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Typo Berlin 2013

21.05.2013 | 11:26 Uhr |

Unter dem Motto „Touch“ haben Typografen, Designer und Künstler in Berlin Berührungspunkte zwischen Gestaltern und Publikum ausgelotet.

Die Messe Typo Berlin ist nun Teil der Veranstaltungsreihe „International Design Talks“, die in regelmäßigen Abständen an den drei Standorten Berlin, London und San Francisco stattfindet. Flankiert wird die Veranstaltung von zahlreichen kleineren Events wie dem „Typo Stammtisch“. Besonderes Highlight der diesjährigen Typo sind die Design Specials Russland und Polen, die sich mit Schwerpunkt auf osteuropäisches Design fokussieren.

Kommunikation durch Berührung

Keynote-Sprecher Ken Garland , der sich 1962 mit dem Grafikatelier Garland und Associates selbständig machte, nimmt die Typo-Besucher auf eine Entdeckungsreise mit, auf der er alle Formen der zwischenmenschlichen Berührung thematisiert. Die verblüffende Erkenntnis, dass Gegenstände, um sie zu beurteilen, berührt werden müssen, beweist er anhand von Objekten, die aus der Ferne mal scheinbar wertlos, schwer oder leicht aussehen und erst bei der Berührung, dem „Touch“ ihre wahren Eigenschaften offenbaren. Was die Interaktion Mensch und Maschine angeht, beschreiten Nancy Birkhölzer und Reto Wettach experimentelle Wege, um die Möglichkeiten dieser Schnittstelle auszuloten. Denn sind Touch-Displays schon das Ende der Entwicklung der Mensch-Maschine-Schnittstelle? Sie präsentieren eine Reihe von Prototypen, deren Schnittstellen Interaktionsmuster bestehender Gegenstände neu interpretieren. Dazu gehören ein Kreditkarten-Lesegerät, das über die Menge des abzubuchenden Geldes eine physische Rückmeldung gibt, oder Lautsprecher, deren Lautstärke über einen Korken geregelt wird. Für Fernbeziehungen interessant ist ein Lampenpaar, das über das Internet dem entfernten Partner mitteilt, wann das Licht beim Gegenpart ein- oder ausgeschaltet ist.

Im Rahmen des Russland-Polen-Specials erfahren die Typo-Besucher von Designern wie Mitya Karshak und Peter Bankov wie in Russland Magazine gestaltet und Poster entworfen werden und welche typografischen Besonderheiten Satzarbeiten in kyrillischen Zeichen mit sich bringen.

Sofortbildfilm lebt wieder auf

Für Liebhaber der Sofortbildfotografie dokumentiert der Enthusiast Florian Kaps mit seinem Beitrag über „das unmögliche Sofortbild“, die spannende Geschichte der Schließung der letzten Sofortbildfilmfabrik von Polaroid. Ihm ist es gelungen, die letzte Charge der Sofortbildproduktion aufzukaufen und gemeinsam mit den Technikern an neuen Mixturen zu experimentieren, die dem Sofortbildfilm eine neue Daseinsberechtigung verschaffen. Da es niemand für möglich gehalten hatte, dass es ihm gelingt in Eigenregie die Produktion wieder in Gang zu bringen, firmiert das Projekt als „ the Impossible project “. Ein vorgeführter Prototyp ist eine Konstruktion, mit der sich auf dem iPhone dargestellte Bilder direkt auf Sofortbildfilm belichten lassen, da das Display über ausreichende Leuchtkraft verfügt.

Martina Flor und Giuseppe Salerno betreiben die Internetseite „ Lettering vs. Calligraphy “. Dort stellen sie sich selbstgewählte Themen und versuchen diese – jeder auf seine Art – gestalterisch zu lösen. Die Besucher der Seite wählen per Mehrheitsentscheid ihren Favoriten. Zuschauer des Wettbewerbs wählen mit farbigen Karten die schönste Gestaltung eines Buchstabens live. Als einer der innovativsten Typografen und Designer unserer Zeit gilt der Brite Neville Brody. Seit Jahrzehnten ist er bedeutender Impulsgeber der Branche und kann immer wieder begeistern. Den Besuchern der Typo zeigt er aktuelle Arbeiten und stellt sie in Relation zu Themen vergangener Dekaden. Dazu gehören das Redesign der ehrwürdigen „The Times“ oder die Neugestaltung der BBC Internetseite mit tausenden Microsites. Anschließend nimmt er das Publikum auf eine spannende Zeitreise durch die Typografie mit, um die nächste Ebene der Gestaltung zu dokumentieren.

Interaktion durch Berührung

Die für das SPD-Kompetenzteam („Schattenkabinett“) ausgewählte Designforscherin Gesche Joost leitet das Design Research Lab an der Universität der Künste in Berlin. Die dort entstehenden Objekte und Prototypen einer vernetzten Gesellschaft sollen die Schnittstelle Mensch-Maschine durch innovative Formen der Interaktion erweitern. Dazu gehören technische Gewebe, die mittels eingebauter Sensoren Notrufe absetzen oder drahtlose Kommunikation ermöglichen. Mobilgeräte wie Telefone oder Tablet-Computer können durch Form-, Volumen- oder Schwerpunktänderung dem Benutzer Informationen übermitteln. Beispielsweise könnte ein Navigationsprogramm dem Benutzer über die Gewichtsverlagerung innerhalb des Gerätes die Richtung anzeigen, in die er gehen soll, um ein Ziel zu erreichen. Kontrovers aber handwerklich atemberaubend die Performance von Michael Johnson , der eine musikalische Reise durch die Epochen in Verbindung von Gitarren und Grafik dokumentiert. Angefangen bei Bluesgitarristen der dreißiger Jahre spannt er den Bogen über Rock‘n Roll, Rock, Pop und Punk bis zu den säuselnden Retro-Sounds aktueller Pop-Alben. Dabei spielt er live zu den dargestellten Plattencovern und Plakaten die Originalmelodien der Künstler auf seinen Gitarren. Die Präsentation steuere er virtuos per Fußpedal. Den Abschluss der diesjährigen Typo bildet der Vortrag von Jessica Walsh. Sie präsentiert aktuelle Arbeiten von „ Sagmeister & Walsh “, bei denen das Spiel ein Aspekt der visuellen Kommunikation ist.

Events und Workshops ergänzen die Vorträge und Performances. Ein fester Bestandteil der Typo sind die Kalligraphie Workshops von Andreas Frohloff. Wer einen Termin zum T-Shirt Druck-Workshop ergattert, darf mit etwas Glück sogar gemeinsam mit Erik Spiekerman Worte oder Buchstabenkollagen auf ein Textil drucken. Und eine Abschlussfeier wie die zur Typo, bei der Design-Stars wie Neville Brody und Michael Johnson höchstpersönlich anwesend sind – das gibt es wirklich nur in Berlin.

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