemen und Aufgaben für Schriftsetzer. China ist Exportpartner Nummer eins für Deutschland. In Schweden wird chinesisch in den nächsten Jahren als zweite Fremdsprache eingeführt. Setzer müssen beachten, dass die Zeichen sich immer den gleichen Raum teilen. Sie stehen immer im Quadrat auch proportional in der Schrifthöhe. Chinesisch ist sozusagen eine Monospaced-Schrift. Genaueres liest man im Buch Fachchinesisch Typografie, erschienen im Verlag Hermann Schmidt, Mainz.

Grundsätze für nachhaltiges Design

Petz Scholtus setzt ihre eigenen Maßstäbe und bietet zur Beurteilung von gutem, also nachhaltigem Design sechs Kriterien

  1. Gutes Design verwendet so wenig Material wie nötig. Ein Beispiel ist der Ecofont, der durch Punktraster innerhalb der Druckfläche etwa 20 % weniger Tinte verbraucht. Ein anderes ressourcenschonendes Material ist Terraskin, ein Papier, das aus Stein hergestellt wird.
  2. Ein weiterer Aspekt ist, dass gutes Design zyklisch ist. Beim Downcycling wird aus einem besseren Produkt ein schlechteres. Ziel muss daher sein, ein Upcycling hinzubekommen, wie bei der Verwendung von Kunststoffflaschen, die zu Fleece-Jacken recycelt werden.
  3. Gutes Design verbraucht weniger Rohstoffe.
  4. Gutes Design erleichtert Reparaturen. Dazu gibt es das Repair Manifesto. Zu finden bei ifixit.com, das darauf hinweist, lieber eine Reparatur durchzuführen, als neu zu kaufen.
  5. Gutes Design ist teilbar, wie ein gemeinsam genutztes Fahrzeug.
  6. Gutes Design teilt seine Funktion dem Nutzer eindeutig mit.
Über den Einsatz von horizontalem und vertikalem Satz in japanischen Texten referierte Shoko Mugikura im Vortrag „Vertikal-Horizontal“. Von Jan Ticholds Meisterbuch der Schrift von der Schönheit europäischer Typografie inspiriert, machte sich Mugikura an die Aufarbeitung japanischer Zeichen. Bis zum 15. Jahrhundert gab es kein explizites japanisches Schriftsystem. Also importierte man chinesische Schriftzeichen und entwickelte Buchstaben daraus. Eine weitere Besonderheit: Japanisch kann sowohl vertikal als auch horizontal laufen. Die vertikale Anordnung gilt als klassische Anordnung und gibt Texten einen besonders intellektuellen Ausdruck. Auch im Package-Design ist vertikal typisch – allerdings nur, weil sich der im Vergleich zur horizontalen Ausrichtung so viel größer darstellen lässt. Bei Buchrücken, Manga-Comics, E-Books oder Inhalten für die Darstellung auf Touchscreens wird vertikal gesetzt. Horizontaler Satz findet sich in allen Kommunikationsmitteln, die international zum Einsatz kommen. Dazu gehören Geschäftsunterlagen, Anleitungen oder auch Schulbücher oder Displays im öffentlichen Bereich, Internet-Seiten oder Texte, die mit lateinischen Buchstaben gemischt sind.
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