958810

Virtuelle Anwendungen: "Jetzt wird das Betriebssystem zur Erweiterung der Software"

08.11.2006 | 15:24 Uhr |

Virtualisierung beschränkt sich nicht auf Windows im Fenster. Gestern hat der Softwarehersteller VMware auf der VMworld-Konferenz in Los Angeles neue Weichen gestellt und eine Grundsatzrede zur Zukunft der Virtualisierung gehalten: Eine virtuelle Ära breche an, die Betriebssysteme müssten sich in der Zukunft mit einem Platz in der zweiten Reihe zufrieden geben.

"Noch marschiert jeder im Gleichschritt, den das Betriebssystem vorgibt", sagte Diane Greeme laut CRN während der Auftaktveranstaltung vor tausenden von Besuchern: "Wenn sich [das Betriebssystem] weiter entwickelt, bevormundet es Hardware und Software. Wenn Sie das Betriebssystem kaufen, sind die Applikationen an den physikalischen Prozessor gebunden. Wie veraltet ist das denn?" Diane Greene ist Vorstandsvorsitzende und Mitbegründerin von VMware. Zwei Neuigkeiten stellte der Hersteller von Virtualisierungslösungen im Rahmen der Konferenz vor: einen Marktplatz und ein Zertifizierungsprogramm für virtuelle Anwendungen . Von diesen Paketen, die sowohl ein Betriebssystem als auch Anwendungen enthalten, gibt es auf der VMware-Webseite bereits dreihundert. Mit Hilfe von VMWares Infrastruktur laufen sie dem Hersteller zufolge auf jeder Hardware - und bald auch auf Macs. Die virtuellen Applikationen umfassen vor allem Anwendungen im professionellen Bereich, beispielsweise Datenbank- und Mail-Server. Soft- und Hardwarehersteller hätten zudem die Entwicklung weiterer virtueller Anwendungen angekündigt und bekräftigt. "Hier greift die Virtualisierungsebene", erklärt Greene: "Jetzt wird das Betriebssystem zur Erweiterung der Software."Zahlreiche virtuelle Softwareanwendungen stünden bevor, die Betriebssystem und ein Softwarepaket in eine virtuelle Maschine packten. Die Hersteller bauten und konfigurierten sie so, dass sie unabhängig von der Hardware liefen. Greene nennt mehrere Beispiele: Oracle, der Hersteller eines Datenbanksystems, biete Software gemeinsam mit Linux als vorkonfigurierte virtuelle Applikation an. Und Microsoft habe die Auslieferung von virtuellen Anwendungen zu Testzwecken angekündigt, die SQL Server und Exchange enthalten. "Es findet ein tiefergehender Wechsel in der Herangehensweise statt, wie man eine Software erstellt und testet, wie man Pakete schnürt und verteilt", verspricht die VMware-Vorsitzende und ruft die Hersteller auf: "Das ist eine phänomenale Gelegenheit, den Status Quo zu verändern." Nicht zuletzt reagiert sie damit auf eine Ankündigung von Microsoft und Novell , die nur wenige Tage zurück liegt: Die beiden Hersteller wollen in Zukunft zusammenarbeiten, um im Serverbereich die Zusammenarbeit von Windows und Linux in gemischten Umgebungen zu verbessern. Insbesondere sollen die VMMs (Virtuelle-Maschinen-Monitore) der beiden Hersteller auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden. Novells SuSE-Linux setzt auf das Open Source-Projekt Xen; Microsoft plant, im nächsten Windows für Server (Longhorn) den Konkurrenten Viridian einzuführen. David Kaefer, General Manager of IP Licensing bei Microsoft, begreift VMMs allerdings als Teile eines Betriebsystems und nicht - wie VMware - das Betriebssystem als Anhängsel des Virtuelle-Maschinen-Monitors: "Wir sehen das Betriebssystem nicht als ein Element, das man nur hat, weil es nett zu haben ist. In dieser Hinsicht sind wir mit VMware nicht einer Meinung", erläutert er gegenüber CRN. "Es wird Szenarien für virtuelle Anwendungen geben - aber, wenn überhaupt, stellen wir uns die wachsende Verbreitung mehrerer Applikationen auf einem Server vor. Warum sollte man auch jede Applikation auf einem einzelnen [virtuellen] Server ausführen?" Virtualisierung beschränkt sich auf dem Mac im Moment hauptsächlich auf die Ausführung von Windows und Linux im Fenster. Parallels Desktop beispielsweise scheint sich im Moment ausschließlich auf diese Aufgabe zu konzentrieren. Bald folgen wird VMwares Lösung, die im Moment unter dem Codenamen Fusion gehandelt wird, mit ähnlichen Funktionen. Noch beschränkt sich die Anwendung von virtellen Applikationen neben der Softwareentwicklung hauptsächlich auf den Servermarkt - und selbst hier sind sich die verschiedenen Mitbewerber noch nicht über die Bedeutung einig. Virtuelle Applikationen wären aber auch im Heimbereich interessant - zumal dann, wenn die Oberfläche und die Interaktion mit anderer Software keine tragende Rolle spielt, bei Spielen zum Beispiel. Die VMware-Konferenz wirft einen interessanten Blick die die Zukunft: Die Rolle der Betriebssysteme könnte sich in wichtigen Bereichen verändern - schon bald.

0 Kommentare zu diesem Artikel
958810