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"Verbraucher wollen keine Musikpiraten sein"

08.02.2007 | 16:15 Uhr |

Steve Jobs' "Gedanken zur Musik" - und zwar zur kopiergeschützten Musik im Besonderen - haben ein weltweites Echo ausgelöst. Selbst im Lager der Musikindustrie werden vereinzelt Stimmen laut, die den Kopierschutz abschaffen möchten. Die Lobby der US-Musikindustrie hingegen sieht das Technologie-Unternehmen Apple in der Pflicht, den iTunes- & iPod-Kopierschutz "FairPlay" an andere Anbieter zu lizenzieren

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Am liebsten würde Apple im iTunes Store ganz ohne Kopierschutz auskommen - warum das zur Zeit nicht machbar ist, hat Apple-Chef Steve Jobs in einem offenen Brief dargelegt. Am gegenwärtigen Status quo, der fehlenden Interoperabilität mit Playern anderer Hersteller, müsse sich etwas ändern, fordern europäische Verbraucherschützer und haben bereits rechtliche Schritte eingeleitet. Jobs führt viele Gründe dafür an, dass eine digitale Welt ohne Kopierschutz funktionieren kann - und Kollegen aus der Branche pflichten ihm bei. Die von Apple ungeliebte Alternative wäre die Lizenzierung von FairPlay an Dritthersteller. Dies fordert nun auch der Dachverband der US-amerikanischen Plattenindustrie, die Recording Industry Association of America (RIAA).  

RIAA: "Eine großartige Lösung: FairPlay an Dritte lizenzieren"

Es liegt in der Natur der Sache, dass derjenige, der den "schwarzen Peter" hat, ihn auch wieder loswerden will. Während drei der vier großen Labels vorerst in Sprachlosigkeit erstarren und allein die britische EMI Alternativen zum Digitalen Rechtemanagement (DRM) einräumt, findet die RIAA die Schwarzmalerei Apples unverständlich: FairPlay lasse sich lizensieren. "Wir haben keinen Zweifel, dass ein so hochentwickeltes Technologie-Unternehmen wie Apple hier eine Lösung für die Musik-Gemeinde finden kann", lässt die RIAA ihren ersten Vorsitzenden in einer Pressemitteilung verlautbaren. Denn: "Wir alle wollen, dass dieses Marksegment im Sinne der Musikfans funktioniert, die ihre Songs rechtmäßig erworben haben und nun auf unterschiedlichen Geräten abspielen wollen. Nur wie? Einen Weg hat Steve Jobs selbst aufgezeigt, das Lizenzieren des DRM an andere Unternehmen. Wir denken, das wäre eine großartige Lösung." Die EMI hat mit dem Vertrieb von digitaler Musik ohne Kopierschutz bereits Erfahrungen gesammelt, wenngleich in sehr bescheidenem Umfang. "Das Ergebnis und das Feedback waren sehr positiv", bestätigte Label-Sprecher Adam Grossberg und hat die Zukunft im Blick: "Wegen der fehlenden Interoperabilität werden die Bedenken bei den Kunden wachsen, wir suchen mit unseren Partnern nach einer Lösung." Die hiesige Plattenindustrie und der Chef des deutschen Phonoverbandes Michael Haentjes denkt noch langfristiger: "Die Frage, ob DRM für alle Zeit notwendig ist, muss sicher diskutiert werden." Jetzt jedoch sei erst einmal Cupertino am Zuge: "Apple versucht, seine Probleme mit dem eigenen Kopierschutz zum Problem der Musikindustrie zu machen."  

Analysten: "DRM funktioniert nicht - nicht für den Markt und nicht für den Kunden"

Für viele Analysten ist das Digitale Rechtemanagement ein Hemmschuh in der Entwicklung des noch jungen Marktes - und das in mehrfacher Hinsicht. Phil Leigh, Analyst bei Inside Digital Media, sieht die Expansionsmöglichkeiten des Online-Marktes bedroht: Die Restriktionen der Plattenindustrie, die Apple und andere Anbieter berücksichtigen müssen, verhindern, dass der Markt für Online-Musik sein ganzes Potential entwickeln kann." Forrester-Research-Analyst Ted Schadler nimmt die Position des Kunden ein: "Der Kopierschutz suggeriert dem Verbraucher: 'Wir trauen dir nicht'." Solange der Verbraucher in der Wahl seines Musik-Anbieters und seines Hardware-Anbieters eingeschränkt ist, solange wird es auch Musik-Piraterie geben. Der Verzicht auf das DRM könnte diesen Trend verringern, glaubt RealNetworks-Musik-Chef Dan Sheeran: "Die meisten Verbraucher wollen keine Piraten sein. Doch bis wir den Verbrauchern kein besseres Erleben ihrer digitalen Musik anbieten können, werden viele Kunden andere Wege gehen. Die Frage ist: Werden die Musikpiraten in der Zukunft die Mehrheit oder bloß eine Mindertheit sein?"  

Kopierschutz - nach und nach verzichtbar?

Neben zaghaften Versuchen der EMI stehen mehrere Anbieter in den Startlöchern, um digitale Musik ohne Kopierschutz anzubieten - oder tun es wie eMusic in den USA bereits. Um Amazon rumorte es, das Versandhaus wolle in dieses Segment einsteigen. Und unter dem Namen Snocap wollen Independent-Labels Musik DRM-frei vertreiben und dabei auch die Community auf MySpace nutzen. Künstler und Verleger, die bereit sind, auf den Kopierschutz zu verzichten, gibt es also. Plausibel klingt auch ein Leserkommentar auf macnews.de, der iTunes Store könne - neben den großen Labels - durchaus mit diesen Anbietern zusammenarbeiten und DRM-Freiheit ausprobieren. Analyst Phil Leigh glaubt daran, dass auch die Plattenindustrie lernen wird, auf den Kopierschutz zu verzichten, und zumindest ältere Titel ohne DRM anbieten wird. Daran glaubt auch Deutsche-Bank-Analyst Doug Mitchelson - aber auch an die Zukunft des Kopierschutzes: "DRM abzuschaffen wäre hoch riskant und würde einem Priaterie-freien, zukünftigen Geschäftsmodell für einen Online-Exklusiv-Vertrieb von Musik den Boden entziehen.

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