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Umsonst, legal und mit Reklame - die schöne neue Welt digitaler Musik

28.01.2008 | 13:15 Uhr |

Alles «umsonst»: Das Unwort der vergangenen Jahre lässt jetzt die Augen vieler gebeutelter Musikmanager glänzen. Beklagten sie jahrelang die Kostenlos-Mentalität der jungen Leute, die für ihre geliebte Musik keinen Cent ausgeben wollen, weil sie sie gratis in illegalen Tauschbörsen bekommen, so wollen sie sich nun diese Mentalität zunutze machen.

Der neue Branchenhit heißt «werbefinanzierte Musik». Der Fan bekommt seine Musikdatei gratis, muss sich dafür aber Werbung aussetzen - in Form von Webbannern, Sponsoring, Videos oder auch Audio-Reklamespots. Die Idee ist nicht ganz neu, doch auf der internationalen Musikmesse Midem in Cannes bekam sie am Wochenende einen großen Schub.

Qtrax heißt das neue Angebot, das als Sponsor der Konferenz Midemnet Forum groß auftrat: Riesige Werbebanner hängen im Messe-Kongresszentrum Palais des Festivals ebenso wie in der Mittelmeerstadt, tausende Werbezettel liegen, hängen, kleben überall, an drei Abenden spielen James Blunt, LL Cool J und Don Henley auf Rechnung der US-Firma intime Clubkonzerte. Die «erste legale Musiktauschbörse», wie sich Qtrax selbst nennt, verspricht viel: Zum Start an diesem Montag in Nordamerika, Deutschland und sechs anderen Ländern Europas sollen über 25 Millionen Songs online sein - zum kostenlosen Download. Alle Major Labels und viele unabhängige Plattenfirmen haben dafür ihre Musik von Stars wie Alicia Keys lizenziert. Je mehr ein Song gespielt wird, desto mehr Geld soll an den Künstler fließen - über die Reklame auf www.qtrax.com. «Diese Werbung wird aber nicht nervend oder bedrängend sein, sondern normal in Form von Bannern oder Sponsoring daher kommen», sagt Qtrax-Chef Allan Klepfisz. Noch kann die Musik nur auf dem Computer abgespielt werden, in den nächsten Monaten aber auch auf mobile Player wie Musikhandys oder Apples iPod übertragen werden. Doch hier ist der Haken für den Musikfan: Mindestens alle 30 Tage muss er sich mit seinem Abspielgerät bei Qtrax einloggen, sonst wird die Datei unbrauchbar; auf eine CD brennen kann man die Musik nicht. Also ist QTrax, ähnlich wie die werbefinanzierten Angebote Spiral Frog oder We7 von Musiker Peter Gabriel, kein Ersatz für Downloadshops wie Apples iTunes Store, sondern eher eine Zusatzoption für die Musikbranche, wenigstens etwas Geld aus dem Netz herauszuholen.

Ähnlich sieht das auch der britische Sänger James Blunt: «Eigentlich sollte man für Musik bezahlen und sie nicht umsonst bekommen. Ich hätte auch gern Süßigkeiten umsonst, aber ich muss dafür zahlen, so sehe ich es auch bei Musik. Aber in der schwierigen Situation der Musikindustrie muss man alles versuchen. Ich werde mir das anschauen und sehen, wohin der Weg führt.» Die bislang einzigen nennenwerten Geldquellen im digitalen Geschäft, die Downloadshops und der Verkauf von Musik über das Handynetz, werden somit wohl weiterhin existieren und auch wachsen. Im vergangenen Jahr legte der Handel mit digitaler Musik weltweit um 40 Prozent auf rund 2,9 Milliarden Dollar (knapp 2 Milliarden Euro) zu und macht jetzt 15 Prozent des Gesamtumsatzes der Plattenbranche aus, der in den vergangenen Jahren wegen der illegalen Umsonst-Angebote im Netz dramatisch gschrumpft ist. Allein in Deutschland ging der Umsatz seit dem Jahr 2000 um rund die Hälfte zurück; 2007 lag er schätzungsweise bei etwa 1,6 Milliarden Euro. Zeitgleich zur Qtrax-Präsentation in Cannes veröffentlichte am Sonntag der weltgrößte Online-Einzelhändler Amazon.com Pläne, mit seinem MP3-Downloadangebot noch in diesem Jahr über die USA hinaus zu expandieren. Ein Fahrplan und mögliche Länder, in denen Amazon demnächst Musik via Web verkaufen will, wurden nicht gennant. Amazon hat derzeit etwa 3,3 Millionen MP3-Songs ohne jeglichen Kopierschutz im Angebot, sie können somit praktisch auf allen Geräten abgespielt und beliebig oft auf CD kopiert werden. Daneben gibt es viele weitere Geschäftsmodelle, über die die Fachleute in Cannes in diesen Tagen diskutieren, so beispielsweise Abomodelle wie Napster, wo der Nutzer für eine monatliche Gebühr die gesamte Musik im Katalog hören und auf seinem Player abspielen kann. Doch selbst die gute alte CD wird noch lange Geld in die Kassen der Musikbranche spülen. Davon ist Jean-Bernard Lévy, Chef des Medienkonzerns Vivendi, zu dem auch der Plattenriese Universal Music gehört, überzeugt; «Die CD hat noch viele, viele Jahre vor sich. Eine Menge Menschen werden weiterhin ein Produkt kaufen wollen, das sie anfassen können», sagte er in Cannes. "Es wird in Zukunft viele verschiedene Kanäle und Formate geben, über die Musik läuft - darunter auch die CD." (dpa)

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