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Über den Dächern von San Jose

15.05.2000 | 00:00 Uhr |

Für eine Woche befindet sich das Redaktionsbüro der Macwelt nun im
20sten Stock des Fairmont Hotel in San Jose, Kalifornien. Höher
residiert hier keiner, selbst Adobe bringt es vielleicht gerade mal
auf 15 Stockwerke. Während wir schräg links auf die Adobe-Bauten
herabblicken, geht schräg rechts der Blick weit über das Silicon
Valley in die Berge, und bei gutem Wetter könnten wir wohl das
ständige US-Büro der Macwelt in Morgan Hill sehen. Aber das Wetter
macht einen Strich durch die Rechnung: Es regnet und temperaturmäßig
dürften wir hier in etwa mit Helsinki konkurrieren, obwohl, da soll
es im Sommer ja durchaus warm sein.
Unter uns, am San Jose Convention Center, wo die weltweite
Entwicklerkonferenz von Apple stattfindet, geht es derweil ruhig zu.
Es werden wohl erst einige Hundert Entwickler sein, die hier etwas
planlos durch die Straßen streifen - meist übermüdete Europäer, die
wie wir einen Tag früher angereist sind. Um die Apple-Nerdies
auszumachen, bedürfte es eigentlich nicht der etwas
überdimensionierten Konferenzumhängetasche mit Apfel- (in allen
Farben) und WWDC-2000-Logo - die bebrillten Bleichgesichter sind in
der spanisch dominierten Stadt leicht als Mitglieder der
Apple-Entwicklergemeinde zu erkennen.

Selbst vor dem Konferenzzentrum selbst keinerlei Spur von großen
Dingen, die sich hier ereignen könnten. Keine Übertragungswagen mit
Satelitenschüsseln auf dem Dach, kein Polizeiaufgebot, wie es auf
jeder durchschnittlichen Macworld Expo der Fall ist. Selbst die
übersimensionalen Apple-Plakate suchen wir vergeblich - eine
Entwicklerkonferenz tickt halt doch etwas anders.

Erst im Konferenzzentrum ein Spur von Apple: Ein riesiges blaues
Lutschbonbon-X auf weißem Grund - und das war es auch schon wieder.
Dazu eine Schar hilfsbereiter guter Geister, die alle etwas
gelangweilt aussehen, oder sind sie nur müde? Ronda, die mit einem
fünfköpfigen Team darüber wacht, dass alle internationalen Entwickler
heil an- und auch in die Hallen reinkommen, erklärt uns den Grund:
"Erst wachen die Japaner auf, dann die Koreaner, anschließend die
Inder, dann die Europäer und wenn es hier hell ist, können wir
endlich schlafen gehen". Und das geht seit rund 5 Wochen so. Sie
hilft uns natürlich trotzdem weiter.

Während sie sich mit uns unterhält, kommt ein weiterer
Entwicklungsbetreuer hinzu, ganz offensichtlich einer, der was zu
sagen hat, und wo wir schon so beieinander stehen, besinnen wir uns
auf unseren Auftrag: "Wieviele Entwickler sind denn so hier?". Das
ganze kommt ganz ungezwungen über unsere Lippen. Er zögert. "Uh, das
wird Steve morgen auf der Keynote sagen". Wir wollen es nicht
glauben. "Ah, noch so ein Apple-Geheimnis". Wir reizen ihn. "Na ja,
man kann das nicht so genau sagen. Schließlich, wer zählt alles dazu?
Die Redner? Die Apple-Angestellten?" Kaum sind wir angekommen, schon
haben wir mit unserer Frage ein Politikum angesprochen. Eine Frage,
und schon weicht einer aus. Wir warten. Er windet sich. Schließlich:
"Mehr als 2000, weniger als 10000." Und dann Abgang. Mist, er hat
wohl was gemerkt. In Zeiten des großen Steve muss man aufpassen, was
man sagt. Never talk to a stranger. Und uns hat niemand das Wort
"Journalist" auf die Stirn tätowiert. Oder? Wir nehmen uns vor, das
später im Badezimmerspiegel nachzuprüfen. Da haben wir zu Zeiten
Erich Honneckers schon offenere Gespräche geführt mit den "Ossies" -
und damals waren die ja noch welche. Wie lange ist das her?

Immerhin bekommen wir unsere Unterlagen und schauen sie natürlich
gleich nach inkriminierenden Einzelheiten durch. Und tatsächlich -
ein Vortrag über Multiprocessing verspricht "...improve your
product's performance on MacOS - on single processors today and
multiprocessors in the future". Multiprozessorsysteme, davon war bei
Apple bislang offiziell nicht die Rede gewesen. Also ab ins Büro,
noch mal einen Blick übers Valley, und die erste Neuigkeit: "Apple bestätigt Multiprozessorsysteme" .

Na, das lässt doch auf die Keynote hoffen. Und bis dahin quälen wir
die guten Geister von Apple auch nicht weiter, versprochen.

Sebastian Hirsch

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